Hetär* der Hedonisten (Teil II)

Desperate Despoten: Die Kühne Renate verkündet die Freiheit am Tag der Entscheidung
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Die Kühne Renate klopfte ans Tor der Doppelstadt: „Despotischer Wow, Deine Verschwendungssucht muss ein Ende haben! Du hast kein Ohr und kein Herz für die Menschen unter Deiner Herrschaft! Wir werden die Bürger der verarmten Stadt von Deinem Joch befreien!“

Der Despot Wow I. lachte nur freundlich: „Ist das Dein Herz, was da so laut klopft, Kühne Renate? Ich kenne keine Frau, die mir länger als fünf Minuten standgehalten hätte: Ich bin arm, aber sexy!“ Und er zeigte ihr sein goldenes, mit funkelnden Diamanten besetztes Suspensorium.

Die Kühne Renate knirschte vernehmlich mit ihren stahlgehärteten Zähnen: „Deine Zeit ist vorbei! Du hast Deine Bürger verkauft, Dich erwartet ein bitteres Ende! Mach Dich bereit, Dein letztes Stündlein hat geschlagen! Die Jahre der Bonzokratie sind vorbei!“

Der Despot fand die Konversation nach fünf Minuten zu langweilig und zog sich zurück in das Rote Rathaus. In allen Amtsstuben schufteten und knechteten die fleißigen Steuereintreiber im Akkord, im Ratskeller aber feierten die Brüder vom Gral der Hedonisten ausschweifende Gelage, das gefiel dem Despoten noch besser. Frauen mit Rüstung hatten hier keinen Zutritt.

Es jährte sich auch die Zeit des Berliner Walkampfs. Der Despot war sicher, dass die Kühne Renate und ihr Gefolge von den herabstürzenden Walen vernichtet würden.....

Viele Bürger bewunderten die Kühne Renate für ihren Mut. An ihren Haustüren befestigten manche ein grünes Band, um ihr zu zeigen, dass sie als Gast willkommen sei und in ihrem Haus eine sichere Herberge finden könnte. Renate wurde in armen wie in reichen Häusern empfangen, und die Bürger klagten ihr Leid.

Unterdessen fragte Wow I. wieder einmal beim Rasieren seinen Zauberspiegel: „Wann wird mein Schloss endlich fertig?“ Und der Spiegel antwortete prompt „Das Schloss ist fertig, wenn Ihro Majestät in Rente gehen!“ und seufzte dann tief. Der Despot war mit dieser Antwort nicht zufrieden. „Was ist los mit Dir?“ knurrte er gereizt, „muss ich mir einen neuen Spiegel besorgen?“ „Nein, nein,“ beeilte sich der Spiegel zu sagen, „aber die Kühne Renate ist in der Stadt, und wenn sie erst entdeckt, wie schwer die Bürger für das Schloss schuften müssen, dann wird sie wohl alle zum Widerstand aufstacheln wie damals beim Berliner Unwillen....“

Wutentbrannt riss der Despot den Zauberspiegel von der Wand und zerschlug ihn in tausend Stücke. Der letzte Ausdruck war ein Wort, das er nicht ertrug. Das hätte der Zauberspiegel eigentlich wissen müssen, aber Spiegeln mangelt es an emotionaler Intelligenz.

Die Bürger klagten bei Renate über die dreisten Bonzen, über die Teuerung der luftigen Berliner Schrippen, über die schlechten Löhne und über die neue Galopprennbahn A100 für den Despoten und seine Freunde. Da sie wussten, dass Wow I. die Rekonstruktion des Stadtschlosses mit falschem Alchemistengold bezahlte, klagten sie nicht über das Schloss, sondern über das wertlose Gold, dass sich im Umlauf befand. „Wenn das neue Gold nur einen Tag in der Schublade liegt, ist es schon leicht verrostet!“ beschwerten sie sich. Ob es wohl am Prägestempel lag: „Lehmann Brothers, 200% werthaltig“?

Wow I. war schon so lange an der Macht, dass man die Jahre seiner Herrschaft nicht mehr zählen konnte. In jedem Buch stand eine andere Zahl, und er selbst erinnerte sich nicht, in seinem Leben jemals einen anderen Job gehabt zu haben. Er konnte sich auch nicht vorstellen, dass er den Despotenthron freiwillig räumen würde. Schließlich war er der beste Despot der westlichen und östlichen Welt!

Aber auch ein sehr guter Despot muss sich sein Volk von Zeit zu Zeit gefügig machen. In Berlin gibt es dafür von alters her einen denkwürdigen Brauch, das Despotenküssen: An einem schönen, sonnigen Herbsttag begab sich also der amtierende Despot Wow I. mit hundert Gefolgsleuten vor das Brandenburger Tor, dort richtete man ihm ein prachtvolles Schaubett mitten auf dem Pariser Platz. Der Despot entblößte seinen gemästeten Leib in der kräftigen Herbstsonne, bis kleine, glänzende Schweißperlen auf der rasierten, geölten Despotenbauchhaut glitzerten. Merke: Nur ein adipöser Despot wird als Herrscher anerkannt....

Die Einwohner der Stadt dürfen an diesem Festtag den „Bauch der Macht“ berühren, ein jährlich erneuertes Zeugnis für die Verbundenheit von Landesherr und Untertanen, mit dem sie ihrem Herrscher noch einmal huldigen, bevor der Winter alle Berliner in die Häuser zwingt.

Die Bürger hatten bei der Kühnen Renate ihren Unmut über die despotische Regentschaft entlüftet.... aber dann stellten sie sich an, um Wow I. und dem „Bauch der Macht“ in seinem Prunkbett zu huldigen: der Berliner ist harmoniebedürftig und liebt knuddelige Rundungen, die gerne auch etwas nach Bär riechen dürfen.

Die Kühne Renate kletterte auf das Brandenburger Tor direkt am Pariser Platz, sie besetzte den Streitwagen in luftiger Höhe und hielt eine flammende Rede an die Bürgerinnen und Bürger der Stadt: „Befreit Euch! Ich befreie Euch! Gebt mir die Herrschaft über die Stadt, und Ihr werdet frei sein!“ Leider ist das Brandenburger Tor sehr hoch, außerdem war es windig und niemand konnte verstehen, was die Kühne Renate dort oben verkündete.

Die Berliner drängten sich um Wow I. und um seine prächtige Bettstatt, er roch wunderbar nach Bär und sie küssten entzückt seinen Bauchnabel, weil die glitzernden Schweißperlen der Macht erotisierende Halluzinationen auslösten.

„Was für ein Glückstag!“ rief einer der huldigenden Bürger aus, „Ein langes, erfolgreiches Leben wünsche ich unserem Despoten......... nie wieder soll die Kühne Renate Eure Geschäfte stören!“

Diese Sprache gefiel dem Despoten ausnehmend gut, und so fragte er nach dem Namen des treuen Bürgers. „Ich bin der Vorsitzende des christlichen Bürgervereins,“ gab der fröhlich zurück, „mein Name ist Henkelfrank!“

Wow I. und der Henkelfrank wurden gute Freunde. Sie sahen sich danach täglich. Henkelfrank wurde zum neuen Zauberspiegel befördert und jeden Morgen fragte der Despot beim Rasieren: „Wann wird mein Schloss endlich fertig?“

Wie geht es weiter?

Wird die Kühne Renate die Knute des Despoten brechen?

Mehr dazu in Kürze in diesem Logbuch!

Wie alles begann:

* Hetär (mask. zu Hetäre): Auch wenn die männliche Form nicht überliefert ist, ist sie im Zuge des Gender-Mainstreamings einzuführen...

Hier endet der 208. Eintrag: Dieser Blog mischt Fiktion und Realität. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind zufällig und in der historischen Überlieferung nicht verbürgt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO:

Ich schreibe um unser Leben. Bitte bleib dran.

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Hier die Chronik der Peinlichkeiten:

Prolog: Kannibal Sarrazin

Hetär der Hedonisten Teil 1

Hetär der Hedonisten Teil 2

Hetär der Hedonisten Teil 3

Hetär der Hedonisten Teil 4

Hetär der Hedonisten Teil 5

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Wow I. sehnt sich nach dem neuen Schloss, um mit seiner Herzdame endlich das Haus PreußischWow! in das güldene Buch der Geschichte Berlins einzuschreiben, aber der Schlossbau bleibt von Folge zu Folge chronisch unterfinanziert....

05:36 16.10.2011
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Geschrieben von

archinaut

Ein Blick weitet den Horizont: Dieser Blog zieht um die deutschen Häuser
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