Verschaukelt

Bürger in Bewegung: Das Einheitsdenkmal ist kein Revolutionsdenkmal…. ein Blick in die Zukunft
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Wir nannten sie früher ironisch „die Prinzessin“, wenn sie es nicht hörte… ihr Großvater hatte eine ertragreiche Möbelfabrik gegründet, der Familie gehörte auch die Tageszeitung der Kreisstadt im Schwäbischen. Nach dem Vordiplom war sie mit einem Assistenten liiert und hatte mit ihm zusammen Westberlin in Richtung Heimat verlassen... Die Zeitung wurde an einen überregionalen Medienkonzern verkauft, als die Einnahmen aus dem Anzeigengeschäft noch vorzeigbar waren, die Möbelproduktion ins Ausland verlegt, eines Tages tauchte die Prinzessin wieder in der Hauptstadt auf und bittet mich seitdem gelegentlich, sie zu Wohnungsbesichtigungen zu begleiten, als beratender Architekt sozusagen. So auch heute.

Wir treffen uns am Schinkelplatz, direkt am Ufergeländer des Kupfergrabens. Die junge Frau vom Maklerbüro begrüßt uns etwas zu freundlich, die Vermögensverhältnisse meiner Klientin sind selbstredend vorab bekanntgemacht, die junge Frau schließt uns das Gittertor zu den Gärten der neuen Wohnanlage auf, erläutert uns die sorgsam bepflanzten, wenn auch leicht schattigen Hausgärten, kein unerwünschtes Unkraut stört die wohlgesetzte Ordnung der weißen Blüten vor dem dunklen Grün: „Erstmal zeige ich Ihnen die Wohnung mit Westblick,“ plaudert die Maklerin, „Sie werden begeistert sein!“ öffnet eine schwere Tür und führt uns über glänzend polierten Marmor an großen Spiegelflächen vorbei ins edelholzvertäfelte Entrée: „Jedes Haus hat selbstverständlich einen eigenen Gartenzugang!“ Nahezu geräuschlos öffnet sich die Aufzugstür: „… natürlich mit Anschluss an die Tiefgarage!“, sie bringt uns in den vierten Stock: „Wir haben darauf geachtet, dass die Wohnräume in allen Einheiten mindestens drei Meter hoch sind!“ und bewegt die Chipkarte vor dem Sensor. Die schwere Eingangstür der Wohnung öffnet sich von selbst: „Elektronischer Antrieb, können Sie von jedem Raum der Wohnung steuern…“ senkt die junge Frau andachtsvoll die Stimme, denn sie erwartet unsere Reaktion auf Interieur und Panorama, vor uns liegt der Park des Kronprinzenpalais, linkerhand ragt die bekannte Friedrichswerdersche Kirche und das Quartier der Kronprinzengärten ins Blickfeld.

Man sieht das neue Wohnquartier, hier wohnt die Frau: weiße Fassaden, Sprossenfenster, grüne Fensterläden, zu Kugeln geschnittene Buchsbäume, die Architektur sieht aus, als habe der Architekt wie ein hektischer Konditor noch ein wenig sahnecremehaften Gips um die drögen Tortenböden geschmiert, damit das Ganze ein wenig mehr an Art déco erinnert. Vor dem Haus parkt seltsamerweise eine Kutsche; es sieht aus, als empfange die Frau den soeben aufgetauten Alexander von Humboldt zu Besuch. (Niklas Maak über den Werbefilm für die Kronprinzengärten im Buch Wohnkomplex, Carl Hanser Verlag 2014)

„Die berühmteste Kirche von Karl Friedrich Schinkel, dem Baumeister der preußischen Könige!“ Die junge Frau deutet aus dem Fenster, in der gesenkten Stimme eine leise Andeutung von Ergriffenheit…. Dann erläutert sie uns mit einem Rundgang die weiteren Vorzüge der Wohnung, gelegentlich stelle ich eine Frage.

Nach dem Preis frage ich nicht, die Prinzessin hat mir schon erzählt, dass die Wohnung mit knapp neunzig Quadratmetern ein wahres Schnäppchen sei: „.. nur anderthalb Millionen Alte Euro, stell Dir vor, ein Super-Preis für die Lage!“

Auf dem Dach des Hauses befindet sich ein langgestreckter Swimmingpool mit Blick hinüber zur Friedrichswerderschen Kirche; die Frau geht schwimmen, bis es dunkel wird, man sieht ihre High Heels am Beckenrand. Später trifft sie den vielzahnigen Mann zum Dinner…. prostet dem Mann mit einem überdimensionalen Rotweinglas zu, während draußen die Lichter der Stadt angehen, und so wie sie da am Tisch sitzen, scheinen sie sich zu belauern… (Niklas Maak in Wohnkomplex)

Die Maklerin schaut kurz auf die Uhr: „Sie wollten auch eine Wohnung auf der anderen Seite sehen… reicht Ihre Zeit denn noch?“ Ja, natürlich, die andere Seite wollen wir ebenfalls besichtigen.

Als Karl Friedrich Schinkel starb, kostete eine Wohnung der besseren Stände…. jährlich 300-400 Taler, die Einnahmen der besseren Stände beliefen sich auf jährlich 3.000-4.000 Taler. Ein Zimmer in den Rentenhäusern vom Hamburger und Oranienburger Tor, in dem jeweils eine ganze Familie wohnte, kostete monatlich 2 Taler, die Reineinnahmen der Familien in diesen Wohnungen lagen zwischen 3 und 6 Talern monatlich. (Ingeborg Drewitz in Bettine von Arnim, Romantik – Revolution – Utopie, Wilhelm-Heyne-Verlag 1980)

Wir durchqueren wieder die wohlbeschnittenen, wenn auch leicht schattigen Hausgärten und betreten das Haus gegenüber, ein schwerer Läufer dämpft das Geräusch unserer Schritte, der Aufzug umfängt uns lichtblau, Naturstein dünn geschliffen und ringsum hinterleuchtet…: „Royal Blue, ein seltener Marmor aus Brasilien!“ erklärt die junge Frau kurz und bringt uns in das Dachgeschoss…. die Wohnung öffnet sich direkt vor der Fahrstuhltür, elektronisch gegen unbefugten Zutritt gesichert, mehrfach selbstverständlich, die Räume liegen in gedämpftem Licht, das vor unseren Augen aufstrahlt wie ein Bühnenbild nach dem Öffnen des Vorhangs, auch leise Musik perlt durch die Räume: „Zweihundertdreißig Quadratmeter hat diese Residenz, ist aber nicht die größte Einheit in diesem Objekt…“ erklärt die Maklerin und führt uns erst in den Rückzugsbereich mit dem Wellness-Atrium, dann in den uferlos erscheinenden Wohnsalon, geräuschlos öffnet sich der Fensterstore und gibt den Blick frei: „Das Beste ist unbezahlbar: der Blick auf das alte Schloss!“ lacht die junge Frau und öffnet die Terrassentür. Wir treten auf das geölte Teakdeck hinaus zu den beiden Orangenbäumen, sie erwartet uns am Geländer mit einem verträumten Blick über den Kupfergraben: „Wie schön, dass sie die Kuppel endlich vergoldet haben!“ Die mächtige Front der Schlossrekonstruktion liegt noch im Schatten, das Denkmal davor aber schon im kalten Sonnenlicht, wir beugen uns leicht, die großen Messinglettern sind von hier gut zu lesen: WIR SIND DAS VOLK – WIR SIND EIN VOLK .

„Früher stand dort drüben der Palast der Republik,“ sage ich, weil mich ihre Bemerkung irritiert hat…. „Aber nein, der stand viel weiter Richtung Alexanderplatz,“ wehrt sie fröhlich ab, „da hinten im Osten, wo die kommunistische Zone war!“ Ich schaue kurz zu meiner Klientin, aber ihr scheint es gerade herzlich egal, wie alt das Schloss ist…. sie steht mit geschlossenen Augen in der Sonne und genießt offensichtlich die feinen Aromen der kleinen Orangen.

Als sie die Augen wieder öffnet, sagt sie mit einem Blick auf das Denkmal: „Es gefällt mir, dass man die Buchstaben jetzt viel besser erkennt….. seitdem niemand auf die Schale darf!“ Vor zwei Jahren etwa, so um 2020, hatten sich über fünfhundert Flüchtlinge dort angekettet wie auf einem überfüllten Kahn, seitdem ist ein bewaffneter Wachschutz beauftragt, jede Berührung, jedes Betreten zu verhindern. Niemand sitzt mehr auf den Lettern: WIR SIND DAS VOLK – WIR SIND EIN VOLK, gelegentlich vielleicht noch eine Taube.

Mit den neuen Luxusimmobilienprojekten ist ein neues Filmgenre entstanden- der kommerzielle, meist im Internet, auf der Website abzurufende Architekturfilm, der mit aufwendiger Technik das mögliche Leben in einem noch nicht gebauten Haus vorführt… Dieser hier ist ein Horrorfilm. Er zeigt eine leere Existenz. Die Frau tut nichts… sie arbeitet nicht, sie hat offenbar keinen Beruf und keine Freunde, nur ihren Mann. Ihr Tag besteht aus Shopping, Schwimmen, Auf-den-Mann-Warten. Dieser Mann ist jeweils nur in Restaurants anzutreffen, offenbar ist sogar ihm die Wohnung zu langweilig… (Niklas Maak in Wohnkomplex)

Langsam moduliert das schrägfallende, wandernde Sonnenlicht das Relief der rekonstruierten Schlossfassade, das Eingangsportal, die Fensterhöhlungen, die so lange blind waren gegen die Zukunft, bis der letzte Preußenkaiser aus diesem Schloss fliehen musste.

Dies Buch gehört dem König, so nannte Bettine von Arnim ihren Ausblick auf eine beschädigte, auf eine reformbedürftige Ordnung, einen Briefroman, den sie im Jahr 1843 dem preußischen König Friedrich Wilhelm IV. widmete, der seinem Vater drei Jahre zuvor auf den Thron gefolgt war. Aber die allgemeine Hoffnung auf Reformen, auf die lang versprochene Verfassung, auf Pressefreiheit und auf soziale Gerechtigkeit erfüllte sich damals nicht, die Aufstände des Jahres 1848 werden später blutig niedergeschlagen.

Ihre Arbeit am Armenbuch hat Bettine von Arnim nie beendet: Wer ist des Staates Untertan? Der Arme ists! - Nicht der Reiche auch?- Nein, denn seine Basis ist Selbstbesitz und seine Überzeugung, daß er nur sich angehöre!- Den Armen fesseln die Schwäche, die gebundenen Kräfte an seine Stelle.- Die Unersättlichkeit, der Hochmut, die Usurpation fesseln den Reichen an die seine. Sollten die gerechten Ansprüche des Armen anerkannt werden, dann wird er mit unzerreißbaren Banden der Blutsverwandtschaft am Vaterlandsboden hängen, der seine Kräfte der Selbsterhaltung weckt und nährt, denn die Armen sind ein gemeinsam Volk, aber die Reichen sind nicht ein gemeinsam Volk, da ist jeder für sich und nur dann sind sie gemeinsam, wenn sie eine Beute teilen auf Kosten des Volkes. (Bettine von Arnim im Armenbuch, Materialsammlung ab 1844).

Wie heißt es doch auf der Website für das Freiheits- und Einheitsdenkmal?

Das geplante Denkmal ist ein Anstoß, ein Anreger zum Nachdenken – im besten Sinne ‚Denk mal drüber nach!‘ Ein Denkmal ist zunächst ein Gefühlsmoment. Es vermittelt ein Bild. Wenn dieses gut ist, wird es Gegenstand einer Erzählung. Es ist schon viel gewonnen, wenn die Deutschen im Vorfeld der Errichtung des Denkmals die Diskussion darüber führen: Was sind wir eigentlich? Was wollen wir eigentlich sein? (Jürgen Engert, Gründungsdirektor des ARD-Hauptstadtstudios)

Schreiben Sie die Geschichte fort… so endet der Werbefilm für die Kronprinzengärten.

Nachtrag zum Beitrag vom 28.01.2013: Hinter uns liegen die Chronolysen (in vier Akten)... die Timeline im Blog archinaut: ist inzwischen justiert, aber dieser Blog unternimmt einen Ausblick in die Zukunft. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO:

Ich werde Euch nicht schonen. Öffne Deine Augen.

Quellen:

Niklas Maak
Wohnkomplex
Warum wir andere Häuser brauchen

Erscheinungsdatum: 29.09.2014
Hanser Verlag
ISBN 978-3-446-24352-1

http://www.hanser-literaturverlage.de/buch/wohnkomplex/978-3-446-24352-1/

Ingeborg Drewitz
Bettine von Arnim
Romantik – Revolution – Utopie
Wilhelm-Heyne-Verlag 1980

http://www.rbb-online.de/politik/beitrag/2014/06/noch-mehr-luxuswohnungen-am-schinkelplatz.html

http://www.berliner-zeitung.de/berlin/neue-nobelappartements-am-schinkelplatz-wohnen-mit-blick-auf-das-schloss,10809148,27597860.html

http://www.berliner-zeitung.de/berlin/nobel-und-teuer---so-sollen-die-kronprinzengaerten-aussehen,10809148,16592844.html

http://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/wo-kapitalkraeftige-kosmopoliten-kaufen/5885404.html

http://www.kronprinzengaerten.de/#/de/film

http://www.freiheits-und-einheitsdenkmal.de/

http://www.freiheits-und-einheitsdenkmal.de/das-denkmal/der-siegerentwurf.html

http://www.freiheits-und-einheitsdenkmal.de/das-denkmal/der-ort.html

http://www.tagesspiegel.de/berlin/einheitsdenkmal-streit-in-der-wipp-lounge/7373876.html

http://www.tagesspiegel.de/berlin/berlin-mitte-kurz-vor-dem-3-oktober-einheitswippe-steht-auf-der-kippe/10776528.html

http://www.tagesspiegel.de/kultur/leipziger-einheitsdenkmal-auf-mut-folgt-wankelmut/10204882.html

http://de.wikipedia.org/wiki/Bettina_von_Arnim

http://www.kaiserin.de/bettina-von-arnim.php

http://www.getabstract.com/de/zusammenfassung/klassiker/dies-buch-gehoert-dem-koenig/7448/

Hinter uns liegen die Chronolysen (in vier Akten)... die Timeline im Blog archinaut: ist inzwischen justiert, aber dieser Blog unternimmt einen Ausblick in die Zukunft. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO:

Ich werde Euch nicht schonen. Öffne Deine Augen.

01:58 04.10.2014
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archinaut

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