Bad Humboldt

Willkommen! Wieder in Berlin - werden die Reisenden mit einer mysteriösen Baustelle konfrontiert
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Dieser Blog kommt aus der Zukunft. Sie ist grauenhaft. Wir schreiben das Jahr 2000 im Bordbuch des archinaut: So heißt unser Tourbus. Aber wir sind in einer schrecklichen Zeitschlaufe gefangen. Die Jahreszahl ist nicht kompatibel mit unserer Umgebung.

Der archinaut: trägt eine bunte Crew: Humboldt-Alex und Humboldt-Will, Magdalene „Marlene“ Dietrich, John „The Brain“ Torrio, Marguerite „Peggy“ Guggenheim, Elizier „El“ Lissitzky, Ludwig Mies „van der Rohe“, Ernst Jünger, die siamesischen Zwergkaninchen Happy und Nele, außerdem eine Handvoll Freibeuter, die ungenannt bleiben müssen. Mein Name sei NEMO, ich bin hier nur der Navigator. Die Würfel bestimmen Kurs und Geschwindigkeit.

Hinter uns liegt der weite Weg aus dem Harz. Monsieur Heine hatte uns zum Abschied noch ein freches Spottlied nachgeschickt, Text und Refrain natürlich französisch. Die Reise war nicht leicht. Gequält von Diarrhöe, Datenverlusten und kollektiven Halluzinationen erreichten wir die preußische Zollgrenze. Den Bus haben sie bis auf die letzte Schraube gefilzt, zwei Monate brauchte der Maschinist um den archinaut: wieder auf Kurs zu bringen.

Mit dem Westwind sind wir durch zerstörte, ausgeglühte Landschaften getrieben. An den Tankstellen liegen gestrandete Limousinen, viele neu und glänzend, aber scheinbar herrenlos und ohne Zukunft. Neid nistet in jedem Haus, hinter jedem Fenster. Sie haben die Banken und Tresore gestürmt, gezeichnet blutrot mit dem großen „B“, das steht gewiss für „Besetzt“ oder „Betrug“, in der Doppelung steht „BB“ für „Bad Bank“. Peggy ist ziemlich still. Mies saugt sorgenvoll an seiner Zigarre. Kommen wir etwa zu spät?

07.07.20??

Auf dem Berliner Schlossplatz gehen wir vor Anker. Vom Dach des archinaut: versuchen wir uns einen Überblick zu verschaffen. Offensichtlich sind wir auf einer Baustelle gestrandet. „Nieder mit Schloss Hartzburg“ hat jemand mit wilden Lettern pinkfarben auf eine blau-weiße Wandfläche gesprüht, „Cindy aus Marzahn“ daneben.

Will ist wütend, Alex weint. Was ist aus Berlin geworden? Wo ist der Palast? Wir haben auf dem Weg in die Hauptstadt gehört, dass die Revolutionäre das alte Schloss gesprengt haben. Marlene hat sich darüber sehr gefreut, sie denkt immer ganz praktisch.

In den Schulklassen haben sie für den neuen Palast in Berlin gesammelt. Unser Bord-TV hat schon Bilder gezeigt, glückliche Hauptstadtbesucher, Volksvertreter zum Anfassen, Restaurantplätze nach Plan. Wir haben Hunger, aber wir finden nur einen Stehimbiss. Mies raucht eine neue Havanna an.

„Was ist los, junger Mann?“ fragt Marlene. „Wir suchen den Palast!“ Die anderen betrachten mit widerwilliger Faszination das cholesteringlänzende Angebot. Beiläufig gibt der Gefragte Auskunft. „Das dauert noch....... sie bauen da ein Königsschloss, die alten Fassaden aus Sandstein, mit Kuppel und so, krass edel das Teil.....“

Wir sind verwirrt. Unsere Chrono-Navigation scheint ernsthaft gestört zu sein. Wo sind wir gelandet? Sind wir vom Weg abgekommen, haben wir Schiffbruch erlitten in einer Parallelzeit oder in einer falschen Inszenierung?

Mies stochert mit seiner Havanna in der Luft. Er zielt auf den Burschen mit der Speckschürze. Sein Blick wird eng, er war Mitglied der Novembergruppe. „Der Kaiser hat abgedankt, seine Familie ist enteignet und entmachtet“ murmelt er misstrauisch, „Sie haben hier die Republik ausgerufen.....“ Jünger studiert die Kakerlaken, die in der Auslage herumlungern, prüft mit kühlem Blick die Proteine..... dann stellt er die entscheidende Frage: „Frischer Held am glühenden Grill, wer baut dieses Schloss? Sind die Hohenzollern wieder zu Vermögen gekommen?“ Funken irritierter Aggression glimmen in den Augen hinter dem Tresen, vielleicht nur die Gasflamme oder die Spiegelung der Havanna. „Die Bonzen eben,“ erwidert der Steakmaster, „ keiner von uns darf da rein, wenn es fertig ist..... sie nennen es Humboldt-Forum....“

Marlene lauscht noch versonnen nach dem Hohen Ton, ein Lächeln kräuselt spöttisch ihre Augen, mitfühlend wie eine mexikanische Agave. „ Bad, bad boys, bad Humboldt...“ jedes Wort ihrer Stimme schmilzt dunkel wie eine Melodie. Alex begreift als Zweiter: „Sie haben unseren Namen gekapert!“ empört er sich: „Wir müssen das verhindern!“

Die Entrüstung der Brüder Humboldt beeindruckt sogar John „The Brain“; sein Wortschatz im Deutschen ist noch deutlich beschränkt: „Fuck.....PUMPdichvollBLEI!“

Hier endet der 1. Eintrag: Dieser Blog ist fiktiv und getrieben von automatischer Niederschrift. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind zufällig und in der historischen Überlieferung nicht verbürgt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO: Ich schreibe um unser Leben. Bitte bleiben Sie dran.

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Dieser Blog ist fiktiv und getrieben von automatischer Niederschrift. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind zufällig und in der historischen Überlieferung nicht verbürgt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO:

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18:08 15.08.2009
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Geschrieben von

archinaut

Ein Blick weitet den Horizont: Dieser Blog zieht um die deutschen Häuser
archinaut

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