Weiße Stadt am Horizont

Strandfeuer - Das Blatt wendet sich, aber unser Redner hat ein Ziel vor Augen: Die Nacht in der Weißen Stadt
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In jedem Jahr gibt es einen Tag, an dem der Sommer stirbt, liebe Freunde, in manchen Jahren über Nacht mit einem schmerzhaften, kalten Schnitt, in anderen Jahren ertrinkt der junge Sommer in der grauen Melancholie einer verregneten Juliwoche, nur ganz selten reift der August in den Herbst mit warmen, sternenlosen Nächten und sonnensatten Wochen bis in den Oktober... erst im Rückblick ist zu erkennen, wie groß der Sommer war.

Als wir von Wismar aufbrachen, blieb die Sonne im trüben Wolkendunst verhüllt, obwohl der Tag schon fast die Mittagsstunde erreichte: den Morgen hatten wir für einen Stadtspaziergang genutzt, vor uns den Buggy mit unserer kleinen Tochter im Mäanderkurs über zerklüftete Pflasterflächen der historischen Schwedenfeste bugsierend...

Wir nahmen die Straße nach Nordosten, die uns möglichst dicht an der Ostsee entlang führte, wir folgten nicht dem verlockenden Hinweis zur Insel Poel, umrundeten das ausgedehnte Salzhaff und fanden schließlich in Rerik den Blick auf die graue See... in Sichtweite ein rostiges Tor mit dem rotgeränderten Warnschild Militärisches Sperrgebiet, darunter noch verwitterte kyrillische Buchstaben....

Inzwischen war es sehr windig geworden, erste Gischtfahnen glänzten kurz über den Wellen, der unentschlossene Tag am Rande des Sommers hatte sich weiter abgekühlt. Auch der nächste Badeort verhieß wenig Wärme, Richtung Kühlungsborn ging es jetzt, meine Liebste hatte sich mit der Kleinen zum Stillen auf die hinteren Sitze zurückgezogen, und ich überlegte sorgenvoll, wann wir unser Tagesziel wohl erreichen würden: In einer Zeitschrift hatte ich einen kurzen Bericht über Heiligendamm gelesen, die Bilder dazu hatten mich sofort in ihren Bann geschlagen hatten, ja, wir mussten unbedingt die Weiße Stadt am Meer sehen!

Aber die oft geübten, Trost und Nahrung spendenden Rituale zwischen Mutter und Kind wollten ihren Takt nicht finden, das Köpfchen drehte sich immer wieder zur Seite, und die Brüste schmerzten doch schon...

Schließlich brach sich Empörung Bahn. Warum müssen wir die ganze Zeit fahren? So habe ich mir das nicht vorgestellt! Wir haben ein kleines Kind, es ist doch völlig idiotisch, die ganze Ostseeküste abzuklappern! Wir brauchen ein Zimmer, wo wir ein paar Tage bleiben können! Ich will an den Strand, unser Kind soll im Sand spielen, dafür bin ich mitgefahren! Ärgerlich und gereizt war meine Liebste jetzt, alle möglichen Vorwürfe schleuderte sie mir von hinten wütend in den Rücken, während ich den kleinen Wagen über die kurvenreiche Landstraße steuerte....

Ihr Ausbruch überraschte mich völlig unvorbereitet. Eine Fahrt ins Blaue war für mich die höchste Kunst der Reise: nichts erwarten, alles finden. Aber ich hoffte, dass es morgen wieder wärmer werde, in der Weißen Stadt am Meer wird alles gut, dachte ich, wir werden uns einen Strandkorb suchen, wie es sich für junge Familien gehört....

https://lh6.googleusercontent.com/-bMgnDZr4Bdk/TwOKQ72LeII/AAAAAAAAAwI/smwrVuhiVtg/s720/DSC03888.JB

halbgefrorene ostsee vor prerow im januar 2011

Photo: kay.kloetzer

Prolog zum Gastmahl am Meer

menschenlippen, menschenhaut

Begrüßung der Gäste

Vorstellung der Weißen Stadt

Das Leben ist eine Reise

Nach Osten

Weiße Stadt am Horizont

Nacht in der Weißen Stadt

Weiße Stadt – Im Lauf der Zeit

Stärker als der Tod – Hochzeit Blau

Hier endet der 258. Eintrag: Dieser Blog mischt Fiktion mit Realität. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind zufällig und in der historischen Überlieferung nicht verbürgt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO:

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23:56 03.02.2012
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Geschrieben von

archinaut

Ein Blick weitet den Horizont: Dieser Blog zieht um die deutschen Häuser
archinaut

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