Liebe und Schildkröten

Vom Lieben: Im Panzer einer Schildkröte lesen wir ein Stück Ewigkeit
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Ob Lonesome George noch eine Braut findet? Die einsame Riesenschildkröte ist der letzte bekannte Vertreter der Unterart Geochelone nigra abingdoni und mit der Abgeklärtheit seiner acht Lebensdekaden der zuverlässige Partner für einen sonnigen Lebensabend, der bei vielen Arten der Familie Testudinidae erst nach dem hundertsten Lebensjahr beginnt. Der gereifte Georg hätte demnach noch viele wärmende Sommer lang Zeit, seine Chelone zu finden... aber möglicherweise hat er vor, die letzten Familiengeheimnisse trotzig in das unvollendete Buch der Ewigkeiten zu schreiben. Möchte Georg die aufdringliche, nie selbstlose Zuneigung der Menschen zu den gepanzerten Arten überhaupt erwidern?

Unsere kleine Tochter hat ein großes Herz, geräumig wie die Arche Noah (Ihr wisst ja..... zwei von jeder Art!): als sie bei einem Kurzbesuch im Büro an allen sechzehn Arbeitsplätzen Schildkrötenbilder als Bildschirmhintergrund installiert hat (frisch im Internet geerntet, womit mich die technisch sonst wenig interessierte Zwölfjährige überrascht), fokussieren sich die langen Jahre prokrastinierender Familiendiskussion über Mäuse, Hamster, Fische, Katzen, Kaninchen, Hunde und Ponies auf die Schildkröten, die ihr Haus immer bei sich tragen, wie man den Kindern erzählt....

Seit über 220 Millionen Jahren bevölkern die Familien und Arten der Ordnung Testudines Länder und Meere der Erde, noch vor den Dinosauriern entwickelten sich die ersten Populationen. Obwohl sie ihr Haus immer bei sich tragen, ist für viele Arten inzwischen die Heimat auf unserem Planeten bedroht.

Da der Handel mit Schildkröten aus diesem Grund streng kontrolliert wird, werde ich mich über den Erwerb der beiden sibirischen Landschildkröten hier nicht näher auslassen: Gucci und Leonardo nennt unsere Tochter das Migranten-Pärchen, kaum größer als mein Handteller, das auf verschwiegenen Pfaden den Weg nach Berlin gefunden hat, man hat ihr erklärt, wie sie Weibchen und Männchen unterscheiden kann.

Mit Begeisterung wird jeder Schritt und jedes Kopfnicken der neuen Hausgenossen kommentiert, jeder Biss ins Salatblatt oder in die Apfelspelte, jeder Stoffwechselvorgang mit Andacht quittiert. Oft liegen die Panzertierchen in einer Ecke des Wohnzimmers und versuchen erfolgreich, unbelebte Steine zu imitieren.

Stolz werden die beiden kleinen Schildkröten in der Schule vorgeführt. Man braucht ja keine Leine....

... und schon ist Gucci entwischt: beseelt von unbändigem weiblichen Freiheitsdrang entkommt sie wohl in den weitläufigen Schulgarten, kein Laut und keine Bewegung verraten ihren Weg. Nur eine Sekunde nicht aufgepasst! Sie bleibt verschwunden und lässt ein Mädchen im Schockzustand zurück. Und auch Sozius Leonardo, der nicht schnell genug war, kampflos lässt er sich wieder einsammeln.... Wir plakatieren mit Bild an allen Straßenlaternen des Blocks: „Schildkröte entlaufen, Belohnung 10 Euro, Telefon....“

Nach drei Tagen ein Anruf, zwei junge männliche Stimmen wollen ihre Namen nicht nennen...... „Zehn Euro ist ein Witz, die ist doch viel mehr wert..... hundert Euro!“ fordern sie für die plakatierte Schildkröte.... Gucci ist in den Händen von Turtlenappern!

Leonardo muss sein weiteres Leben als Single erkriechen, umsorgt von unserer jüngeren Tochter. Besonders liebt der Schildkröterich die Sonneninseln auf der Loggia vor dem Wohnzimmer, deren gemächliche Wanderung er im Schleppgang genießerisch verfolgt. Schildkröten sind wechselwarm und suchen in den kühleren Jahreszeiten stets nach Wärme. Ganze Tage verbringt das sonnenhungrige Reptil auf der Loggia, bis unsere Tochter es abends wieder in die Wohnung holt.

Eines Tages findet sie Leonardo nicht mehr wieder. Nein, er hat sich nicht im Pflanzbeet eingegraben, er hat sich nicht hinter den Schlittschuhen versteckt, nicht unter dem Liegestuhl, nicht hinter dem Sack mit Pflanzendünger, nicht unter dem Kaninchenstall..... hat sich das einsame Schildkrötenmännchen mit Todesverachtung in den Vorgarten gestürzt, der einen guten Meter tiefer liegt? Ist er zu den Nachbarn ausgebüxt, deren Loggia von unserer nur durch ein Drahtglas getrennt ist, darunter das Beet, das eine flach grabende Schildkröte durchqueren könnte? Kam ein Schildkrötenadler geflogen? Rettungsaktion militanter Tierschützer?

Nur wenige Wochen währte das Glück, jetzt spottet auch noch die große Schwester: „Zwei Schildkröten sind Dir entlaufen..... wie willst Du denn erst mit einem Hund fertig werden?“

Zwei Winter vergehen,.... bis an einem sonnigen Herbsttag auf der Loggia vor unserem Wohnzimmer ein schuppiger Gast umherwandert: „Leonardo ist wieder da!“ begeistert sich die Jüngere „Das kann nicht sein!“ kontert die Ältere. „Schildkröten laufen einem nicht zu wie eine herrenlose Katze!“ „Da ist aber eine Delle im Panzer, genau an der gleichen Stelle wie bei Leonardo!“

Glaubhaft versichern die Nachbarn, dass es ihre Schildkröte sei, die sich durch das Beet zu uns verirrt habe, also geben wir den Ausreißer zurück trotz bittersten Protests.

Zwei Wochen später ist sie wieder da. Wir retournieren.

Als die vagabundierende Kröte das nächste Mal einwandert, gewährt unsere Tochter heimliches Asyl in ihrem Zimmer..... das Tierchen wühlt sich dort in eine unaufgeräumte Ecke und vertieft sich umgehend in den artgemäßen Winterschlaf....

„Ob eine Schildkröte wohl träumt im Winter?“ fragt unsere Tochter in der Weihnachtszeit..... und wir schauen gewaltige Schildkrötenschwärme, die frei das sonnige Meer durchpflügen und mit vorsichtigen, tastenden Schritten trockenes Land erobern, Jahrmillionen vor der Menschen Zeit, die ihre Eier an dem Ort ablegen, wo sie selbst in das Mondlicht fanden.....

Was wissen wir denn über den Winterschlaf der Testudines? Finden sie in ihrem Dämmerzustand an der Grenze zum Tod einen geheimen Ort, an dem sie sich über alle Zeiten hinweg begegnen oder vereinigen können? Schreiben sie ihre Reviere, ihre Lebenswege in den harten Panzer, wo sich diese gespeicherten Erinnerungen von Generation zu Generation, von Familie zu Familie vererben und anreichern?

Vielleicht fressen und paaren sie sich nur, um den Großen Traum weiterzuträumen?

Der innere Zeitgeber treibt den verschlafenen Gast im Monat Februar schließlich auf die Suche nach Nahrung durch unsere Wohnung.... mit halbherzigen Entschuldigungsversuchen liefern wir das Reptil bei den Nachbarn ab. Sie zeigen uns den Schildkrötenpass, kein Zweifel bleibt, vor acht Jahren schon haben sie das Tier erworben.

Seitdem kommt die freundliche, wanderlustige Schildkröte, die ihr Haus immer bei sich trägt, in jedem Herbst zu uns, fast könnte man die Uhr nach ihr stellen.

Im Jahre des Herrn 1548 wurde die Historia von der Weiber Treue zu Weinsberg erstmals in das Buch der Ewigkeiten eingetragen: Aus der belagerten Burg tragen die Frauen, was ihnen das Liebste ist. So retten sie ihre Männer. Was das mit Schildkröten zu tun hat, fragt Ihr? Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht.

Hier endet der 141. Eintrag: Dieser Blog mischt Fiktion mit Realität. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind zufällig und in der historischen Überlieferung nicht verbürgt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO:

Ich schreibe um unser Leben. Bitte bleib dran.

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01:09 31.01.2011
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Geschrieben von

archinaut

Ein Blick weitet den Horizont: Dieser Blog zieht um die deutschen Häuser
archinaut

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