archinaut
14.12.2013 | 15:04 17

Wann kommt der Mandela-Burger?

Mythos wird Marke, aber wie können wir uns dagegen wehren?

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied archinaut

Nein, über Nelson Mandela werde ich nicht schreiben, dazu weiß ich viel zu wenig über seine Mission, seinen Weg, seine Wahrheit, denn was auch immer ich über ihn hören, von ihm sehen konnte, musste ja einen dicken, weißen Filter passieren: kam von der anderen Seite der Welt, aus einer Vergangenheit der großen Ideen, der legendären Kämpfe zwischen Gut und Böse.

Als jetzt von ernstzunehmenden Greisen der Vorschlag kam, den Berliner Schlossplatz in Zukunft nach dem gerade verstorbenen, hochgeehrten Idol Mandela zu benennen, bin ich doch sehr erschrocken: Nichts ist ihnen heilig, selbst die Toten werden missbraucht, bevor sie noch kalt geworden, musste ich denken. Und befürchte zugleich, dass diese zynische, geschichts­vergessene Idee genau so erfolgreich wird wie der trostlose Gedanke, das verlorene alte Preußenschloss wieder aufzubauen.

Jeder Akt des Kannibalismus ist durch das Verlangen motiviert, sich Kraft und Stärke des Opfers einzuverleiben, wie es selbst im Heiligen Abendmahl der christlichen Liturgie symbolisch nachvollzogen wird…. Aber ist es wirklich unvermeidbar, dass uns eines Tages ein international aufgestellter Gastro-Konzern den dunkel gebratenen Mandela-Burger im Berliner Schloss kredenzt?

In einer ersten Reaktion auf den Namensvorschlag für den Schlossplatz fordert das Bündnis No Humboldt 21! den Namen des charismatischen Staatsmanns für die Umbenennung der Berliner Mohrenstraße, deren Name auf den preußischen Zwangsmigranten im späten 17. Jahrhundert verweist.

Später begnügte sich der Berliner Hof nicht mehr mit dem Import von Menschen, die Offiziere der deutschen Kaiserkrone brachen vielmehr zum ersten Völkermord des zwanzigsten Jahrhunderts auf: „Der entbrannte Rassenkampf ist nur durch die Vernichtung einer Partei abzuschließen,“ zitiert Wikipedia den Chef des Generalstabs Alfred Graf von Schlieffen. Nach dem Sieg über die Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika entwickelte er den Plan zur Eroberung Frankreichs… und wir können heute in den Geschichtsbüchern lesen, wie leidvoll und verlustreich die Umsetzung des Plans scheiterte.

Mit miltärischer Gewalt, die von den Deutschen so gerne noch als Niederschlagung des Herero-Aufstands bezeichnet wird, haben die kaiserlichen Truppen in Afrika einen Großteil des Herero-Volks vernichtet: Wäre es nicht an der Zeit, eine Mahnung an diese beschämende Episode der deutschen, wilhelminischen Kolonialisierung in den Grund der alten wie neuen deutschen Hauptstadt zu schreiben?

Benennt den Schlosspatz nach den stolzen, freiheitsliebenden Hereros – Nelson Mandela würde es freuen!

Presse und Links

http://www.tagesspiegel.de/berlin/ein-berliner-platz-fuer-den-freiheitskaempfer-der-platz-vor-dem-schloss-soll-nach-nelson-mandela-benannt-werden/9200170.html

http://www.uni-potsdam.de/u/romanistik/humboldt/hin/hin4/inh_zeuske_4.htm

Nachtrag zum Eintrag vom 02.05.2012: Hinter uns liegen die Chronolysen (in vier Akten)... die Timeline im Blog archinaut: ist inzwischen justiert. Dieser Blog berichtet aus Deiner Welt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO:

Ich werde Euch nicht schonen. Öffne Deine Augen.

Dieser Blog berichtet aus Deiner Welt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO:

Ich werde Euch nicht schonen. Öffne Deine Augen.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (17)

Columbus 14.12.2013 | 15:42

Da haben Sie schon Recht, Archinaut.

Mandela und sein Tod, das ist hier, sowohl für die Medien, wie für die Politiker, die sehr oft nur Krokodilstränen und Tränchen zum eigenen Vorteil vergießen, nur eine weitere Möglichkeit zum Gelegenheits-Testimonial.

Da geht es nicht um den Hintergrund der Person Mandelas, die vorausschauenden ANC-Prinzipien, die Prinzipien der Regenbogennation.

Furchtbar in dieser Hinsicht, der hiezulande breit gelobte, weil einigermaßen empathische Redeauftritt Obamas, der mit Mandela und einer Verpflichtung auf dessen Prinzipien gar nichts zu tun hatte, aber eine glänzende Selbstdarstellung des US-Präsidenten bot.

Schrecklich auch, dass die mediale Öffentlichkeit mehr mit dem Siechtum und den familiären "Tragödien" des ersten schwarzen Präsidenten Südafrikas beschäftigt war und zuletzt der Gebärdendolmetsch und das "Selfie" der dänischen Ministerpräsidentin, nebst Reaktion der Broccoli-Farmerin Michelle Obama ein große Rolle spielte.

Einziger Lichtblick: Wir blieben von einer "Freiheitsrede" unseres Bundespräsidenten verschont.

In Südafrika ist es aber durchaus anders: Dort spüren die Medien und auch viele gesellschaftliche Gruppen den Widersprüchen nach, die zwischen dem Anspruch der in den goldenen Verfassungsregeln des Antirassismus-, Antiapartheid- und Antidiskriminierungs- Staates niedergelegten Grundprinzipien und den Taten der Tagespolitik bestehen.

Der derzeitige Präsident des Landes, Jacob Zuma, ist dafür die Projektionsfigur. Er hat viel dafür getan, die Prinzipien zu verletzten und spielte zuletzt den Populisten für seine Klientel.

Vielleicht reicht das aber nicht mehr bei den Wahlen, denn die Frustration über den Zustand der Republik Südafrika ist tief und weit verbreitet.

Immer noch, müssen z.B. Frauen zum Wasserholen Kilometer laufen. Immer noch, bekommen Kinder keine Schulbildung, usw.

Das ändert aber nichts an den prizipiell richtigen und zukunftsorientierten Grundsätzen aus den Zeiten der Kampfes um den neuen Staat. Vielmehr kommt es darauf an, an diese Grundsätze zu erinnern und auf ihrer Grundlage Forderungen zu stellen.

Beste Grüße

Christoph Leusch

Magda 14.12.2013 | 16:56

Herrero-Platz nicht schlecht. Und klingt lautmalerisch fast wie "heroisch". Sie werdens aber nicht machen.

Schon merkwürdig, was sich so an Vorschlägen findet. Und in dieser medialen Rennbahn wird das immer alles gleich so unreflektiert "rausgeschossen". Und die Heuchelei ist das Pulver dafür.

Ich denke aber, die Idee mit Mandela wird im Sande verlaufen. Bald ist das wieder weg vom öffentlichen Guckloch. Da muss man fast noch froh sein.

Columbus 14.12.2013 | 20:50

Mandela kann eben nichts dafür, dass er so gut ist, Magda.

Das ist wie mit den Putti unter der Sixtinisschen in Dresden und den hübsch be- und entkleideten Tänzern um die andere Madonna.

Ich denke aber, dass die "Reichshauptstadt", neben ihrem Hipness- Status bei wirklich Kreativen, eben auch ein ideales Sammelbecken für alle Oberflächlichkeiten der Republik bietet. - Wäre das nicht einmal ein Thema, zu dem in der größten Hauptstadt aller Zeiten ausreichend Material herbeigeschafft werden könnte?

Ich muss bei Mandela immer auch an diesen Rührpudding und Liebling aller Kinder, Hausmänner und Frauen denken, der nur ein L mehr hat. Mandorla und dann ist man im hessischen Schwalm-Eder Kreis, ganz provinziell und bei Maria und Jesus im Strahlenkranz oder Ring.

Gegen Herero- Platz wäre ich, genau wie gegen Nelson Mandela- Platz, weil da, wie Sie zu 100% mit Recht vermerken, sich zu viel Heuchelei damit verbände.

Wenn einmal wieder, durch Zufall und/oder Notwendigkeit, eine linke Regierung was zu sagen hätte, dann wäre es erträglich, weil die Linken, die richtigen Roten, zumindest in diesem Falle, bei Mandela und Südafrika, auf der Seite der Gerechtigkeit und des besseren Seins waren. - Allerdings, so ist zu vermuten, auch eher nur zufällig, wegen des großen Bruders und der Weltzustände.

Beste Grüße

Christoph Leusch

goedzak 14.12.2013 | 22:37

Keine Angst, es ist ringsum Platz genug, ein bisschen was von den Namen verstorbener, ehemals widerborstiger Figuren wie Dieter Hildebrandt oder Nelson Mandela auf die eigene Bedeutung abfärben zu lassen.

Aber an den Kernpunkten des/der Deutschen, nee, da wird sich sowas nicht durchsetzen. Wir sind wieder wer, und am Hohenzollernschloss, gegenüber des Hohenzollern-Doms wird es keine nach Negern benannten oder sonstwie an nicht deutsch-christlich-abendländische Kultur gemahnende Orte oder Plätze geben.

archinaut 15.12.2013 | 00:07

Lieber Christoph Leusch,

freue mich sehr, dass Sie hier vorbeigeschaut und einige Nachdenklichkeiten hinterlassen haben!

Wäre Mandela 10 Jahre früher aus dem Gefängis gekommen, die Apartheid-Doktrin 15 Jahre früher aufgegeben worden, so hätte er gewiss weit mehr bewirken können. So bleibt die bittere Wahrheit, dass die Gewalt, die die südafrikanische Gesellschaft entschieden geformt hat, noch sehr lange fortwirkt und weiter beschädigt.

Den Südafrikenern (und auch allen ihren Nachbarn) wünsche ich jedenfalls viel Erfolg bei der Sicherung des Friedens und bei der Verbesserung der Lebensbedingungen!

Aber über Mandela wollte ich ja eigentlich gar nichts schreiben, sondern über den neuen Vorstoß, nach der Erfindung des "Humboldtforums" durch eine weitere Vereinnahmung das Geschichtsbild zur Unkenntlichkeit zu verkleistern... als finale Krönung warten wir ja auf die goldene Verschaukelung!

Herzliche Grüße

archie

archinaut 15.12.2013 | 00:15

Hallo liebe Magda,

zuerst lag mir soga auf der Zunge, einen "Platz der himmlische Hereros" zu fordern, aber einen zynischen Vorschlag soll man nicht mit Zynismus beantworten, denke ich....

Dass die Idee im Sande verläuft, will ich gerne mit Dir hoffen, aber gerade beim Schloss-Wiederaufbau zeigt sich doch, dass die dümmsten Ideen unbeschadet überwintern...... und neu austreiben, wenn das Klima günstig ist!

Herzlichst

archie ;-)

archinaut 15.12.2013 | 00:31

Lieber Goedzak,

die Namensgebung ist zwar ein (eigentlich) lächerlicher Nebenschauplatz, aber in Berlin gibt es doch interessante Beispiele zur Verteidigung der Erinnerungen: Die Springer-Zentrale liegt seit einiger Zeit an der Rudi-Dutschke-Straße, und Mercedes Benz hat für die neue Adresse, benannt nach einer Zwangsarbeiterin, bestimmt auch nur ein säuerliches Lächeln übrig...

Es müsste sich jemand für den "Herero-Platz" stark machen, ohne Gegenvorschlag bleibt es beim Schlossplatz - oder eines Tages Nelson-Mandela-Platz.

Herzlichst

archie ;-))

gelse 15.12.2013 | 06:30

Ein "Nelson-Mandela-Platz", von dem die Bismarck- Wilhelm- KommerzienratMüllerMeierSchulze-Strassen abzweigen: Dochdoch, das wäre repräsentativ für dieses Land und seine Häuptlinge.
Am Platz befinden sich Läden, die teuren Kaffee aus armen Ländern verkaufen. Über den Platz wandeln schnieke Schnösel, in Telefone blubbernd die mit billigem Coltan aus Afrika produziert wurden.
Genau so muss es sein...

poor on ruhr 15.12.2013 | 21:21

Lieber archie,

Herero-Platz finde ich gut. Sie werden es zwar wohl niemals machen, aber das wäre ein echtes Statement. Die deutschen Interessen in Afrika sind bis heute sehr stark. Ein Markt und Rohstoffelieferant den der Deutsche bis heute sehr verlockend findet.

Im Prinzip wäre ja nichts dagegen zu sagen, aber ich glaube nicht, dass man da im Grossteil eine faire Weltwirtschaftsordnung im Sinn hat.

Viele Grüßé

poor on ruhr

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Ehemaliger Nutzer 16.12.2013 | 11:06

Danke für Deinen Bericht!

Ich hege die Vermutung, dass schon seit Jahren Pläne in den Schubladen der entscheidenden Personen liegen, den Schlossplatz zum gegebene Zeitpunkt in "Gorbi-Platz" umzutaufen. Dagegen kann ein Mandela nicht anstinken. Leider braucht der alte Russe so ewig lange, um von dieser besten aller möglichen Welten abzutreten.

Ernsthaft: Mein Eindruck ist, dass der Bogen des Sich-mit-fremden-Federn-Schmückens in der Vergangenheit so stark überspannt worden ist, dass Politiker heute vor dem Problem stehen, überhaupt nichts mehr sagen zu können, ohne, dass es nicht gegen sie ausgelegt werden würde. Aller Pathos klingt ausgehöhlt. Letzter Ausweg aus dieser Misere wäre langfristiges, gerne auch stilles Engagement in einer Sache, die den Worten ein Fundament bereitstellte. Da bin ich skeptisch...

Gruß, d.

archinaut 17.12.2013 | 00:44

Hallo Doimlinque,

freue mich über Deinen Besuch hier....Ob eine bestimmte Person oder eine kleine, gut vernetzte Gruppe, in diesem Fall nämlich die Stiftung Zukunft Berlin den Namen feslegen soll, das ist genau die Frage, die sich da stellt, auch wenn der Tagesspiegel so freundlich assistiert...

Wo wir gerade bei der Bedeutung von Adressen sind, fallen mir gleich die drei aktuellen Wettbewerbsfinalisten für den Neubau an der Berliner Axel-Springer-Straße ein... Du darfst raten, wer der Bauherr ist;-))

Herzliche Grüße

archie