Warten auf den Winter

Briefpost Manche Briefe brauchen Zeit. Aber die Nächte werden kalt, deswegen schicke ich ihn jetzt gleich über das Internet: in das Kreuzberger Rathaus
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Liebe Monika Herrmann,

ein Apell der Bürgermeisterin von Lampedusa an Europas BürgerInnen wird seit einigen Tagen überall zitiert, und sie hat bewegende Worte gefunden: Sie bittet darum, dass ihre Insel nicht zum Friedhof wird.

Seit dem 3. Oktober frage ich mich nun, warum ich jede Nacht an den Kreuzberger Oranienplatz denken muss, wenn ich Bilder der Toten von Lampedusa sehe. Warum ich Leichensäcke sehe, wenn ich ein Interview mit einem Lampedusa-Überlebenden lese, der jetzt auf dem Oranienplatz gestrandet ist. Warum ich nicht verständnisvoll und geduldig auf das Ende warten kann.

Der Winter kommt, und ich frage mich, was noch passieren muss, damit das Land Berlin und der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg zusammen eine Lösung finden.

Unerträglich finde ich die taube Arroganz von Innensenator wie Innenminister, die sich mit bürokratischen und juristischen Argumenten aus der christlichen und humanitären Verantwortung stehlen wollen. Die behäbige Unfähigkeit macht mich wütend und sprachlos, und es würde mich nicht wundern, wenn sich die beiden Herren eines Tages vor dem gleichen Gericht verantworten müssten wie jene Berliner, die früher den Schießbefehl an der Mauer ausgegeben haben: vor den Schwestern, Brüdern und Eltern der Toten.

Eine Stadt muss fähig sein, Flüchtlinge aufzunehmen, sonst wird sie zum Leichenschauhaus.

Der Bezirk Kreuzberg ist berühmt für seine soziale Kreativität, für Wagenburgen und Hausbesetzer. Das Camp der Illegalen kann aber nicht allein von der Nachbarschaftshilfe leben, wenn eindeutige politische Signale fehlen. Hilfe und Solidarität dürfen die Unterstützer nicht in Gefahr bringen. Andere sind unentschieden, traurig und ratlos. Viele warten auf ein klares Zeichen.

Daher wünsche ich unserer Bürgermeisterin ein bärenstarkes Brecheisen, liebe Monika Herrmann, und findigen, durchsetzungsfähigen juristischen Beistand!

Überall in Kreuzberg und Friedrichshain stehen Wohnungen leer, manche wurden früher mit öffentlichen Mitteln saniert, jetzt von neuen Eigentümern „entmietet“ und diese Mietflächen schlafen ungenutzt bis zu dem Tag, an dem die Sozialbindungen entfallen. In jedem Block warten ein paar Wohnungen, fast an jeder Straße, die Nachbarn wissen Bescheid… vielleicht sogar gegenüber vom Rathaus Kreuzberg in Riemers Hofgarten? Noteinquartierung hieß die Maßnahme früher, und eine gefährdete Solidargemeinschaft muss dieses Wort neu zu leben lernen.

Wir hoffen auf PolitikerInnen, die das wagen, was wir uns selbst nicht zutrauen! Sie gewinnen unsere Herzen, mit einem Kniefall in Warschau oder mit der Verteidigung von Staatsfeinden in Stuttgart-Stammheim.

Warum ich diesen Brief schreibe? Vielleicht, weil ich eben wieder einen der Todgeweihten gesehen habe, stand schmal und dunkel im Winkel einer Grundstückseinfahrt, irgendwo am Rand einer deutschen Stadt mit Bahnhof und Autobahnkreuz, zu dünn bekleidet für die Jahreszeit, am Gürtel die Aldi-Tüte als einziges Gepäck, den Kopf auf dem Zaunpfeiler und schlief im Stehen, weil er wusste, dass diese Erde schon zu kalt ist, seinen Schlaf zu tragen.

Geweckt habe ich ihn nicht. Es ist Nacht, und ich habe so getan, als ob ich ihn nicht sehe.

Aber die Welt bleibt ein wüster Ort, wenn wir nichts dagegen unternehmen.


Herzliche Grüße

sendet archie

Bürger von Berlin-Kreuzberg, auswärts unterwegs

Presse und Links

http://www.taz.de/!124886/

http://www.tagesspiegel.de/berlin/streit-um-fluechtlinge-auf-dem-oranienplatz-in-berlin-buergermeister-verteidigt-protestcamp-gegen-kritik/8511530.html

http://www.freitag.de/autoren/christopher-piltz/camp-der-vergessenen

http://www.bz-berlin.de/bezirk/kreuzberg/werden-die-fluechtlinge-bald-zur-kasse-gebeten-article1727935.html

http://www.berliner-zeitung.de/berlin/fluechtlinge-auf--oranienplatz--so-kann-es-nicht-weitergehen-,10809148,24492844.html

http://www.tagesspiegel.de/berlin/interview-mit-berlins-innensenator-frank-henkel-ich-lasse-mich-nicht-von-herrn-schulz-erpressen/8516698.html

http://www.youtube.com/watch?v=J4UL75I3cwE

http://www.berlin.de/orte/sehenswuerdigkeiten/riehmers-hofgarten/

Nachtrag zum Eintrag vom 08.12.2012: Hinter uns liegen die Chronolysen (in vier Akten)... die Timeline im Blog archinaut: ist inzwischen justiert. Dieser Blog berichtet aus Deiner Welt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO:

Ich werde Euch nicht schonen. Öffne Deine Augen.

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Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

archinaut

Ein Blick weitet den Horizont: Dieser Blog zieht um die deutschen Häuser
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