Träume in Alexisbad

Ostharz: Grün ist die Hoffnung - ein Roman in Fragmenten
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Der neue Chef der Bauprojekt Quedlinburg tritt auf die Freiterrasse der Alten Oberförsterei: Wie schön, dass Sie heute Zeit für mich haben, Herr Forstmann...... Ein sonniges Lächeln breitet der Hotelier in den schattigen Morgen, als wolle er die die frühkühle Luft des Selketalgrundes durch seine persönliche Strahlung auf Sommertemperatur erwärmen..... etwas zu breit das Lächeln, etwas zu freundlich, auch zu laut... offensichtlich weiß er nicht recht, was er von dem dunkel gekleideten Besucher halten soll. Setzen Sie sich doch, ich lasse Ihnen gleich ein Frühstück bringen, Kaffee oder Tee, ein Ei vielleicht?... und er preist das reiche Angebot seines Hauses. Aber neugierig ist er auch: Sagen Sie mir doch bitte noch, was Sie zu mir führt....

Ich besuche alle Bauherren der letzten Jahre, sagt der Geschäftsführer der Bauprojekt: Ich bin neu in der Region und möchte mich gerne vorstellen, vielleicht haben Sie ja eine Aufgabe, die wir als Ingenieure und Architekten für Sie lösen können! Soweit ich gehört habe, wurde Ihr Hotel auf unseren Zeichentischen geplant, irgendwann in den siebziger Jahren, wir haben irgendwo noch die Pläne im Archiv..... Damals hieß es allerdings nicht Alte Oberförsterei, denkt er, es war ein Gästehaus der Stasi, hat man ihm erzählt.

Forstmann lebt auf wie Glut im Windstoß: Sie können sich nicht vorstellen, wie das Haus aussah, als ich es übernommen habe! Ich bin ja erst vier Jahre nach der Wende in dieses Tal gekommen, das Ferienheim war nur noch eine traurige Ruine, keine Scheibe mehr ganz, Schimmel in den Wänden und alle Keller überflutet zur Schneeschmelze! Sie können sich nicht vorstellen, wie runtergewirtschaftet das Objekt war...... aber meine Frau und ich, wir haben uns sofort in das Haus verliebt! Für’n Appel und ’n Ei hat Forstmann das alte Stasi-Heim von der Treuhand gekriegt, so hat es der Bürgermeister erzählt.

Ist dieses Tal nicht wunderschön? fragt Forstmann mit ungehemmter Begeisterung ohne auf eine Antwort zu warten: Sie finden so etwas nirgendwo sonst in Deutschland! Hier unten springt lustig die Selke, der dichte Wald zieht sich die Hänge hinauf, oben liegt der Höhenweg, harzgewürzte Waldluft.... sein Arm deutet auf den felsigen Hang, der direkt hinter dem langgestreckten Baukörper des Hotels aufsteigt. Sie können mit der Schmalspurbahn anreisen, mit einer Dampflok! Hier will ich dem gestressten Großstadtmenschen unvergessliche Urlaubstage bieten! Forstmann redet sich weiter in Fahrt, beschreibt ein ganzes Urlaubsreich mit mehrgesternter Küche, Steaks vom selbstgezüchteten Harzer Höhenrind, Quellwasser, hier vor Ort abgefüllt, biologisch kultivierten Weinen der Region.......

Forstmann will eine Fischzucht neben dem Hotel anlegen, hatte der Bürgermeister erzählt, aber für ein neues Gewerbe kriegt er bei mir keine Genehmigung. Alexisbad soll Erholungsort bleiben!

Man nennt den Bürgermeister auch Stalin von Harzgerode.

Wortreich beklagt Forstmann das fehlende Verständnis der Einheimischen, besonders schlimm sei der Bürgermeister... aber auch die anderen Behörden hält der Hotelier für unternehmerfeindlich und rückständig, die Förderpolitik der Landesregierung für falsch und die Banken für geizig...

An einer Stelle hier im Ort tritt Wasser aus dem Fels, eine alte Brunnenfassung ist zu erkennen, als Alexisquelle seit Jahrhunderten bekannt. Forstmann hat zehn Quadratmeter Grund um die Quelle erworben, der Bürgermeister hat zu spät erfahren, dass dieses kleine Flurstück zum Verkauf stand.

Man erzählt in Quedlinburg, dass Sie große Pläne haben... kommt der Architekt nach über einer Stunde wieder auf den Anlass seines Besuchs, ich habe gehört, dass Sie Ihr Hotel durch ein Bad erweitern wollen? Für einen Wettbewerb habe ich vor einiger Zeit eine Therme entworfen, den Entwurf habe ich mitgebracht, wenn Sie Interesse und Zeit haben, kann ich Ihnen die Mappe gerne zeigen.

Aber gerne, freut sich Hotelier Forstmann und lässt zwei weitere Kännchen Kaffee kommen. Nehmen Sie noch ein Stück Kuchen?

Dann erläutert der Architekt seinen Entwurf, die Eingangshalle, die Ruhebereiche, die verschiedenen Wasserbecken, die verträumte Grotte unter dem farbigen Glasdach... So eine Grotte könnten wir direkt hinter Ihrem Haus in den Fels schlagen, sagt er, ganz allein für das Wasser der Alexisquelle, vielleicht mit einem Himmelsauge für die klaren Nächte, wenn der Vollmond über diesem Tal steht... die beiden laufen jetzt durch den duftenden Wald zu einer Terrasse, die weiter oben über dem Tal liegt, dort warten noch Ferienhäuser, die zur Anlage gehören.

Wissen Sie was, sagt Forstmann mit betrübter Miene, das gefällt mir, Sie haben die richtigen Ideen, Sie wären genau mein Architekt....... wenn ich nicht vor zwei Wochen ein anderes Büro beauftragt hätte... Der Vertrag ist schon bei der Bank!

Hier endet der 190. Eintrag: Dieser Blog mischt Fiktion und Realität. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind zufällig und in der historischen Überlieferung nicht verbürgt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO:

Ich schreibe um unser Leben. Bitte bleib dran.

Next

Back

Klick zum Gästebuch

Dieser Blog mischt Fiktion und Realität. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind zufällig und in der historischen Überlieferung nicht verbürgt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO:

Ich schreibe um unser Leben. Bitte bleib dran.

21:07 26.08.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

archinaut

Ein Blick weitet den Horizont: Dieser Blog zieht um die deutschen Häuser
archinaut

Kommentare 22