Brief vom Wert der Zeit

Erosion: Peggy schreibt ihre Erinnerungen auf
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An einem kühlen Abend schreibt Peggy einen neuen Brief an Marlene:

Ist denn die Zeit nicht das Wertvollste, was uns zur Verfügung steht, liebe Freundin? Und doch gehen wir oft so sorglos mit der Zeit anderer Menschen um...

Wenn ich mich an die Gespräche in Quedlinburg erinnere, frage ich mich manchmal, ob unser Empfinden immer an den Fluss der Zeit gebunden sein muss oder ob wir auch einen Zustand der Zeitlosigkeit erreichen können, die Zeit nicht nur vergessen, sondern die Zeit abwerfen können wie einen Mantel, der uns zu eng geworden ist....

An einem Sommerabend haben wir uns in Halberstadt getroffen, nicht weit von Quedlinburg..... dort bauen sie eine Orgel, Ton für Ton werden sie das Instrument ergänzen, Jahr um Jahr weit in die Zukunft, über sechshundert Jahre soll es dauern, bis der letzte Ton des Stücks verklungen ist... das Tempo hat der Komponist vorgegeben mit „as slow as possible“... eine einsame Orgelpfeife stand in einem armseligen Gerüst, kein Organist erwartete uns, sondern eine elektronische Steuerung...kühl und feuchtdunkel war es in dem Kirchenraum, die Anlage ist fast tausend Jahre alt... er musste dann plötzlich leise lachen und hat es mir später beim Essen erklärt:

Diese Orgel erschien mir gerade wie ein Bild unserer Aufgabe als Architekten, sagte er, wir bauen für eine Melodie, die noch keiner hört.... und wenn sie endlich erklingt, sind wir schon lange nicht mehr dabei....

An diesem Abend war ich nicht in der Laune, seine pessimistischen Anwandlungen kommentarlos zu ertragen, außerdem hatte mich die Installation in der modrigen Kirche enttäuscht... wenn man das Stück so plane, dass kein Mensch, sondern nur eine Maschine die Orgel bedienen könne und das Publikum mehrerer Generationen über die Aufführung wegsterbe, so tauge der Plan eben nicht zur musikalischen Erbauung, der Zeitraum des Konzerts sei schließlich von den Organisatoren selbst gewählt...

Mich wundert immer wieder, wie schnell ein Gedanke keimt, sagte er dann, und wie lange es dauert, bis eine Idee nach der ersten Skizze abgewogen, konstruiert und aufgezeichnet ist... sich also noch lange nicht in der Umsetzung befindet...

Sie versuchen ein paar zusätzliche Touristen in die schimmlige alte Kirche zu ziehen, sagte ich, aber ich glaube nicht, dass dieses langweilige Projekt die nächsten sechshundert Jahre übersteht!

Vom ersten Strich an kämpfen wir gegen die Erosion, sagte er, das Budget ermöglicht eine bestimmte Baumasse, mit jeder Zeichnung nähert man sich der Vision des endgültigen Plans... das Budget definiert auch den Honorarrahmen, der zur Verfügung steht, Plan um Plan schmilzt das Honorar, jede besondere Sorgfalt im Detail ist ein Schnitt in die eigene Wirtschaftlichkeit, eine Unterhöhlung der Existenzgrundlagen....

Und schließlich meinte er noch, dass er bei jedem neuen Auftrag befürchte, dass die Kosten für das Büro höher seien als das zu erzielende Honorar....

Hier endet der 338. Eintrag: Dieser Blog mischt Fiktion und Realität. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind zufällig und in der historischen Überlieferung nicht verbürgt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO:

Ich schreibe um unser Leben. Bitte bleib dran.

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23:57 24.06.2012
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Geschrieben von

archinaut

Ein Blick weitet den Horizont: Dieser Blog zieht um die deutschen Häuser
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