Tochter der Nacht

Vom Lieben: Für die Nacht zum Neuen Jahr wird ein großes Fest vorbereitet
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Herzliebste Tochter,

auch wenn ein Kind den Wunsch hat, dass der Moment seiner Empfängnis im Dunkel bleibt, möchte es doch den Zauber ahnen, der aus den unendlichen Möglichkeiten des Universums das Selbst begründet, ahnen die Grenze, an der jegliche Rückschau endet, sie müsste sich denn teilen. Jede Zeugung hat zwei Gesichter. Aber nur eine Zunge kann die Empfängnis bezeugen: Ich schenke Dir eine Tochter.

In den Zeiten der Inselstadt Westberlin machen sich zur Weihnachtszeit viele Zugezogene auf den Weg, um Eltern, Geschwister und Freunde im fernen Westdeutschland zu besuchen. Vor den Grenzübergängen zu den legendären Transitstrecken in die Westrepublik bilden sich kilometerlange Autoschlangen, die langsam vorrücken und schließlich in mehreren Spuren von den Grenzern der Deutschen Demokratischen Republik gewissenhaft kontrolliert werden: Ausweise und Fahrzeugpapiere bitte!

Eine Stunde Wartezeit ist als Minimum zu kalkulieren. Unfreiwillige Raststunden genießen Reisewillige, die durch Unvorsichtigkeit oder Widerspruchsgeist die besondere Aufmerksamkeit der Grenzbeamten geweckt haben. Aber im Jahr vor Deiner Geburt ist plötzlich alles anders.

Die Grenze steht offen, der Weg ist frei, nur ein freundlicher Gruß erstaunt noch im Rückspiegel.

Mit Freunden macht sich auch Deine Mutter auf den Weg westwärts in die Heimat wie in den Jahren zuvor. Nach einer letzten Umarmung bringt der junge Mann, der Dein Vater werden soll, sie zum vereinbarten Treffpunkt, und er winkt dem kleinen roten Wagen noch lange hinterher. Er bleibt in der Stadt, weil er zwischen den Jahren arbeiten will.

Tore und Einfallschneisen der Inselstadt werden in diesen Tagen von Besuchern überrannt, weil wenige Wochen zuvor das Unerwartete geschehen ist. Auf einmal scheint alles möglich. Aus dem Betonkorsett der Insel schlagen fröhliche, aufgebrachte Menschen aus aller Herren Länder mit Hammer und Spitzhacke große Stücke heraus, Fremde begegnen einander auf beiden Seiten der Mauer und neue Freunde fallen sich in die Arme. Niemand will abseits stehen.

Mild der Winter ohne Schnee, ohne Eis, geschäftig wie ein Bienenstock summt die leuchtende Zwillingsstadt. Für die Nacht zum Neuen Jahr wird ein großes Fest am Brandenburger Tor vorbereitet, mit Musik und Feuerwerk. Immer mehr Busse und Züge treffen in der Stadt ein, und viele drängen Unter den Linden zum Tor, kahl ragen die Bäume des Tiergartens in den letzten Dezemberabend der aufgewühlten Zwillingsstadt. Kein Halten, kein Zögern, Menschen schwarz, erregt und dicht gepackt......

Die Kameras der Welt übertragen die Stimmen, Musik und Bilder in die Nacht zum Neuen Jahr, den Chor, die Ansprachen, die lärmenden Kracher und Böller, Raketen ziehen eine leuchtende Spur..... in der flutend warmen Menge gerade nur ein Schatten: der junge Mann, der dein Vater werden soll.

Irgendwo fern im Westen erwartet auch Deine Mutter das neue Jahr: was mag es wohl bringen? Freunde und Verwandte hat sie in den Tagen nach Weihnachten getroffen, zwischen den Jahren fließen die letzten Tage ruhig wie milde Wetter im Auge des Sturms. Deine Mutter hat das Erlebnis dieser Nacht oft erzählt, und wir werden ihr glauben. Was wäre denn glaubhafter als ein Zeugnis?

In dieser Nacht wird die erste Feier am Brandenburger Tor in alle Fernseher der Republiken übertragen, über Millionen Bildschirme flackern dieselben Lichtreflexe, dieselben Töne und dieselben Worte. Und Deine Mutter weiß, dass in dieser bebenden, dunklen, dichten Masse der eingehüllt ist, der Dein Vater werden soll....... keine Stunde kennt diese Nacht zum Neuen Jahr, in dem die beiden Deine Eltern werden. Einen zarten Stich spürt sie wohl, wie einen aufgehenden Stern irgendwo unter dem Herzen.......und sie weiß in diesem Moment: Ich schenke Dir ein Kind.

Geradeso hat sie Deine Geschichte immer erzählt.

Hier endet der 125. Eintrag: Dieser Blog mischt Fiktion mit Realität. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind zufällig und in der historischen Überlieferung nicht verbürgt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO:

Ich schreibe um unser Leben. Bitte bleib dran.

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00:56 12.11.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

archinaut

Ein Blick weitet den Horizont: Dieser Blog zieht um die deutschen Häuser
archinaut

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hibou | Community
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seering | Community