Vom Unten zum Oben

Raumforscher Über die Poetik des Raumes
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Dieser Blog kommt aus dem Raum:

Die Vertikalrichtung ist gesichert durch die Polarität von Keller und Dachboden. Die Merkmale dieser Polarität sind so einschneidend, dass sie gewissermaßen zwei sehr verschiedene Achsen für eine Phänomenologie der Einbildungskraft bilden. Fast kommentarlos lässt sich die Rationalität des Daches der Irrationalität des Kellers entgegensetzen. Das Dach spricht sofort seinen Daseinszweck aus: es beschirmt den Menschen, der den Regen und die Sonne fürchtet. Die Geographen erinnern immer wieder daran, dass in jedem Lande die Neigung des Daches eines der sichersten Kennzeichen des Klimas ist. Man „versteht“ die Schrägstellung des Daches. Sogar der Träumer träumt rational: für ihn durchschneidet das spitze Dach die Wolken. Wenn es sich um das Dach handelt, sind alle Gedanken klar. Im Dachboden sieht man mit Vergnügen das starre Gerippe des Balkenwerks bloßgelegt. Man hat teil an der soliden Geometrie des Zimmermanns.

Und der Keller? Gewiss wird man ihn nützlich finden. Man wird ihn rationalisieren, indem man seine Bequemlichkeiten aufzählt. Zuerst ist er jedoch das dunkle Wesen des Hauses, das Wesen, das an den unterirdischen Mächten teilhat. Wenn man dort ins Träumen gerät, kommt man in Kontakt mit der Irrationalität der Tiefen.

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So bedient sich der Psychoanalytiker C. G. Jung des doppelten Bildes von Keller und Speicher, um die Ängste zu analysieren, die das Haus bewohnen. Tatsächlich findet man in einem Buch von Jung einen Vergleich, der die Hoffnung verständlich machen soll, die das bewusste Wesen hegt, „ die Autonomie der Komplexe zu vernichten, indem man sie umtauft“. Das Bild sieht wie folgt aus: „Das Bewusstsein benimmt sich wie ein Mensch, der ein verdächtiges Geräusch im Keller gehört hat und zum Dachboden eilt, um dort festzustellen, dass keine Diebe da sind und infolgedessen das Geräusch reine Einbildung war. In Wirklichkeit hat dieser vorsichtige Mann sich nicht in den Keller hinuntergewagt.“

Gaston Bachelard

Poetik des Raumes

aus: I. Das Haus – Vom Keller zum Dachboden – Der Sinn der Hütte

Aus dem Französischen übersetzt von Kurt Leonhard

Fischer Taschenbuch Verlag

Hier endet der 287. Eintrag: Dieser Blog mischt Fiktion und Realität. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind zufällig und in der historischen Überlieferung nicht verbürgt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO:

Ich schreibe um unser Leben. Bitte bleib dran.

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23:47 26.03.2012
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Geschrieben von

archinaut

Ein Blick weitet den Horizont: Dieser Blog zieht um die deutschen Häuser
archinaut

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