Blüte der Alhambra ( I )

Vom Suchen: Erinnerung an eine Reise in das Herz der Träume von Al-Andaluz, an einen mythischen Ort, an dem die göttliche Schönheit wichtiger war als die Namen seiner Propheten
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Zwischen Seele und Herz haben die alten Griechen nicht unterschieden, heißt es. Inmitten der Innereien lokalisierten sie den Gemütsgrund der Psyche im Zwerchfell, phrenos umfasst Geist, Bewusstsein, Verstand, Gefühl, Herz und Wille wie alle anderen Innerlichkeiten. Die Zunge gehört leider nicht dazu im Sommer 198?:

Barcelona baut für Olympia.Die neue spanische Architektur ist angesagt bei uns Berliner Studenten. Weiß wie eine Hochzeitskutsche ist der Dieselwagen, den wir uns geliehen haben, ein praktischer Kombi, der uns bis an die südlichen Horizonte Europas tragen soll. Aber wir sind kein Paar.

Sie studiert Architektur wie ich,verabredet ist eine freundschaftliche Semesterferien-Exkursion in die spröde Hitze der iberischen Kreativität.... in sittsamer Reisegemeinschaft, ist sie doch eine gute Freundin meiner Herzensdame an der Spree.

Dass mein Zwerchfell eine schüchtern keimende, gänzlich unerwiderte Zuneigung hegt, sei verschwiegen vor der Welt, fällt mir ja selbst kaum auf.

Das Skizzenbuch ist dabei, auch eine Filmkamera (Super-8 ohne Ton), das Gepäck muss für vierzehn Tage reichen, als Treffpunkt dient eine süddeutsche Kleinstadt in der Nähe des Bodensees. Nach einer Übernachtung im gastlichen Haus ihrer Eltern entbietet der weiße Dieselkombi dem Schwabenländle noch einen rußigen Morgengruß und sucht sich dann die schnellen Routen durch Frankreich und Spanien. Wir wechseln uns am Steuer ab.

Im letzten Semester ist sie nach Darmstadt gewechselt, studiert jetzt am Lehrstuhl von Günter Behnisch, sie hat viel zu erzählen, der blonde Pferdeschwanz wippt fröhlich über die Kopfstütze. Im Vorüberziehn wechseln die Panoramen, von blau zu grün und felsig und weit.

Mit der Kamera will ich ein Reisetagebuch aufzeichnen, Sequenzen in Echtzeit, auch Zeitraffer und Serien von Einzelbildern werde ich probieren. Die Tankstopps sollen dem Film Struktur geben. Aber der erste Tank bringt uns fast tausend Kilometer weit in den Süden, der Strukturplan für das Streckentagebuch scheitert bereits am ersten Tag der Reise.

Zur Dämmerung laufen wir ein Städtchen in Spanien an, kurz vor Burgos, suchen zunächst ein preiswertes Hotel.... si, si, habitacion doble, ein Doppelzimmer, investieren dann die ersten spanischen Peseten in wohlschmeckende Zufallsbekanntschaften einer für uns rätselhaften Speisekarte...... das iberische Essen erzeugt eigentümliche Spannungen in der Zwerchfellgegend, liegt bestimmt am Olivenöl.....

Über dem Patio des Hotels warten die Sterne, als wir unsere Zimmernummer suchen. Das mächtige Doppelbett aus dunkel gebeiztem Holz bietet weiche Kissen und leichte Decken, in der Nacht träume ich von einem scharfen, kalten Schwert, das zwischen uns liegt.

Als ich die Augen öffne, schaut sie mich kurz an, sie liegt noch neben mir und studiert den Reiseführer. Blau steht der Himmel vor den Fensterläden, machtvoll fließt das Sonnenlicht ein, die Polyphonie der Gassen und Plätze hebt allmählich an..... ich beuge mich zu ihr, drücke ihr: Guten Morgen, einen leichten Kuss auf die Lippen und springe aus dem Bett.... klar, alles unter Kontrolle!

Dieser Tag dehnt sich weit, heiß und endlos. Madrid umfahren wir westlich, richten unseren Bug nach Süden: Sevilla! Die Autopiste durchquert verbrannte Hügel, streift über weitschwingende Ebenen, markant wie Seezeichen weisen uns die Osborne-Stiere den Weg.

Reiten, reiten, reiten, durch den Tag, durch die Nacht,

durch den Tag.

Reiten, reiten, reiten.

Und der Mut ist so müde geworden und die Sehnsucht so groß.....

beginnt Die Weise von Liebe und Tod..... von Rilke. Ein altes Lied.

Wir reiten nicht durch die Nacht. Wir finden ein Hotelzimmer bei Sevilla.

Im Traum glimmt eine Sarazenerklinge zwischen uns, das müssen Elmsfeuer sein.

Ich gebe ihr keinen Guten-Morgen-Kuss mehr. Eine Entzündung wandert unter meinem Zwerchfell hin und her. Auch zwischen den Lungenflügeln kribbelt es schon. Unten am Plätscherbrunnen im morgenkühlen Hof sind die Frühstückstische eingedeckt, von Patio zu Patio führt uns diese Reise, schnell, wir wollen weiter, die Stadt wartet.

Die Lektüre der Reiseführer macht klüger, sie weiß schon, was man in Sevilla sehen soll, aber auch, was wir verpassen müssen, heute wollen wir weiter nach Cádiz, natürlich das Meer sehen. Agaven und Palmen nehme ich vor die Kamera, wenn wir rasten.

Das kranke Zwerchfell sendet Hitzewellen durch meinen Körper, wenn ich sie ansehe, sie wird davon nichts merken, hoffe ich, achtunddreißig Grad im Schatten, im Wagen deutlich mehr. Auch mein Gedankenradius ist reduziert. Konzentrier Dich auf den Weg, auf die klangvollen Ortsnamen, Jerez de la Frontera, Medina-Sidonia....

Ohne große Worte verlängern wir die Reiseroute: Von Algeciras geht eine Fähre nach Tanger, hat sie gelesen, wir könnten einen Tagesausflug nach Marokko machen. Eintauchen in den Süden, ja, wir müssen nach Afrika, denke ich, wenigstens eine Stippvisite, unbedingt! Ich nicke. Ich reise gern als Flaneur, mir genügt eine Richtung. Es geht weiter nach Süden. Fahren, nur Fahren. Vergessen. Das Auge findet keinen Halt auf den staubtrockenen Ebenen, darüber die Himmel brennen.

Der Patio in Algeciras windet sich hoch wie ein Brunnenschacht gegen das Licht, Stiegen und Balkone treppen auf zum Himmelsfenster, eine einzelne Palme wirft lebhaftes Schattenspiel. Bis weit nach Mitternacht liege ich wach, horche dem Atem neben mir, in den Gassen lamentieren späte Gäste, unter den Nachtwolken schwebt die einschläfernde Symphonie der Aggregate, Kühlanlagen, gedämpft ein nächtliches Hafentremolo, Erinnerungssplitter der Reisetage: ein Zitteraal wacht zwischen uns, gebettet auf gestoßenem Eis wie in der Markthalle....

Das Herz ist ein Muskel, die Seele aber ein Hohlraum, darin die Träume wachsen: Die Seele ist ein Patio....

Eilig, nur eine kurze Dusche, kein Frühstück, die Fähre wartet nicht: die See ruft! Wir hasten aus dem Hotelzimmer, nehmen nur die wenigen Wertsachen mit, leichtes Gepäck für Nordafrika, Klee und Macke im Sinn. Menschentrauben am Hafenbecken, alle Schattierungen der Hautfarben, Passkontrollen natürlich, Tagesvisum für das Königreich Marokko.... dirección Tanger.

Als das Schiff aus dem Hafen läuft, linkerhand im Osten die Sonne über den Fels von Gibraltar steigt, finden meine entzündeten Innerlichkeiten endlich Ruhe, das Schiff dreht im großen Bogen nach Westen und fädelt sich zwischen zwei Tankern durch die Straße von Gibraltar.... der Alte Kontinent bleibt zurück, und im überirdischen Licht dieses jungen Morgens auf dem Meer bin ich sicher, dass unsere Reise ein glückliches Ende finden wird, sie lächelt mich an, ich bin wonnetrunken wie ein junger Hund und wir freuen uns an den kreischenden Möwenvölkern, die das Schiff begleiten......

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Hier endet der 108. Eintrag: Dieser Blog mischt Fiktion und Realität. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind zufällig und in der historischen Überlieferung nicht verbürgt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO:

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12:01 07.08.2010
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Geschrieben von

archinaut

Ein Blick weitet den Horizont: Dieser Blog zieht um die deutschen Häuser
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