Männer, Häuser und Geld

Vom Bauen: „Männer, Häuser und Geld kann man nie genug haben!" Der Palast des Westens, die erste Shopping-Mall Deutschlands, wurde von einer glamourösen Baulöwin konzipiert
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Ein Lied von Sex und Macht aus dem alten West-Berlin: 1960 feiert die junge Leipziger Architektin Sigrid Zschach Hochzeit mit dem Kreuzberger Bezirksbürgermeister „Texas-Willy“ Kressmann.....die Geburt einer Legende. „Plötzlich ist man drin!“ muss die aufmerksame junge Frau bald erkannt haben.

Später wird man die von Sigrid Kressmann-Zschach entwickelte Strategie mit dem Kürzel PPP (public privat partnership) bezeichnen, in den siebziger Jahren aber ist die Nähe zwischen Bauunternehmen und Politik nicht salonfähig. Bezeichnet wird so die Realisierung komplexer Bauvorhaben mit finanzieller Unterstützung durch die öffentliche Hand in Millionenhöhe. Die subventionsverwöhnte Inselstadt segelt glamourös unter Vollzeug in ihren prächtigsten Bauskandal, der unter anderem der langjährigen absoluten Mehrheit der Sozialdemokraten im Berliner Senat ein Ende setzt. Beschädigt sind am Ende nicht nur die politischen Gremien und die regierende Partei, sondern auch Vertrauen und Geduld der Bürger.

Nach dem Krieg stehen Ost- und West-Berlin im Wettbewerb mit den erforderlichen Aufbauleistungen von gewaltigem Umfang. Nach allgemeiner gesellschaftlicher Übereinkunft ist jede Art von Bautätigkeit erwünscht, eine Baustelle wird als Fortschritt begrüßt. Seit den skandalösen Sündenfällen wie dem Fall des Steglitzer Kreisels aber sind Presse und Öffentlichkeit sensibilisiert, man vermutet fehlende Transparenz, Blauäugigkeit oder auch Bereicherung und Vorteilsnahme bei den verantwortlichen Persönlichkeiten in den Behörden.

Blow up heißt der Schlüsselfilm der swinging sixties, blow up könnte auch als Motto über den Werken der munteren Sigi stehen, die nicht nur mit Maßstab sprengenden Großprojekten von sich reden macht, sondern auch durch einen Betriebsausflug nach New York und mit ihren Society-Eroberungen im Berliner Nachtleben: „Männer, Häuser und Geld kann man nie genug haben," zitiert Wikipedia.

Die schöne Sigi zeichnet nicht nur als Architektin, sondern agiert auch als Bauunternehmerin wie schon ihr Vater. Gibt es ein besonderes Gen für die Dressur von Beton und Mörtel? Zu Recht werfen ihr die Fachorgane „unzulässige Verquickung von Werbung, geschäftlichen Interessen und Architektentätigkeit" vor. Mit den Standesregeln der Freischaffenden Architekten ist die schöne Multimillionärin nicht zu fassen. Im kollektiven Unterbewusstsein wird seitdem die Vemutung gehegt, dass man als Architektin oder Architekt leicht ein Vermögen machen kann.

Die Unternehmerin ist eine kompetente, mutige und durchsetzungsfähige Überzeugungstäterin, schön, erfolgreich, umstritten, bei vielen auch beliebt Wie Soraya, so titelt der Spiegel 1971. Über 300 Mitarbeiter arbeiten in ihren Firmen, sie bewegt ein Bauvolumen von über 1,8 Milliarden DM. In ihrer Grunewald-Villa zählen die Journalisten 200 Kleider,140 Paar Schuhe, 70 Hüte, 65 Handtaschen, 65 Pullover, 44 Kostüme, 25 Negligés sowie 20 Pelzmäntel und –jacken.

Knallhart im Geschäft, damenhaft in Gesellschaft, warmherzig zu den Mitarbeitern, zupackende Baulöwin zur Balz, ein Geschöpf wie aus einem Filmplot...... 40 Millionen DM Architektenhonorar hat sie angeblich für den Steglitzer Kreisel ausgehandelt, Neid oder Eifersucht bleiben nicht aus.

Der Blick in die Chronolgie des Steglitzer Kreisels erzeugt Schwindel wie die Fahrt im Karussell: 1966 erwirbt Kressmann-Zschach mit der eigenen Avalon-GmbH die Grundstücke, weil sie die Pläne zum bevorstehenden U-Bahn-Bau kennt. 1967 legt die Architektin Pläne für ein Bürohochhaus mit Bus- und U-Bahnhof und sogar mit der ersten Shopping-Mall Deutschlands vor. 1968werden die Verträge zwischen dem Berliner Senat und der Avalon GmbH geschlossen, von den geschätzten Baukosten über 180 Millionen DM bürgt der Senat für knapp 40 Millionen DM und gibt ein zinsloses Darlehen von 32,8 Millionen DM. 1969 ist Grundsteinlegung, 1972 Richtfest für das 119 Meter hohe Bauwerk, nach der Insolvenz in 1973 findet die Avalon-GmbH ab 1974 bei inzwischen aufgelaufenen 330 Millionen DM Baukosten keine weiteren Kredite mehr, da kein solventer Mieter in Sicht ist.

Zum Richtfest 1972 preist der damalige Regierende Bürgermeister Klaus Schütz das Projekt „als eine große Idee, die sich bewähren wird“. Dreißig Geschosse ragen in den Himmel über Berlin-Steglitz. Begleitend seit 1973 erforscht ein Untersuchungsausschuss des Abgeordnetenhauses das verfilzte Beziehungsgeflecht um den Steglitzer Kreisel. In diesem Verfahren muss der Chef der Berliner Finanzdirektion zugeben, mit der schönen Sigi zweimal in Hotels genächtigt zu haben, in Wien und im Harz - Berlin ist mit über 70 Millionen DM am Risiko beteiligt.

Bis 1977 steht das Hochhaus nur im Rohbau, ein neuer Investor gewinnt die Steglitzer Bezirksverwaltung als Mieter. 1980 zieht die Verwaltung ein, 1988 erwirbt das Land Berlin trotz der inzwischen bekannt gewordenen Asbestbelastung den Büroturm für knapp 67 Millionen DM, man hängt Warnschilder auf: Achtung, enthält Asbest.

2004 beziffert ein Gutachten die Kosten einer Komplettsanierung mit 90 Millionen EUR, manche mögen Parallelen mit dem Schicksal des Palastes der Republik erkennen: Palast des Westens ist ein Artikel in der Berliner Zeitung überschrieben. Nach 2007 steht das Hochhaus leer, das Land Berlin sucht einen Investor als Käufer und schiebt die Entscheidung zu einer vereinfachten Sanierung auf die lange Bank. 2010 wird das Objekt auf der Immobilienmesse in Cannes angeboten, vielleicht finden Einzelteile den Weg in’s gelobte Morgenland wie einige Stahlträger der Berliner Palastruine, die im höchsten Gebäude der Welt einen neuen Platz gefunden haben sollen.

Natürlich ist die Steglitzer Vorstadtposse nicht zu vergleichen mit der wendebewegten Denkmalschändung auf dem Berliner Schlossplatz. Der Steglitzer Kreisel steht in der öffentlichen Kritik seit der ersten öffentlichen Vorstellung. Nach verlustreicher Historie 1988 erworben, sammelt das Land Berlin nach neun Jahren Nutzung Geld für den Abriss. Das Hotel im Sockelbauwerk scheint ausgelastet zu sein. Aber in den Herzen der Berliner ist der Steglitzer Kreisel vielleicht noch nicht angekommen.

Die Berliner Architekturgeschichte würdigt den mächtigen, nüchternen Zweckbau mit 119 m als eines der höchsten Berliner Gebäude nicht weiter, die Tauglichkeit zur Förderung der sozialen Integration und bürgerlichen Identifikation im Bezirk ist eher zweifelhaft. Oder sollten wir uns täuschen? Zeichnet sich etwa eine Änderung der öffentlichen Meinung ab?

„Der Senat muss nun endlich eine Entscheidung über die Zukunft treffen“, zitiert BZ im Januar 2010 den Steglitzer Abgeordneten Benedikt Lux (Grüne). „Es kann nicht sein, dass dieses typische Berliner Bauwerk am Ende abgerissen wird.“

Vielleicht ein neuer Fall der Quedlinburger Qranqheit? Selbst die Frage nach der Nutzung findet Antwort bei Bernd Matthies im Tagesspiegel: „Machen wir ein Mahnmal draus fürs alte West-Berlin und seine unnachahmliche Kunst, das Geld stilvoll aus dem Fenster zu werfen. Was da kichert, ist die große Architektin Sigrid Kressmann-Zschach, die sich posthum köstlich darüber amüsiert, wie sie die Stadt damals aufs Kreuz gelegt hat.“

Also doch: ein Denkmal für eine unsterbliche Liebe wie das Taj Mahal? Ein Monument für die Sehnsucht, die Neue Welt zu bauen?

Hier endet der 64. Eintrag: Dieser Blog mischt Fiktion und Realität. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind zufällig und in der historischen Überlieferung nicht verbürgt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO:

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01:31 01.02.2010
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Geschrieben von

archinaut

Ein Blick weitet den Horizont: Dieser Blog zieht um die deutschen Häuser
archinaut

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