Sex und Deflation

Moneylove: Wenn die Kapitalnachfrage stagniert, werden Banken großzügig… ist die Zukunft Europas heute schon in Japan erkennbar?
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Ein Gespenst geht um in Europa…. Besorgniserregend ist die Dynamik der vergangenen Monate, in denen die Inflationsrate überraschend deutlich zurückging, erklärte Nikolaus Piper unter dem Titel Fabelwesen und Gespenster in der Süddeutschen zu Beginn des Jahres 2014: Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte deshalb im November Hals über Kopf den Leitzins auf das Rekordtief von 0,25 Prozent gesenkt. Experten gehen davon aus, dass EZB-Chef Mario Draghi sofort eingreifen wird, wenn sich dieser Abwärtstrend weiter verstetigt….

IWF und EZB lesen stagnierende oder sinkende Preise als Anzeichen einer Deflation, erläutert Piper: Sinkende Preise gelten als unerwünscht, weil so der Konsum gebremst wird…. Die drohende Deflation ist aber gefährlich, wenn Unternehmen niedrigere Absatzpreise für ihre Güter und Dienstleistungen erzielen, zugleich aber unverändert hohe Löhne an ihre Mitarbeiter bezahlen müssen. Diese sogenannte Gewinnkompression aber könne das Überleben der Konzerne gefährden, schreibt er, obwohl die Lohnkosten nur einen geringen Anteil der Gesamtkalkulation darstellen.

Wenige Monate später senkt die Europäische Zentralbank den Leitzins von 0,25 Prozent auf ein historisches Tief von 0,15 Prozent. Damit folgt EZB-Chef Mario Draghi dem Schlachtruf der mächtigen IWF-Direktorin Christine Lagarde gegen die Deflation als „Oger, der entschlossen bekämpft werden muss" und versucht die Flucht aus der Deflationsfalle.

Warnungen vor dem bösartigen Gespenst Deflation haben Tradition, schon seit Jahren wird hierzulande vor der unheimlichen Zwillingsschwester der Inflation gewarnt: Deutschland droht ein gefährlicher Verfall der Preise. Die Wirtschaft steht vor einem brutalen Ausleseprozess. Nur die Starken, die Gesunden und die Klugen überleben. Und die Vorbereiteten, schreibt etwa Henrik Müller bildgewaltig im Sommer 2003 für das Manager-Magazin.

Wir sind zehn Jahre weiter, wir können die „Starken“ schon erkennen. Dass die Zinsen so niedrig sind, liegt nicht in erster Linie an Mario Draghi und seiner Notenbank. Sondern daran, dass derzeit schlicht niemand Geld leihen will, schreibt Mark Schieritz anlässlich der letzten Zinssenkungen unter dem schönen Titel Das Geld tut nix. Der "Kollaps der Nachfrage nach Kapital" sei einer der wichtigsten Gründe für das niedrige Zinsniveau in den westlichen Industrienationen, zitiert Schieritz den Internationalen Währungsfonds (IWF) und führt Unternehmen wie BMW, Microsoft, Apple oder Google an, die eigene Barreserven zur weiteren Entwicklung einsetzen.

Ob aber die beiden Jungunternehmer, denen Nick Hanauer Geld geliehen hat, bei einer Bank überhaupt kreditwürdig gewesen wären, wissen wir nicht…. Ein Unternehmen scheiterte in der Dot-Com-Blase, das andere verhalf Hanauer zu einer sehr großen Yacht: Die Investition bei amazon.com zahlte sich aus… Hanauer fürchtet sich nicht vor einer Deflation, sondern vor dem Egoismus seine Milliardärskollegen, er sieht Mistgabeln, wenn er in die Zukunft blickt.

Die lebhaft diskutierte Zinspolitik der Leitbanken hat vielleicht gar keine Auswirkungen auf die lautstark befürchtete Deflation, aber wer weiß, vielleicht versetzt uns eine sanfte Disinflation mit sinkenden Preisen ja in den seligen Zustand derer, die im Himmel sind?

Was eine deflationäre Stimmung für die Entwicklung einer wirtschaftlich und sozial ausdifferenzierten Gesellschaft bewirkt, lässt sich möglicherweise am Beispiel Japans erkennen, dessen Ökonomie nach aggressiven Kriegen, Niederschlagung, Wiederaufbau und wirtschaftlichem Erfolg inzwischen bereits seit vielen Jahren ein Deflations-Szenario durchläuft.

In Japan läuft ein Experiment ab, wie es noch keines gegeben hat. Es dauert nun schon ein Vierteljahrhundert, und ein Ende ist nicht in Sicht: Die Japaner testen, was mit einer hoch entwickelten Zivilisation geschieht, die im Stillstand verharrt, schreibt Malte Henk unter der Überschrift Jugend ohne Sex in der Zeit auf den Spuren einer Meldung über zölibatäre Tendenzen in Japan, sekkusu shinai shokogun.

Der preisgekrönte Journalist besucht verschiedene junge Japaner, begleitet sie bei ihren Jobs, bei ihren Ausflügen, bei ihren Dating-Versuchen und beim Nachdenken über ihre Zukunft. In seinem eindrücklichen Expeditionsbericht beschreibt er Szenen wie diese:

Kaffeetrinken mit der Familie, in diesem freundlichen, stillen Wohnzimmer eines ganz normalen Einfamilienhauses. Holzfiguren, Bücher, Urlaubsfotos, lauter Sedimente der Familiengeschichte, angelagert in vier Jahrzehnten eines japanischen Mittelklassedaseins. Oben schläft Henrys 25-jähriger Bruder den Tag weg, er hat keine Arbeit und sucht auch keine. Ein Rückzug, der total sein kann. Manche junge Japaner weigern sich, nach draußen zu gehen und mit anderen Menschen in Kontakt zu treten; sie verdämmern ihr Leben, unsichtbar für die Welt, so wie anderswo die Alten und Pflegebedürftigen. Die Japaner haben dafür ein eigenes Wort, Hikikomori – das Sich-Einschließen.

Die Bezeichnung dieser psychischen Störung sei heute eine Metapher für eine Jugend, die vor der Welt flüchte, schreibt Malte Henk: Man trifft in Japan junge Männer, die davon erzählen, wie sie über Jahre hinweg ihr Zimmer nur verlassen haben, um zur Toilette zu gehen. Manchmal hat der Hikikomori Glück; dann rufen seine Eltern irgendwann einen Eingreiftrupp, der ihn in einer Therapieeinrichtung unterbringt.

Ob die Hikikomoris bereits unter deutschen Dächern heimisch geworden sind, wissen wir nicht. Aber Malte Henk benennt noch weitere japanische Export-Aspiranten: Die Forscher erwarten, dass demnächst ein japanisches Wort in die deutsche Sprache gelangt, vielleicht sogar in den Duden, so wie einst Karoshi – Tod durch Überarbeitung. Der neue Kandidat des Instituts, ein Exportprodukt des japanischen Stillstands, heißt Kodokushi – Tod in Einsamkeit.

Unheimliche neue Spezies findet der Autor in Japans Massenmedien klassifiziert:

Soshoku Danshi – Pflanzenfresser: junger Mann, Schwächling oder Softie.

Makeinu – Verliererhündin: Frau in ihren Dreißigern ohne Partner.

Parasaito Shinguru – Parasiten-Single: junger Mensch, der noch zu Hause wohnt und vom Wohlstand seiner Eltern lebt.

Die älteren Japaner wundern sich, beklagen den Zustand der Jugend auch, aber ihre demographische Übermacht bestärke den wirtschaftlichen Stillstand, stellt Henk fest: Vor allem fehlt in Japan heute der Wille, den Jungen die gleichen Chancen zu verschaffen wie den Älteren.

Der Journalist begleitet eine junge Japanerin zu einer Kon-Katsu-Party, übersetzt zu einer "Heiratsjagd" in eine Kneipe in Tokios Innenstadt, und in der Skizzierung einer anderen jungen Frau könnte man das zeitgeistig geliftete Bild einer japanischen Geisha erkennen: Vormittags arbeitet Ayako Nakagawa im erlernten Beruf der Altenpflegerin, um sich die Illusion eines bürgerlichen Alltags zu erhalten, abends jobbt sie in einer Hostess-Bar.

Ayako sagt, sie sei "nicht so eine", die mit ihren Kunden schläft. Im Grunde sei sie selber einsam. Sie weiß nicht, wann sie zum letzten Mal mit jemandem zusammen war. Irgendwann vor der Katastrophe von Fukushima, vermutet sie. Das war im März 2011.

Mit diesem melancholischen Bild aus Henks lesenswertem Bericht möchte ich gerne schließen und die Leser ihren eigenen Gedanken überlassen, weil wir doch ahnen, dass die Zeit der Elegien endlich ist. Bevor der Tod uns zum Finale erlöst, können wir zu jeder Zeit von neuen, unerwarteten Dramen heimgesucht werden.

Nachtrag zum 150. Eintrag vom 16.03.2011: Hinter uns liegen die Chronolysen (in vier Akten)... die Timeline im Blog archinaut: ist inzwischen justiert. Dieser Blog berichtet aus Deiner Welt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO:

Ich werde Euch nicht schonen. Öffne Deine Augen.

Quellen:

http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/stagnierende-preise-oekonomen-warnen-vor-deflation-1.1984945

http://www.handelsblatt.com/politik/oekonomie/nachrichten/mass-fuer-wettbeweerbsfaehigkeit-die-ueberschaetzten-lohnstueckkosten/8643854.html

http://www.zeit.de/wirtschaft/2014-06/inflation-europaeische-zentralbank

http://www.zeit.de/wirtschaft/2014-06/ezb-zentralbank-leitzins-draghi

http://www.zeit.de/2014/24/zinsen-geldanlage-ezb-draghi

http://www.welt.de/wirtschaft/article128773131/Draghis-verzweifelte-Flucht-aus-der-Deflationsfalle.html

http://diefreiheitsliebe.de/allgemein/ich-sehe-mistgabeln-milliardaer-erwartet-revolution

http://www.nachdenkseiten.de/?p=22272#h01

http://www.zeit.de/2014/24/japan-jugend-sex

http://www.fr-online.de/schuldenkrise/leitartikel-zur-deflation-falsche-angst-vor-inflation,1471908,26731824.html

http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/drohende-deflation-in-der-eurozone-fabelwesen-und-gespenster-1.1864639

http://www.manager-magazin.de/magazin/artikel/a-257400.html

http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/deflation-deutsche-glauben-laut-gfk-nicht-an-fallende-preise-a-954454.html

http://www.flassbeck-economics.de/verstehen-die-kapitalisten-den-kapitalismus-nicht/

http://www.flassbeck-economics.de/konjunktur-und-arbeitsmarkt-in-europa-seitwaerts-preise-abwaerts/

Hinter uns liegen die Chronolysen (in vier Akten)... die Timeline im Blog archinaut: ist inzwischen justiert. Dieser Blog berichtet aus Deiner Welt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO:

Ich werde Euch nicht schonen. Öffne Deine Augen.

22:09 19.07.2014
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Geschrieben von

archinaut

Ein Blick weitet den Horizont: Dieser Blog zieht um die deutschen Häuser
archinaut

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