Sonntag im Büro

Arbeit: ...ich sehe was, was Du nicht siehst
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Anfeuerungsrufe fliegen auf vom nahen Sportplatz, draußen wird Fußball gespielt. Sonntagnachmittag.

Verwaist die meisten Tische im Büro... nur vier, fünf Mitarbeiter treiben Mausklick um Mausklick farbige Linien über den schwarzen Grund der schimmernden Flachbildschirme, in vier Tagen ist Abgabe. Die Frist läuft, auch am Sonntagnachmittag.

Einer hat gerade im Internet zu Schulgebäuden recherchiert. Da gibt es eine Grundschule, die nach Bernd Ryke benannt worden ist.... Ihr wisst noch, wer das war?

„Miteinander lernen, füreinander da sein,“ das Motto, fröhliche Kinder sind auf der Website zu sehen, Fotos im Gegenlicht.... Bernd Ryke stammte aus einer bedeutenden Berliner Ratsfamilie, die mehrfach den Berliner Bürgermeister stellte. In verschiedenen Urkunden aus den Jahren 1443 bis 1445 vom Kurfürsten "unser lieber, getruwer Bernde Ryken" genannt... sobeginnt die Erläuterung, um dann zu referieren, wie der Nürnberger Burggraf dreißig Jahre zuvor die regionalen Landesherrschaften in der Mark Brandenburg angriff und unterwarf. Die unterlegenen Raubritter setzte der siegreiche Markgraf Friedrich als neue Ordnungsmacht ein: Räuber und Mörder wurden zu Oberaufsehern, Polizeichefs und Richtern, behielten ihre angemaßte Macht und genossen zudem Steuerfreiheit, wenn sie dem Markgrafen Friedrich bedingungslose Treue schworen.

Draußen auf dem Fußballplatz hat jemand ein Tor geschossen, alle rufen wild durcheinander in der kalten, klaren Luft, junge und alte Stimmen, Jungs und Männer, vielleicht ein paar Mädchen. An der Stahltür zum Büro klimpert jetzt ein Schlüsselbund, dann fällt die Tür wieder kräftig ins Schloss. Jemand hat das Büro betreten, verborgen noch in der lichtlosen Tiefe der Räumlichkeiten....

....Unterwerfung der märkischen Städte, denen er nach und nach alle alten Rechte und Freiheiten abzunehmen gedachte..... 1442 waren schließlich auch Cölln und Berlin an der Reihe, die als die Widerspenstigsten galten.

Vermutlich sind die Putzleute gekommen, in der Regel ist das Büro leer um diese Zeit. Sie kommen jedes Wochenende, zu zweit oder zu dritt. Sonntagnachmittag....

Sein Ältester, Friedrich II.... nutzte die in Folge der Vereinigung Berlin und Cölln aufgetretenen Spannungen innerhalb der großbürgerlichen Selbstverwaltung als Vorwand, die Doppelstadt am 29. August 1442 mit 600 bewaffneten Reitern zu besetzen. Er erklärte die Vereinigung für aufgehoben und verbot selbstständige Ratswahlen, die Bildung von Bündnissen mit anderen Städten und zwang die Bürger zu geloben: "(...) niemals mehr etwas wider unsere gnädigen Herren, ihre Erben und Nachkommen, die Markgrafen von Brandenburg, zu unternehmen, sondern in ewige Zeiten (...) willige, untertänige und gehorsame Bürger und Untergebene zu sein und bleiben.“

Zwei leise Stimmen sind jetzt zu hören, ganz leise, sie flüstern.... wollen nicht stören, die jungen Frauen und Männer an den Bildschirmen nicht von ihrer Arbeit abhalten.....

Kaum war allerdings der Hohenzoller mit der Mehrzahl seiner Bewaffneten abgezogen, da erklärten die Bürger von Berlin und Cölln die erpresste Aufgabe ihrer Freiheiten für ungültig und verjagten die kurfürstliche Besatzung... woraufhin dieser den Entschluss gefasst haben soll, zwischen den beiden Städten eine beherrschende Burg bauen zu lassen und seine Residenz von Brandenburg nach Berlin/Cölln zu verlegen. Friedrich II. erzwang den Verkauf der Grundstücke, auf denen sich die Berliner Niederlassung der Äbte von Lehnin, ein Wohnhaus und eine Badeanstalt sowie das Anwesen des Berliner Bürgermeisters Bernd Ryke befanden.

Auf den matt leuchtenden Monitoren im Büro konstruieren die Architekten Pläne für eine neue Schule: „Die besten Entwicklungs- und Bildungsmöglichkeiten für alle jungen Menschen Berlins zu schaffen und die Stadt kinder- und familienfreundlich zu gestalten, das ist unser Ziel,“ verkündet die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft auf ihrer Webseite. Über siebenhundert öffentliche Schulen gibt es in der Stadt, sollen dreihunderttausend Schülerinnen und Schülern für das Leben vorbereiten, jede/jeder Dritte davon ist nichtdeutscher Herkunft.

Gleich nach der Grundsteinlegung 1443 zerstörten aufgebrachte Bürger den Bauplatz des Landesherrn. Die allzu feierliche Grundsteinlegung und das stolze Benehmen der westlichen Gäste führte die zerstrittenen städtischen Gruppierungen wieder zusammen.....

Ein kleines Mädchen geht durch die Reihen von Platz zu Platz, unhörbar fast, schiebt ein feuchtes Staubtuch auf den leeren Arbeitsflächen hin und her, wechselt konzentriert von einem Tisch zum nächsten, macht einen Bogen, wo jemand sitzt, ohne Blick, und niemand beachtet sie, die sich bewegt ohne Spur, ohne Schatten zwischen stummen, blinden Maschinenmenschen.

Der Beginn der Bauarbeiten wurde mehrfach verhindert, indem immer wieder Gerüste umgerissen und bereits fertige Mauern abgetragen wurden...

Noch einmal brandet Jubel auf vom Sportplatz, rhythmisches Klatschen, Tröten und laute Rufe sind zu hören.... bald fällt die Entscheidung.

1447 provozierte Friedrich II. die Bürgerschaft zur Aufruhr ("Berliner Unwille"), als er versuchte, große Teile des bürgerlichen Grundbesitzes zu annullieren und an sich zu bringen. Die Städte widersetzten sich den Anordnungen und vertrieben die kurfürstlichen Amtsträger.

Allmählich ergraut der blaustrahlende Himmel vor den Fenstern, ein kühler Luftzug trieb quer durch das Büro.... heute wartet diese Stadt schon auf den Winter, auch wenn das alte Herbstlicht noch zäh in Baumgebüschen nistet.

Besonders der fortschreitende Bau des Schlosses stellte für viele Bürger eine unerträgliche Provokation dar. Im Januar 1448 besetzte man die Baustelle, vertrieb die fremden Bauleute und versuchte soviel wie möglich des begonnenen Rohbaues zu zerstören.

Nein, keine zehn Jahre alt ist die Kleine, verrichtet ihren Auftrag nicht wie ein Kind.... und ist doch nicht älter als das napalm girl.

Die Aufständischen öffneten schließlich die Arche - ein Stauwehr im Stadtgraben in Höhe der heutigen Schleusenbrücke - und fluteten dadurch den Bauplatz um die Grundmauern zu unterspülen.... Sie planten sogar einen bewaffneten Aufstand und wandten sich an die anderen märkischen Städte und an die Hanse, der Berlin in der Hoffnung auf Unterstützung beigetreten war, um Hilfe.

Die Frau kommt jetzt und schaut nach dem Kind, muntert es leise auf, moduliert weich in ihrer Sprache, die sie aus dem geschundenen Land jenseits des Erdrunds mitgebracht hat, weist dem Mädchen jetzt den Staubsauger zu.

Im Mai 1448 brach der Aufstand unter wachsendem militärischen Druck zusammen.... bestätigte das landständische Gericht, das vom Kurfürsten in Spandau zusammen gerufen worden war, die erzwungenen Abmachungen von 1442. In Anwesenheit des gesamten brandenburgischen Adels mussten sich Berlin/Cölln dem Landesherrn offiziell unterwerfen.... insgesamt 300 Bürger der Doppelstadt wurden zu hohen Geldstrafen, Gefängnis, Verbannung verurteilt und auch mit dem Tode bestraft. Bernd Ryke, die Seele des Aufstandes, verlor alle seine Lehngüter..... der Wohlstand der Familie vernichtet..... Ryke verließ Berlin und suchte beim Herzog von Sachsen Hilfe. Dort wurde Bernd Ryke von kurfürstlichen Rittern ermordet.

Eifrig brummt der Staubsauger zwischen den Tischen und Bürostühlen hin und her, der Kopf der Kleinen ist kaum zu sehen....

Bernd Ryke, wo bist Du?

Nachtrag zum 13. Eintrag vom 12.09.2009: Hinter uns liegen die Chronolysen... die Timeline im Blog archinaut: ist inzwischen justiert. Dieser Blog berichtet aus Deiner Welt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO:

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Text kursiv: „Wer war Bernd Ryke?“ von Bernhard Gwosdz, Lehramtsanwärter 2003, veröffentlicht auf der Webseite der Bernd-Ryke-Schule in Berlin-Haselhorst
02:48 08.12.2012
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Geschrieben von

archinaut

Ein Blick weitet den Horizont: Dieser Blog zieht um die deutschen Häuser
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