Brief von den beiden Häusern

Reisen: Erinnerung an einen kühlen Sommer
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In einem Brief an Marlene erzählt Peggy von einer Reise mit dem Quedlinburger Freund:

Unsere Bekanntschaft zog sich zur Freundschaft... wenn wir uns trafen, war er lebhaft, aber unzufrieden, auch wenn er gerne darüber wegscherzte... die Bankraten, die Bauherren, das widerspenstige Büro.... Über mein Helfersyndrom hast Du ja gelegentlich gelästert, liebe Freundin..... und dieser Patient war leider taub und blind gegen meine fürsorgliche Umgarnung...

Zum Essen trafen wir uns in den verwunschenen Gasthäusern, die in den Schluchten der Harztäler hausen oder auch höher am Harzrand nisten wie streitbare Adlerhorste.... und immer habe ich ein Zimmer für die Nacht reserviert, ohne dass er davon wusste.....

Also wollte ich ihn auf eine Reise einladen: Wir saßen im Gastraum eines kleinen Hotels in Blankenburg, gedankenmüde schaute er aus dem Erkerfenster in die frühen Abendsterne, der Sonnenuntergang irrte unschlüssig über den finsterwaldigen Bergrücken... das Haus hatte nur neun Zimmer, das weiß ich noch, eine alte, turmgeschmückte Villa am steilen Hang, wir waren die einzigen Gäste zum Essen, der Eigentümer hatte den Kamin für uns entzündet.... und die Lichter am Hang gegenüber waren zum Greifen nah: wie eng die Welt hier ist, dachte ich noch, und im Nachtdunkel zog sich das Tal immer weiter zusammen wie zu einem schweren Unwetter... Lass uns ans Meer fahren, sagte ich, wenigstens für ein Wochenende, in den Westen, wo das Land ganz flach ist und der Blick so weit wird... an holländische Windmühlen dachte ich, an Dünen, an Wolken und an meinen offenen Wagen, die Fahrt sollte ihm die düsteren Gedanken lüften...

Wer zwei Frauen hat, verliert sein Herz, wer zwei Häuser hat, verliert seine Seele, sagen sie in Frankreich.... wenn er seine Seele schon verloren hatte, wollte ich wenigstens sein Herz retten, nicht ganz uneigennützig, wie Du Dir vielleicht denken kannst...

Erst wehrte er sich.... aber weil ich seine Büchersammlung kannte, war ich sicher, dass er nicht lange widerstehen konnte..... die dicken, bunten Bildbände der niederländischen Büros waren mir immer wieder ins Auge gesprungen.... die jungen wie MVRDV, Mecanoo, ja und natürlich viele Bücher über OMA.... und ich behielt recht, es gelingt mir bald, ihn für ein Wochenende zu entführen.

In der Kunsthal in Rotterdam zeigen sie gerade Erotische Fantasien aus dem alten Japan... mein Patient schenkt seine Aufmerksamkeit aber nur der baulichen Hülle, hat sogar eine Liste mit Adressen von Gebäuden vorbereitet, die er sich noch ansehen möchte.... da dränge ich ihn lieber, dass wir weiterfahren Richtung Meer.... und wir suchen uns ein Hotel am Hafen einer freundlichen kleinen Holländerstadt, die roten Klinker spiegeln sich im Hafenbecken....

Ans Meer sind wir am nächsten Tag, ratlos irgendwie beide, ob diese Fahrt unser Leben verändern wird.... der Sand ist kühl und feucht, weil es in der Nacht geregnet hat, im Strandhafer spielt der Wind mit den trockenen Disteln.... wir sind fast allein....

Und im nächsten Moment... bin ich ganz allein: Sein Mobilfon hat geklingelt, seine kleine Tochter ruft an, und eben in der Sekunde, in der er sich mit seinem Namen, mit seiner warmen Stimme meldet, hat er diesen kühlen Strand, die grauen Wolken über uns und sogar meine Hand, die kleine Locken in sein Haar drehen möchte, vollständig vergessen...

Hier endet der 349. Eintrag: Dieser Blog mischt Fiktion und Realität. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind zufällig und in der historischen Überlieferung nicht verbürgt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO:

Ich schreibe um unser Leben. Bitte bleib dran.

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23:13 13.07.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

archinaut

Ein Blick weitet den Horizont: Dieser Blog zieht um die deutschen Häuser
archinaut

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