Meiner herrlich traurigen Schwester

Unbehaust - wir sind einander wie Schatten
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Rückblick in den Herbst 2003: Als Architekt habe ich das Herz aller Häuser gesucht wie Ahab den Weißen Wal – doch fündig wurde ich erst in den verlorenen Schriften meiner herrlich traurigen Schwester:

Die Stadt....

Im Spätsommer ereignete sich mitten in Berlin eine eigentümliche Geschichte, die Geschichte von Hinrichs Haus.

Hinrich hatte die Schatten gezählt, bis er bei hundert war. Gunnar, Ansgar und Swenja sagten ihm das. Er hätte die Seele einer kleinen Muschelfrau, die sich gerne im nassen Sand spiegelt, sich an Land treiben lässt, die auf Muschelsammlermädchenhände wartet, um beguckt zu werden und angefasst von rosafarbenen Muschelsammlermädchenhänden mit angebissenen Fingernägeln mit süßlichem Geruch von all den Dingen, die das Mädchen sammelt, um es zusammenzulegen auf Fensterbretter oder in kleine Schächtelchen, die auf einen Muschelsammlermädchenaltar gestellt werden und besungen vor kleinem Traumschlaf oder in einen verregneten Tag hinein. Ein Tag brach das Licht und alles entzwei, seinen Kopf.

Hinrich wollte ein Haus haben, das er mit sich herumträgt, wollte selbst dieses Haus sein, der Ansgar half ihm dabei, eine Schachtel zu bauen mit Sehschlitzen drin, die Schachtel war wasserfest und verschraubt. Hinrich zog in die Stadt damit und wurde fotografiert. Es gab viele Touristen. Er hatte sein Namenschild angebracht und aus zwei Fenstern konnte er seine Arme strecken, um den Touristen die Hand zu schütteln, die sich mit seinem Haus fotografieren lassen wollten.

Bald wurde der Hinrich Wahrsager und musste in Händen lesen, die sich ihm entgegenstreckten. Hinrich sah viele Falten und sah Gebilde darin. Du wirst Muschelfrau, sagte er zu einem jungen Mädchen, das war mager und hatte verbundene Arme, da wurde das Mädchen glücklich.

Hinrich musste nichts essen und wurde nicht geküsst, Hinrichs Haus rostete, es war ein verregnetes Jahr.

Nachts faltete er sich in seinem Haus und schlief nah bei den Sehenswürdigkeiten, die allesamt ausgesprochen hässlich waren, und sein Haus wurde auch nachts fotografiert, es blitzte Blitzlichter, denn es gab viele Herumstreuner. Manchmal besuchte ihn Ansgar, es ist aber weit mit Dir, sagte der nur, durch den Sehschlitz schob er ein Kuchenstück.

Hinrich wanderte nicht mehr. Sein Haus stand nur noch an einem Ort, vor einer ausgesprochen hässlichen Sehenswürdigkeit mit fünf muschelfarbenen Säulen. Vor die Sehschlitze hatte er Haar gehängt, ein bisschen Haar hatte er noch, aber nicht viel. Die Sehschlitze blieben geschlossen, das mochten die Stadtväter nicht.

Sie wollten ihn gegen Gebühr entfernen lassen, mitsamt seines Hauses, aber Hinrich hatte kein Geld mehr und konnte die Gebühr nicht bezahlen, um sich entfernen zu lassen. Da gab es Streit und Zeitungsartikel, und sein Haus rostete immer mehr. Es gab schon ein Loch, durch das die Kinder Juckpulver warfen.

Es wurden viele Shoppingmalls eröffnet in dieser Zeit und immer größere Shoppingmalls, während Hinrichs Haus rostete. Es gab Männer mit Aktentaschen und Trenchcoats und auch Frauen in Trenchcoats, die stiegen im Morgenschatten in Taxen. Aber der Hinrich sah das alles nicht mehr, er hörte nur Stimmen und Feuerwerke, wenn es ein Volksfest gab und ein neues Kaufhaus eröffnet wurde.

Was in Hinrichs Haus dann passierte, weiß keiner genau.

Die Ordnungshüter in graugrünen Jacken öffneten gewaltsam das Haus. Es gab da kein Gerippe oder Kleidungsstück. Es war nur ein heller Schatten da, der ganz schnell trocknete, weil an dem Tag die Sonne schien.

Nicht lange nachdem sie diese Geschichte gefunden hatte, ging meine herrliche Schwester auf eine traurige Reise. Als sie zurückkehrte, habe ich sie nur mit großer Anstrengung wieder erkannt.

Auf den alten Fotos kann man unsere Gesichter kaum unterscheiden. Erst durch den Abstand der Jahre sammeln sich die Differenzen. Wir sind einander wie Schatten. Wenn ich einschlafe, wacht sie manchmal an meiner Stelle auf.

Hier endet der 23. Eintrag: Dieser Blog mischt Fiktion mit Realität. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind zufällig und in der historischen Überlieferung nicht verbürgt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO:

Ich schreibe um unser Leben. Bitte bleib dran.

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00:56 15.10.2009
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Geschrieben von

archinaut

Ein Blick weitet den Horizont: Dieser Blog zieht um die deutschen Häuser
archinaut

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