Berliner Walkampf

Mär: Auch Kaninchen lieben Tierfabeln
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Dieser Blog kommt aus der Zukunft. 27.09.20?? Die Berliner Fischer erzählen ihren Kindern eine alte Legende. Happy und Nele haben diese Geschichte von Verwandten gehört und tragen sie ein in das Logbuch des archinaut: dabei schmücken sie den überlieferten Text noch mit eigenen Worten aus:

Jedes vierte Jahr erbebt die Erde, angstvoll blicken die Menschen zur Berliner Insel. Die Spree schäumt flussaufwärts wie flussabwärts, unheilvoll klagen dunkel und sehnsüchtig die Stimmen der Sirenen wie unterirdische Muschelhörner. Blitze schneiden Nacht zum Tag, Donnerschläge rollen über die geduckten Dächer der Fischer, zum Zerreißen gespannt sirren und zwitschern die Drähte der Telegraphen, Luft und Wasser mischen sich zu atemberaubender, neblig betäubender Gischtwalze.

Die erste Welle verschlingt die Netze, die Reusen, die Boote und Stege, mit roher Gewalt drängt eine mächtige Kreatur durch den Flusslauf des Urstromtals, erhebt sich wie eine Lawine ohne Schwere aus dem Gewühl und Geström, schwarz wächst der Schatten lang über die Insel, wie vom Himmel stürzt ein gewaltiger Wal auf den morastigen Schlossgrund, der dumpfe Schlag lässt Trommelfelle, auch Augäpfel der Unvorsichtigen platzen, im Hühnerstall die Eier, betäubt oder tot fallen Hahn wie Henne, auch manches junge Lamm.

„Walkampf! Walkampf! Walkampf!“ fliegt der Warnruf, die Menschen fliehen in die Kiefernwälder oder vergaben sich in den Sanddünen der näheren Umgebung.

Und eine zweite Bestie stürmt auf die Insel, versucht die erstgelandete Kreatur noch zu überfliegen, zu übertrumpfen, wuchtet sich mit aller Kraft aus dem tobenden, schwarzschaumigen Gebräu, steigt auf gegen die Erdkraft......

Schlag auf Schlag, bebend, wogend, im Donner, in einem wütenden Wahn treffen die kolossalen Giganten aufeinander und türmen sich in einem unbeschreiblichen, röhrenden, zuckenden, feucht glänzenden Fleischgebirge der Wale, verstrickt wie in orgiastisch-orgasmischer Kopulation.

Und so beginnt der Kampf: die Schleusen ihrer schiffmächtigen Leiber öffnen sie, treiben Körpersäfte der seltsamsten Arten aus ihren Volumen in alle Richtungen, Leibeshöhlungen stülpen sich aus, Drüsen pumpen Säfte und Gase, Hochdruck treibt mit hohem Ton und spitzem Strahl aus dem Blasloch, klebriger, ätzender Schleim kocht aus den Poren ihrer empfindlichen Zonen, wird gar geschleudert viele Armlängen weit als infektiöser Auswurf.

Sie schlagen nicht, sie beißen nicht: allein ihr Gewicht, ihre Leibesfülle, ihre Ausdünstungen und Säfte setzen sie ein im tödlichen Ringen. Sie wechseln ihre Farben, sie versuchen Sensorium und Abwehrkräfte der gegnerischen Artgenossen zu verwirren, zu täuschen und zu vernichten. Sie blähen sich auf, erzeugen mit ihren Sirenenstimmen dissonante Hochton-Frequenzen, die das Leben im näheren Umkreis vernichten können und den Gegner blenden und täuben.

Bei jedem Treffen bleiben einige Ungetüme auf der Walstatt, verendet in qualvollem Leid unter unsäglichen Schmerzen. Die Überlebenden verlassen den Platz stöhnend und jammernd, wälzen sich in das brackige Wasser und versinken in den morastigen Sümpfen zwischen Spree und Havel, wo sie sich nach Art der Riesenmolche behaglich einrichten und von verirrten Moorwanderern ernähren. Die Ruhe währt bis zum nächsten Walkampf.

Die Fischer müssen den Platz ausbrennen, wenn sie ihren Flecken wieder in Besitz nehmen. Da Fleisch und Walfett ungenießbar, hochtoxisch gar sind, müssen die verwesenden, schwärenden Leichengekröse zerteilt und zerstückelt werden, schwarzes Blutgift treibt die Spree hinab über viele Tage, Brandherde müssen sie im stinkenden Madenfleisch und im Walglibber setzen wie Fackeln, durch das Los werden die Unglücklichen bestimmt, welche die Säuberung zu übernehmen haben, und so mancher Tüchtige verlor dabei den Verstand.

Die Handwerker und Fischer in Berlin und Cölln hoffen auf das Jahr, in dem die Wale für immer fortbleiben.

Die Mär vom Berliner Walkampf ist eine sehr alte Legende, im Ursprung wahrscheinlich aus der Zeit, als Berlin und Cölln noch am Salzigen Meer lagen.

Hier endet der 14. Eintrag: Dieser Blog ist fiktiv und getrieben von automatischer Niederschrift. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind zufällig und in der historischen Überlieferung nicht verbürgt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO: Ich schreibe um unser Leben. Bitte bleiben Sie dran.

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20:52 12.09.2009
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Geschrieben von

archinaut

Ein Blick weitet den Horizont: Dieser Blog zieht um die deutschen Häuser
archinaut

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