Neujahrsparty

Unbehaust ... wenn die Glocken das neue Jahr einläuten
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Schwefelhölzchen kauft niemand mehr am Berliner Alexanderplatz in der Neujahrsnacht 2009/2010: Der Grillrunnerstemmt seine Wurstlast in die Höhe, die Holzkohle glüht vor dem Bauch, schon seit Tagen reibt der Stahl die Hüftknochen wund: Heute Nacht wird gut, sagt der Chef, Silvester macht Berliner hungrig....

Fünfzig Stück muss er verkaufen, und es dunkelt doch schon. Weihnachtsklang verweht, einsame Lichterketten in den Resten der Marktbudenstadt blinken müde, das Jahr will endlich schlafen. Schatten wandern dazwischen, Erinnerungen an lichtvolle Abende und adventliche Einkaufsstimulationen, der Brunnen erstarrt im Eis. Geschneit hat es seit zwei Tagen, was selten vorkommt in Berlin, der Schnee ist zu klumpigen Haufen geschoben. Läden und Kaufhäuser haben die Tore geschlossen, vor den Auslagen eilen achtlose Passanten winterlich vermummt durch die verbrauchte Weihnachtskulisse. Immer wieder ziehen Feuerwerksraketen ihre kurze Bahn durch den dunkelnden Himmel, Böller detonieren dumpf in Hauseingängen.

Mitten auf dem Alexanderplatz steht eine Almhütte, Das Partyhaus vom Nikolaus, ein Schild verspricht jeden Tag Hüttenparty ab 10.00 Uhr. Die Eisbahn daneben ist menschenleer.

Die Wortschöpfung Grillrunner täuscht, der Griller kann kaum laufen mit seiner heißen, fettigen Fracht, auf dem Rücken trägt er die Gasflasche, vor sich das gastronomische Arbeitsgerät, auch die Würzbatterie und die Kasse, ein Technoid zwischen Mensch und Maschine schlingert langsam über die weißen Flächen und postiert sich zunächst an der Ecke des Kaufhauses neben den Fenstern zur weihnachtlichen Kuscheltierlandschaften, über der zwei Leoparden Kreisfiguren fliegen.

Zwei Kinder drücken sich die Nasen platt: Die beiden Kaninchen grillen einen Haifisch! – Das sind keine Kaninchen, die haben doch gar keine Ohren! – Dann sind es eben Keinohrkaninchen! – Kommt jetzt, wir müssen weiter! Nein, keine Zeit für Grillwurst...... er denkt an seine beiden Kinder, er weiß nicht, wo sie diese Nacht verbringen. Er hat sie lange nicht gesehen, morgen will er telefonieren.

Die Füße sind schon fast erfroren in den Sportschuhen aus Kunststoff, außerdem knurrt der leere Magen, seit zwei Tagen hat er nichts gegessen. Die grüne Blechkassette ist leer, nicht einmal Wechselgeld hat ihm der Chef mitgegeben. Wie viel Schweinefleisch wohl in einer Grillwurst ist?

Er denkt an seinen ersten Laden, würziges Gyros frisch aufgeschnitten, Lammspieß, Hackfleischbällchen, die Karte versammelt die Standards der griechischen Volksküche. Ein Schwager hatte ihn bei der Einrichtung unterstützt, aber bis heute konnte er die Schulden noch nicht zurückzahlen. Nur ein Stehimbiss, aber Grill und Herd spendeten großzügig Speise und Wärme für Gäste und Wirt....

Eine Wurst fehlt jetzt auf dem Grill, und die grüne Blechkassette ist noch immer leer.

Sie warten nicht auf so einen wie ihn, denkt er, warum hassen sie uns? Froh ist er gewesen, als der Schwager mit zwei Partnern ein italienisches Restaurant übernahm, gute Lage, Gäste mit Geld, und als sie ihn dann fragten, ob er die Gäste bedienen wolle, fiel eine große Sorge von ihm ab. Endlich konnte er die Wohnungsmiete wieder pünktlich zahlen...

Am Partyhaus vom Nikolaus dröhnen Lautsprecher in die Nacht: Moskau – fremd und geheimnisvoll, Türme aus rotem Gold, kalt wie das Eis....... davor stehen kleine Gruppen an Stehtischen, Angetrunkene werfen Feuerwerkskörper nach den Passanten.

Langsam bewegt der Grillrunner seine Last hinüber zum Berolina-Haus. Vielleicht kommen hungrige Leute von der S-Bahn über den Platz, die er für sein Angebot interessieren kann. Warum sind so wenig Menschen hier unterwegs?

Drei Würste weniger trägt er jetzt auf dem Grill, aber bisher hat er keine einzige verkauft.

Als die Geldleute ausblieben, haben sie noch vier Monate gekämpft, Mittagstisch, Werbung, Aktionen......aber schließlich mussten sie das Restaurant wieder aufgeben. Am härtesten traf ihn der Verlust der Wohnung, seine Frau ging mit den beiden Kindern zu ihren Eltern zurück.

Moskau, Moskau, wirf die Gläser an die Wand, Russland ist ein schönes Land, ho, ho, ho, ho, hey!

Der Grillrunner steht inzwischen an der Treppe zur U-Bahn, hinter ihm die Ausstellungstafeln zur Bürgerbewegung, zu den Montagsmärschen in Leipzig und zur großen Kundgebung auf dem Alexanderplatz. Wir sind miteinander, nicht gegeneinander, steht auf einem der schneebedeckten Portale zu lesen. Er sieht nicht, wie drei junge Männer schwarze Kapuzen über kurze Haarstoppeln ziehen.

Im Schatten der Weltzeituhr liegt der Einarmige, gestürzt wie aus einer anderen Zeit...Schritt gefasst und rechts und links und rechts und links, marschieren, marschieren, wir ziehen in den Krieg...... dem einen gehts gerade, dem einen gehts krumm, der eine bleibt stehen, der andere fällt um, der eine rennt weiter, der andere liegt stumm, widebumm widebumm.....

Da fällt einer der Sterne hinab und zieht einen langen, leuchtenden Feuerschweif hinter sich. Wenn ein Stern vom Himmel fällt, steigt eine Seele zu Gott, hat die tote Großmutter immer gesagt.

Moskau, Moskau, komm wir tanzen auf dem Tisch, bis der Tisch zusammenbricht, ha, ha, ha, ha, hey!

Mit tausend Feuern und Donnerschlägen bricht der Jahreswechsel über den Alexanderplatz herein, ringsum flackern Funkenregen über die Horizonte der Stadt, Irrlichter und Pulverdampf füllen die nächtlichen Himmel. Vor ihm steht das leuchtende Tor von Berolina und Alexander, tausend Stimmen flüstern zu ihm aus den Schatten, aus den Blitzen, aus den Schwefelschwaden.....Lauf, lauf, so schnell Du kannst, Du wirst Menschen finden, drüben am Schloss, am Brandenburger Tor, sie warten schon auf Dich, Du gehörst zu ihnen, sie rufen Dich.....

Zwei Rettungswagen stehen vor dem Partyhaus vom Nikolaus, im rotierenden Blaulicht pulsieren die Gesichter und die weißen Schneeflächen.

Aber in der Ecke beim Hause saß in der kalten Morgenstunde das kleine Mädchen mit roten Wangen, mit einem Lächeln um den Mund - tot, erfroren am letzten Abend des alten Jahres. Der Neujahrsmorgen ging auf über der kleinen Leiche, die mit Schwefelhölzern dasaß, von denen ein Bund fast abgebrannt war. Sie hat sich wärmen wollen, sagte man; niemand wusste, was sie Schönes gesehen, in welchem Glanz sie mit der alten Großmutter zur Neujahrsfreude eingegangen war.... so schließt das Märchen von Hans Christian Andersen.

Hier endet der 58. Eintrag: Dieser Blog mischt Fiktion und Realität. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind zufällig und in der historischen Überlieferung nicht verbürgt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO:

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15:12 02.01.2010
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Geschrieben von

archinaut

Ein Blick weitet den Horizont: Dieser Blog zieht um die deutschen Häuser
archinaut

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