Warten auf Blau

Vom Lieben: Peggy erinnert sich an eine Affäre in Paris.... und an die Begegnung mit Godot
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Blaue Stunde in der Bebel-Bar: „Intelligente Männer sind nur zu ertragen, solange sie betrunken sind,“ stöhnt Marlene... Peggy ergänzt: „.... wenn sie nicht mehr zuschlagen können!“ Marlene hebt die Braue: „Von Männern rede ich, meine Liebe, nicht über Frauenfresser!“

....sweet milled sweat of my burning liver!“ skandiert Peggy mit gespielter Emotion: „Whoroscope von Beckett, das Gedicht hat ihn bekannt gemacht...From the only poet for a shinning whore.“ Marlene lacht: „Die Iren sind grandiose Säufer, ihr Stoff heisst Whis-key, als ob sie darin den Schlüssel zur göttlichen Gnade finden....“

Vom Blauen Angler will Peggy heute erzählen, wenn auch Marlene gerade eine andere Neugier umtreibt: „Es war mal was zu lesen über Dich und Beckett, Du kennst ihn doch...?“ Peggy geht nicht darauf ein, sie erinnert den Winter in Quedlinburg:

„..... Totenstarre, kaltes Licht, kurz die Tage, kein Haus rührt sich, nur der Rauch steigt in dünnen Fahnen zum eisblauen Himmel, verödet alle Gassen, kein Mensch auf dem Markt zu sehen, allenfalls ein umherirrender Schlafwandler kann Dir in irgendeinem verlegenen Winkel noch begegnen..... man muss Angst haben, dass die Stadt für immer schläft und hofft auf die steigende Sonne....“

„.....eine Affäre in Paris, habe ich gehört,“ setzt Marlene nach, und Peggy ergibt sich mit einem ironischen Seufzer....

Die Bebel-Bar ist ruhiger, verschwiegener Ort, die Gäste des Hauses sind um diese Zeit wahrscheinlich in der Stadt unterwegs.

„Beckett war frisch nach Paris gezogen, im Jahr davor in Deutschland unterwegs, in Hamburg, Berlin, Dresden und München...... als die Nazis alle Redaktionen, alle Rathäuser und Ministerien, alle Galerien und Museen in den Griff bekamen, er wollte lesen, schauen und sammeln, er schätzte die deutsche Sprache wegen ihrer Klarheit, auch für ihre erhabene Lächerlichkeit: Oberforstinspektor!.... außerdem hatte er eine hübsche Cousine irgendwo in der deutschen Provinz,..... aber die rote, freiheitliche Berliner Luft wurde braun und stickig, alle sind nach Paris gekommen wie Segler, die vor dem Sturm in den Nothafen laufen....

Beckett gab Sprachunterricht, schrieb an Übersetzungen, niemand kannte ihn.... gerade dreißig, hoch gewachsen, schmal mit tiefen grünen Augen hinter einer schweren Brille, schweigsam, höflich, etwas unbeholfen.... schüchtern irgendwie, aber abgehoben.... skeptisch als Intellektueller, frustriert als Schriftsteller, ständig betrunken, dabei immer wunderbar charmant..... ein roter Angler!“

„Was willst Du damit sagen: ein roter Angler?“

„Ein Familiengeschichte, liebe Marlene, ein altes Tantchen hat mich vor liebeshungrigen Männern gewarnt: Hüte Dich vor dem roten Angler, der verbrennt Dein Herz zu Asche, war ihre ständige Mahnung,.....er war viel jünger als ich: als wir uns das zweite Mal gesehen haben, sind wir schon im Bett gelandet,.... beim dritten Treffen sind wir nicht mehr aus dem Bett herausgekommen... Aber an welchem Samstag? Ist heute denn Samstag? Kann nicht auch Sonntag sein? Oder Montag? Oder Freitag?“

Marlene schweigt interessiert.

„..... ich wollte bald Guggenheim Jeune in Paris eröffnet, die Leute hielten mich für eine durchgeknallte, amerikanische Millionenerbin, jeder wollte mir etwas empfehlen oder verkaufen..... Cocteau sollte das Vorwort für den Katalog schreiben....... Beckett war mit Joyce befreundet, hatte auch was über Finnegans Wake geschrieben, bei der Joyce-Familie traf ich ihn um Weihnachten, nach unserer ersten Nacht hatte ich abends einen Termin mit Arp.... Beckett wollte mich nicht gehen lassen, aber mein Leben hatte ich endlich von allen überflüssigen Männern befreit, meine erste berufliche Existenz fest im Blick, es war Zeit, ich wurde vierzig damals.... Die surrealistische Bewegung hatte mich erobert, eine köstliche Droge, unter pelzigen Sternen ritt ich durch die bunten Federn eines flüchtigen Waldes, Du kennst doch die Bilder von Max?....... und kein Ort, keine Zeit für Privatleben.... ich hatte mich entschieden!“

Marlene schweigt äußerst interessiert.

„Die Wege in Montparnasse sind kurz.... zufällig begegneten wir uns zwei Tage später auf einer Verkehrsinsel, ich hatte gerade keine Termine.... eine Freundin hatte mir ihr Haus geliehen, ich nahm ihn mit...... Du fehltest mir, und dabei war ich doch zufrieden. Ist das nicht merkwürdig? Happy? Das ist vielleicht nicht das richtige Wort. And now? Jetzt.... ja.... da bist Du wieder.... da bin ich wieder.... und wir blieben im Bett bis in den Januar... mein Jahr im Bett mit Beckett, so denke ich manchmal an ihn.... er ließ mich nicht mehr raus! Geschlossen blieben die Fensterläden....immer wenn ich gehen wollte, kam er mit einer neuen Idee.... über Proust, in dem wir uns beide verlieren konnten, Freud, Joyce und Kandinsky haben wir geredet, den ich bald ausstellen wollte, mit den verschiedenen Automarken kannte er sich gut aus, über mein neues Sportcabriolet haben wir philosophiert... und er hat mir aus einem eigenen Romanfragment vorgelesen....“

„Hat er poetische Gesänge auf Deinem Rücken notiert wie Goethe?“

„Nein, geschrieben hat er nicht: Komm wir gehen! sage ich, Wohin? fragt er, heute abend schlafen wir vielleicht bei Ihm, im Warmen, im Trocknen, mit vollem Bauch, auf Stroh. Dann lohnt es sich zu warten. Nicht? Nicht die ganze Nacht! Es ist noch Tag.... Erst nach zwölf Tagen bin ich gegangen!“

„Außer Lubitsch kenne ich keinen Mann, mit dem ich zwölf Tage eingesperrt sein möchte....... hat Euch jemand besucht?“

„Wir waren nicht zu zweit, mehr so..... zu dritt...“ kichert Peggy.

Marlene übt ihren preußischen Blick.

„....Godot habe ich ihn genannt!“

Hier endet der 144. Eintrag: Dieser Blog mischt Fiktion und Realität. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind zufällig und in der historischen Überlieferung nicht verbürgt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO:

Ich schreibe um unser Leben. Bitte bleib dran.

aus gegebenem Anlass

1. Warnung:

Der Text im Blog enthält Fragmente aus

„Warten auf Godot“

von Samuel Beckett

dt. erschienen 1953 im Suhrkamp-Verlag Berlin und Frankfurt am Main

2. Warnung

Alkoholgenuss schadet Ihrer Gesundheit

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04:04 20.02.2011
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Geschrieben von

archinaut

Ein Blick weitet den Horizont: Dieser Blog zieht um die deutschen Häuser
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