Kennen Sie Thale?

Ostharz: Nachfrage an den Leser - ein Roman in Fragmenten
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Kennen Sie Thale nicht, wurden Sie wahrscheinlich im Westen sozialisiert....

Hinter dem Harz liegt das Städtchen Thale, von Westen gesehen, im Schatten der Harzer Berge, an der Stelle, wo der Bodefluss zwischen steilen Felsen, links Rosstrappe, rechts Hexentanzplatz eilig passiert und aus der steil geschnittenen, dicht bewaldeten Bergschlucht in die flache Ebene treibt...

Zur Wende lebten weniger als zwanzigtausend Menschen in der kleinen Stadt, danach verlor sie noch an Einwohnern... nur ein paar Kilometer die Bode flussabwärts liegt die alte Fachwerkperle Quedlinburg, beide Kleinstädte einander verbunden in herzlicher, jahrhundertealter Konkurrenz: das erste Mal geriet das Thalenser Kloster Wendhusenschon im frühen Morgennebel des ersten Jahrtausends unter die Fuchtel der Quedlinburger Stiftsdamen...

Der Sage nach verdankt der Gebirgsfluss seinen Namen einer unglücklichen Liebe:

Vor Zeiten lebten im Harz gewaltige Riesen, einer von ihnen hieß Bodo. Er begehrte die schöne Königstochter Brunhilde, die jedoch nichts von ihm wissen wollte. Bei einem Ausritt im Wald traf Bodo eines Tages zufällig Prinzessin Brunhilde, ebenfalls zu Pferde, die sofort vor ihm floh. Er jagte ihr nach und hatte sie bereits fast eingeholt, als sich vor ihnen eine tiefe Schlucht auftat. Brunhilde gab ihrem Pferd die Sporen und sprang mit ihm über das Tal auf den Felsen gegenüber. Der Aufprall des Pferdehufes hinterließ einen tiefen Abdruck im Gestein, der noch heute zu sehen ist. Der verliebte Riese Bodo war aber zu schwer und stürzte mit seinem Pferd in den Fluss, der seit diesem Tag "Bode" genannt wird.

Warum war Bodo schwerer als Brunhilde? Trug er etwa einen Eisenpanzer, dessen Gewicht seine Sprungbahn in die Bode lenkte? Bereits im fünfzehnten Jahrhundert wurde in Thale eine Eisenhütte erwähnt, im Jahr 1835 nahm hier das erste Blechemaillierwerk Europas seinen Betrieb auf. Neben den Werken wuchs eine bescheidene Hüttenarbeiterstadt.

Die Erschließung von Heilquellen wie der 1836 in Thale eröffneten Hubertusquellemitradonhaltigem Wasser löste überregional eine gewisse frühtouristische Anziehungskraft aus. Im Jahr 1862 wurde der Eisenbahnverkehr zwischen Berlin und Thale aufgenommen, ein Jahr später eröffnete die Eisenbahngesellschaft das noble Hotel Zehnpfund, das mit seinen 120 Zimmern und Suiten mehrfach als das größte Sommerhotel Deutschlands bezeichnet wurde. Nach Thale reiste man in die Sommerfrische – so auch Theodor Fontane, der auf der Terrasse des Hotel Zehnpfund das Vorbild für seine Effi Briest entdeckte:

Ich saß im Zehnpfund-Hotel, auf dem oft beschriebenen Balkon und sah nach der Rosstrappe hinauf, als ein englisches Geschwisterpaar [...] hinaustrat. Das Mädchen war genauso gekleidet, wie ich Effi in den allerersten und dann auch wieder in den allerletzten Kapiteln geschildert habe: Hänger, blau und weiß gestreifter Kattun, Ledergürtel und Matrosenkragen. Ich glaube, dass ich für meine Heldin keine bessere Erscheinung und Einkleidung finden konnte, zitiert Wikpedia einen Brief Fontanes.

Einen erbaulichen Aufenthalt im Hotel Zehnpfund gönnt Fontane auch seiner Romanheldin Cécile (1884-1886), er bricht das Ferienidyll in seinem Roman aber dadurch, dass mächtige Rauchschwaden des Thalenser Emaillewerks durch das Bodetal ziehen. Fontane beschreibt eine Gesellschaft, deren Ideale allmählich erlöschen. Bis zu zehn Prozent der weltweiten jährlichen Emailleproduktion vor dem ersten Weltkrieg stammen aus Thale.

Seit 1903 residiert das Bergtheater hoch über der Stadt am Hexentanzplatz, gegründet als Grüne Bühne zur Sammlung von Kräften der deutschen und volkstümlichen Bestrebungen und konzipiert als Musterweihebühne im Geist von Richard Wagner. Viele Vertreter der sogenannten Heimatkunstbewegung riefen damals zur finanziellen Unterstützung des Landschafts- und Volkstheaters unter freiem Himmel auf, die Harzfestspiele sollten Vorbild für ein überall in Deutschland auszubreitendes Netz von Sommerbühnen werden. Heute liest sich der Spielplan weniger martialisch, dafür weitgehend ideologiefrei.

1910 sprachenKarl Liebknecht, Rosa Luxemburg und Clara Zetkin zu Thalenser Arbeitern. Ab 1916 wurden in ThaleStahlhelmeproduziert. Im Zweiten Weltkrieg besaß Thale das Monopol auf diese (seit 1934), weiß Wikipedia.

Ob jemand gezählt hat, wie viele Millionen Stahlhelme den Thalenser Bahnhof in alle Himmelsrichtung verlassen haben?

Auch nach dem zweiten Weltkrieg bleibt Thale Industriestandort, trotz der imposanten Naturkulisse wuchern jetzt Werkstätten, Lager und Infrastruktur der metallverarbeitenden Produktion Schicht für Schicht zum Konzert des kollektiven Schaffens, erst mit dem Untergang der Republik kommt das große Schwungrad knirschend zum Stehen: Halle um Halle fällt in den Schutt, über planierten Flächen hebt sich die düstere Stahltorso der Bodenwaschanlage...... dichtgewalzt die Asphaltdecke, darunter zieht der Grundwasserstrom: er ist kontaminiert, die Kräfte der Natur sollen den Giftschlamm vertreiben.

Der Stadt wurde das Herz ausgerissen.

Demontiert und planiert sind die Gleisanlagen zwischen Oberstadt und Unterstadt, ein neues Stadtzentrum wird an dieser Stelle in das Gewebe Thales implantiert, Rathaus und Einkaufspassagen neu aus dem Boden gestampft. Die Verwaltung der Stadt ist aus dem Hotel Zehnpfund ausgezogen, das traditionsreiche Haus steht lange leer.

Fontane könnte nur noch ein Geisterhaus beschreiben.

Aber während die Bewohner von Quedlinburg Bestätigung und Identität aus der Vergangenheit beziehen, greifen die Menschen in Thale nach der Zukunft:

Auf den frei geräumten Industrieflächen haben sich verschiedene Unternehmen der Metallverarbeitung und auch anderer Branchen neu angesiedelt und geben Anlass zu frohen Hoffnungen.

Am Bodeufer errichtet ein Investor ein neues Thermalbad, so hört man.

Oben im Bergtheater gibt man My Fair Lady und Charleys Tante – Freilicht ohne Wetterschutz.

Die Einwohnerzahl bleibt in etwa stabil, aber das erklärt sich durch die Eingemeindungen der letzten Jahre.

Welche Wahrheit steckt in der alten Sage? Wer schafft den Sprung über die Bode - und wer stürzt ab?

Den Thalenser müssen wir uns als mutigen Menschen vorstellen. Auch wenn er im tiefsten Grund seines Herzens befürchtet, dass die Stadt Thale eines Tages vor den Augen der Welt unsichtbar wird.

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Hier endet der 264. Eintrag: Dieser Blog mischt Fiktion mit Realität. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind zufällig und in der historischen Überlieferung nicht verbürgt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO:

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23:47 11.02.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

archinaut

Ein Blick weitet den Horizont: Dieser Blog zieht um die deutschen Häuser
archinaut

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