Hetär* der Hedonisten (Teil I)

Desperate Despoten: Wie der beliebte Despot seine Bürger verkaufen wollte und so die Kühne Renate auf den Plan rief
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Eine Legende aus der Zeit bevor die Piraten kamen. 18.09.20?? Im Logbuch des archinaut: ist eine wahre Begebenheit einzutragen:

Nachdem der Berliner Despot Wow I. (Wow der Erste) seinen gefährlichsten Konkurrenten Senator Kannibal in die Wüste geschickt hatte, lebte er glücklich wie ein Wurm im Kerngehäuse eines reifen Apfels mit seiner huldvollen Herzensfreundin Marie-Antoinette.

Nur eine große Sorge trieb ihn um: „Wann wird mein Schloss endlich fertig?“ fragte er jeden Morgen beim Rasieren seinen Zauberspiegel. „Das Schloss ist fertig, wenn Ihro Majestät in Rente gehen!“ antworte der Spiegel prompt, denn er war ausnehmend gut dressiert. Und der Despot war über diese Antwort hochzufrieden und streichelte den Spiegel an der Stelle, wo es leicht kitzelt.

Der Despot freute sich auf die Rente, war er doch des Regierens etwas müde: die Bürger der Spreeinseln kamen jeden Tag mit neuen Beschwerden zu ihm.

Die Hausbesitzer brauchten höhere Mieteinnahmen, die Mieter aber beklagten sich über verschimmelte Wohnungen, die unbezahlbar teuer seien. Die Bäcker stöhnten über die hohen Mehlpreise, die Verbraucher aber murrten, dass zuviel Luft in den berühmten Berliner Schrippen verbacken sei.

Der Stadtkämmerer rief nach höheren Steuereinnahmen, weil jedes Goldstück zweifach verbraucht wurde: fürjeden Taler, der für die Gehälter und Pensionen der Stadtbediensteten ausgegeben wurde, musste ein weiterer Goldtaler in die Rekonstruktion des Stadtschlosses investiert werden. Der Hofalchemist war deutlich gestresst, soviel Gold auszubraten und verlangte fuderweise Krötenblut und Engelwurz.

Das kam der Kühnen Renate zu Ohren, einer gerechtigkeitsliebenden Rittersfrau, die schon in manchen Kämpfen viele Recken der Nord-, Süd-, West-und Ostländer besiegt hatte. Mit ihrer wackeren Streitstute Trittinante machte sie sich auf den gefährlichen Weg in das sumpfige Hauptstadt-Archipel, um den übermütigen Despoten in seine Schränke zu verweisen.

Der Despot Wow I. hatte inzwischen neue Geldgeber gefunden: International agierende Raubritter boten einen goldenen Taler für jede Seele, die der Despot ihnen aus dem silbernen Seelenbuch der Stadt überschreiben konnte. Der Despot überlegte lange und rief sie dann zu einem Gespräch. Die Raubritter schickten als Abordnung ein paar Brüder vom Gral der Hedonisten.

„Ich verstehe Euren wohl berechtigten Wunsch,“ sagte der Despot bekümmert, „und es ehrt mich und die Menschen der Hauptstadt, dass ihr für jede Seele einen ganzen Goldtaler geben wollt....“ er seufzte tief und überlegte noch immer, wie er an ihr Gold kommen sollte, ohne sie zu enttäuschen. „Bitte nehmt zur Kenntnis, dass ich bei allen meinen Bürgerinnen und Bürgern sehr beliebt bin, weil ich ihnen nie die Seele abverlangt habe... in den Grenzen dieser Stadt durften sie sich frei fühlen seit den Zeiten des Großen Friedrich...“ Die Hedonisten giggelten und fummelten an ihren I-Pods. Keiner hörte zu. Sie wussten, dass sie sowieso gewinnen würden.

In der Norddeutschen Tiefebene kämpfte die Kühne Renate unterdessen gegen riesenhafte elektrische Windmühlen und gegen heimtückische Strahlung, aber nichts konnte sie aufhalten. Ihr Gefolge wurde von Tag zu Tag größer.

Der Despot bewirtete die Hedonisten großzügig mit gebratenen Tauben, sandigen Erdäpfeln und süßen Naschereien der Österreichischen Hofconfiserie. Sie hatten den Kurs schon auf zwei Berliner Seelen für jeden Taler hochgetrieben und griffen freudig zu, nicht ohne reichlich Schampus von Lutter & Wegener im Ratskeller zu versprühen.

Was hätte nur Senator Kannibal in dieser Lage getan? überlegte der Despot missmutig und vermisste zum ersten Mal den furchtlosen Strategen an seiner Seite. Aber dann kam ihm der rettende Gedanke:

„Liebe Investoren,“ rief er ihnen durch den fröhlichen Lärm des ausgelassenen Gelages zu, „ich hole jetzt das Goldene Buch für Euch, darin steht jeder einzelne Quadratmeter Grund dieser Stadt verzeichnet! Nehmt den Boden als Sicherheit für ein Darlehen! Dann habt ihr nicht nur die Seele, sondern das Leben eines jeden Einwohners und seiner Nachkommen in der Hand, bis die Schuld abgelöst ist!“

Wie geht es weiter?

Wird die Kühne Renate ihr Ziel erreichen?

Mehr dazu in Kürze in diesem Logbuch!

* Hetär (mask. zu Hetäre): Auch wenn die männliche Form nicht überliefert ist, sollte sie im Zuge des Gender-Mainstreamings entdeckt werden...

Hier endet der 195. Eintrag: Dieser Blog mischt Fiktion und Realität. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind zufällig und in der historischen Überlieferung nicht verbürgt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO:

Ich schreibe um unser Leben. Bitte bleib dran.

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Hier die Chronik der Peinlichkeiten:

Prolog: Kannibal Sarrazin

Hetär der Hedonisten Teil 1

Hetär der Hedonisten Teil 2

Hetär der Hedonisten Teil 3

Hetär der Hedonisten Teil 4

Hetär der Hedonisten Teil 5

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Wow I. sehnt sich nach dem neuen Schloss, um mit seiner Herzdame endlich das Haus PreußischWow! in das güldene Buch der Geschichte Berlins einzuschreiben, aber der Schlossbau bleibt von Folge zu Folge chronisch unterfinanziert....

01:34 05.09.2011
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Geschrieben von

archinaut

Ein Blick weitet den Horizont: Dieser Blog zieht um die deutschen Häuser
archinaut

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