Brennholz

Bloghütte: Dieser Blog kommt aus dem Wald
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Dieser Blog kommt aus dem Wald, 22.10.1853:

Gestern segelte ich gegen Abend mit Sophia und Mutter bis zum alten Schlachtfeld. John Goodwin, der einäugige Fischer, lud das Treibholz, das er vor kurzem mit seinem Boot gesammelt hatte, auf einen Handkarren und fuhr es nach Hause. Es war ein schöner Abend, und ein klarer, bernsteinfarbener Sonnenuntergang erleuchtete das östliche Ufer. Die Tätigkeit dieses Mannes, den die meisten für ein verkommenes Subjekt halten, war so einfach und direkt und ihre Motivation so leicht nachzuvollziehen – er beschaffte sich auf diese Weise sein Winterholz -, dass sie mich unaussprechlich entzückte. So sehr lieben wir einfache Handlungen, weil sie etwas Poetisches an sich haben. Auch wir möchten gerne so beschäftigt sein.

Vergegenwärtigen wir uns, wie der Börsenmakler sein Winterholz einbringt, welchen Spaß er wohl dabei hat, worin sein Boot und sein Handkarren bestehen! Er schiebt das gegenwärtige Leben auf, eilt mit der Bahn nach Boston und betätigt sich dort an der Börse, ohne dass er seine Arbeit wirklich genießt. So verdient er das Geld, mit dem er sich Brennholz kaufen kann. Und wenn ich ihm bei diesem indirekten und vertrackten Geschäft zufällig begegne, bin ich von der Schönheit seiner Tätigkeit nicht beeindruckt. Zwischen ihr und dem Sonnenuntergang besteht keine Harmonie.

Wie gerne möchte ich mir dagegen mein Brennholz auf diese Weise beschaffen, und etliches habe ich mir so besorgt. Ich bin froh, es zu haben, und möchte es auf keine andere Weise erwerben, die weniger einfach und direkt ist. Denn wenn ich eines der Dinge kaufe, die ich zum Leben brauche, betrüge ich mich in gewissem Sinne selbst. Ich versage mir das Vergnügen, ja die große Freude, die unser unfehlbarer Lohn ist, wenn wir ein Bedürfnis unserer Natur einfach und redlich befriedigen.

Kein Handel ist unmittelbar, sondern künstlich und vertrackt. Er geht gegen den Strich, denn er setzt das Leben hintan. Wenn die erste Generation nicht daran zu Grunde geht, dann die dritte oder vierte. Entgegen allen Statistiken werde ich niemals glauben, dass es die Nachkommen von Händlern sind, die den Staat erhalten, sondern die Nachkommen schlichter Bauern und Handwerker. Es ist diese Schlichtheit und die aus ihr gewonnene Kraft, die es dem einfachen Landstreicher ermöglicht, seinen Kopf unter den Menschen hochzuhalten, auch wenn er sich betrinkt und hin und wieder in der Besserungsanstalt landet.

Man würde meiner Beschäftigung nicht gerecht werden, wenn man sagen wollte, dass ich Holz fälle, um nicht zu frieren, oder Bohnen anbaue, um nicht zu hungern. Nein, den größten Gewinn aus diesen Mühen empfange ich, bevor das Holz nach Hause gefahren ist und die Bohnen geerntet sind. Die indirekte Art zu leben, liebe ich nicht, obgleich ich sie zuweilen selbst übe. Ich möchte an so vielen Orten wie möglich mit den Füßen auf der Erde stehen.

Goodwin steht auf der festen Erde. Sein Handwerk liegt so offen da wie die Sonne. Wie er sich sein Brot verdient, ist kein Geheimnis, auch dann nicht, wenn er es stiehlt. In seinem Leben ist weniger Unaufrichtigkeit als in so manchem Gewerbe.

Henry David Thoreau

Aus den Tagebüchern 1837 – 1861

herausgegeben und übersetzt von Susanne Schaup

Tewes Verlagsbuchhandlung

Hier endet der 179. Eintrag: Dieser Blog mischt Fiktion und Realität. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind zufällig und in der historischen Überlieferung nicht verbürgt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO:

Ich schreibe um unser Leben. Bitte bleib dran.

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00:55 21.07.2011
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Geschrieben von

archinaut

Ein Blick weitet den Horizont: Dieser Blog zieht um die deutschen Häuser
archinaut

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