... wächst schon Gras drüber?

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Was wird, auch vergeht:

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Zelte und Buden werden „Fliegende Bauten“ genannt, um damit ihr flüchtiges, temporäres Wesen zu beschreiben. Bauwerke dieser so poesievoll klingenden Klassifikation werden nicht errichtet um zu bleiben.


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Zu den beständigsten Baustoffen gehört Beton, ein bereits bei den römischen Bauleuten bekanntes künstliches Gestein. Bauwerke aus Stein und Beton sollen gegen Gewalt, Erosion und andere Einflüsse der Zeit Bestand haben. In Frankreich errichteten deutsche Kriegstruppen U-Boot-Bunker am Atlantik, deren Betonpanzer mit konventionellen Waffen kaum zerstört werden kann.

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Die Werkstoffmischung des Betons wird angerührt aus einem speziellen Stoffgemisch, aus Wasser und festen Zuschlagstoffen, in der Regel einer in der Größenstreuung definierten Gesteinskörnung. Zur Armierung von Betonkörpern werden in einer raumbegrenzenden Schalung zugfeste Werkstoffe wie Stahl, Glas oder Kohle als Stäbe, Fasern oder Matten mit der flüssigen Betonmasse möglichst dicht vergossen, also ohne Lufteinschlüsse. In einer hyraulischen Reaktion härtet der angemischte Zementleim durch Kristallisation aus, der Ablauf ist nur bedingt zu verzögern und nicht umkehrbar.

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Die sogenannte Normfestigkeit ist etwa 28 Tage später nachweisbar, die endgültige Qualität wird aber erst nach vielen Monaten erreicht. Der Prozess der Betonkristallisation verändert die Struktur des Betonkörpers allmählich, wobei alle Zuschläge und Armierungen durch die Betonmasse möglichst allseitig vollständig umschlossen bleiben müssen. Bewehrung und Zuschlagstoffe müssen mit vergleichbaren thermischen Ausdehnungskoeffizienten wie die Betonmasse gewählt werden, damit Temperaturunterschiede die aus Beton hergestellten Bauteile nicht sprengen.

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Aus dem frischen Zement entweicht das Wasser nicht durch Austrocknung, vielmehr wird im Beton Kristallwasser gebunden. Durch dieses Wasserbindevermögen kann Beton auch unter Wasser steif werden und auskristallisieren. Erhärteter Beton kann Wasser aufnehmen und gibt es nicht wieder ab.

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Durch die Einflüsse der natürlichen Umgebung, der Luftqualität und der Witterung sind Betonoberflächen im Außenbereich der Erosion ausgesetzt. Je nach Besonnung, Neigung und Porigkeit des Betons entsteht ein Pionierhabitat als Basis der Besiedlung durch erste Pionierpflanzen, oft Moose oder Flechten.

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„Beton wird in der Zeitgenössischen Kunst auch für Denkmäler oder Skulpturen verarbeitet,“ weiß Wikipedia.

Die in gerasterter Ordnung gelagerten Stelen auf dem Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlinsind aus dunklem Beton gegossen. Eine spezielle Oberflächenbehandlung soll den Beton vor Witterungseinflüssen oder Auswaschungen schützen sowie Verunreinigungen verhindern, die insbesondere von den gefürchteten Graffiti-Aktivisten drohen könnten.

An diesem Beispiel zeigt sich, dass wir nicht in der Lage sind, etwas Materielles für die Ewigkeit herzustellen. Was wir bauen, ist Veränderungen unterworfen.

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Der architektonische Entwurf zum Denkmal für die ermordeten Juden Europas entstand als Kooperation zwischen dem Bildhauer Richard Serra und Peter Eisenmann, der als Architekt in New York arbeitet und lehrt. Seine gestalterische Handschrift ordnen die Deutungsmächtigen der Zunft unter dem Terminus Dekonstruktivismus in die jüngere Architekturgeschichte ein.

Bereits Anfang der achtziger Jahre schlug Eisenmann einen dekonstruktivistischen Garten für seinen Entwurf Haus am Checkpoint Charlie vor, das im Rahmen der Internationalen Bauausstellung IBA errichtet wurde und heute als Museum ein sehr stark frequentierter Ort in Berlin ist. Der Garten wurde nicht realisiert.

Die später gestalt gebende Grundidee für das Mahnmal ist über lange Jahre entwickelt und gereift. Die gesellschaftliche Aufgabe, das großflächige Grundstück und die architektonische Idee fügen sich in mehren Überarbeitungsphasen zusammen, sodass etwa zwanzig Jahre nach der ersten Skizze eines dekonstruktivistischen Gartens im Jahr 2005 ein einzigartiges, richtungweisendes Werk der Öffentlichkeit übergeben werden kann.

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Heute fragen wir uns, welche Kräfte unter der glatten, durch ein Degussa-Produkt geschützten Oberfläche wirksam sind. Das Wort Kristallwasser, das bei der Erhärtung des Betons einer Rolle spielt, erinnert eigentümlich wie unheilvoll an das Wort Reichskristallnacht.

Innere Kräfte wirken.... Der Beton reißt und stellt uns neue Fragen. Erinnerung kann man nicht an ein Denkmal delegieren.

Sühne ist Arbeit, Versöhnung auch.

Versöhnung ist Veränderung.

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Ich erinnere mich noch an die Ausschreibung des Wettbewerbs.

Schwarzer Berg der Trauer

war mein Arbeitstitel.

Als Architekt konnte ich damals für diese Aufgabe kein passendes Bild finden, nur einen Regelkreislauf:

Eine Bitte geht an die jüdischen Gemeinden der ganzen Welt:

Sendet kleine Stücke zur Erinnerung an die deportierten, vermissten, gemordeten Angehörigen nach Berlin zu den Errichtern des Mahnmals:

ein Foto, ein Ring, eine Blume, eine Münze, ein Gedicht.....

Die Errichter des Mahnmals müssen alle Gaben annehmen und die Geschichte dazu dokumentieren.

Dann werden sie eingegossen in schwarz durchfärbten Beton, Schicht für Schicht in einen massiven Block hoch wie ein Haus

Der Beton kristallisiert langsam aus.

Die Angehörigen, die Kinder und die Erben der Täter, die Nachgeborenen alle treten Tag für Tag an den schwarzen Berg, mit Hammer und Meißel.

Wir kennen das Bild aus den letzten Tagen der Berliner Mauer.

Wer ein Erinnerungsstück aus dem Beton schält, erfährt die Geschichte dazu und erhält die Adresse als Auftrag, das Stück mit einem persönlichen Schreiben an den Leihgeber zurückzuschicken.

Und wir hoffen auf den Tag, an dem der letzte schwarze Brocken zu Staub zerkleinert ist.

Ob ich mit diesem Szenario im Wettbewerb zum Denkmal Freunde in der Jury gefunden hätte, ahne ich nicht..... vielleicht hat das Denkmal für die ermordeten Juden Europas ja insgeheim die Aufgabe,durch eine polierte Betonoberfläche die verlorenen Stimmen für alle Zeiten zum Schweigen zu bringen.


Hier endet der 293. Eintrag: Dieser Blog mischt Fiktion mit Realität. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind zufällig und in der historischen Überlieferung nicht verbürgt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO:

Ich schreibe um unser Leben. Bitte bleib dran.

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23:50 14.04.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

archinaut

Ein Blick weitet den Horizont: Dieser Blog zieht um die deutschen Häuser
archinaut

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