Wir kommen wieder

Schlossbeschimpfung: Wort gegen Maschine
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Kein Vogelzwitschern, nein nirgends.... eine akustische Dunstglocke konstruktiven Krachs brandet über der Fläche, schwere Rammen und Dieselaggregate geben Tag für Tag die Ouvertüre auf der Berliner Schlosswiese.... Kreischen und Klopfen, gelegentlich eine dumpfe Erschütterung. Die Wiese ist kleiner geworden, die Wüstungen der Baustelle haben bald die Hälfte des Schlossgrunds erobert. Kein guter Ort für eine Lesung..... das Wetter ist zu schön, der Nachmittag nicht alt genug, nur eine kleine Schar von Eingeweihten findet sich an einem kleinen Tisch mitten auf der verbliebenen freien Fläche. Funktioniert das Megaphon? Test: In fünf Minuten beginnt hier die Lesung: Schlossbeschimpfung!

Von der Berliner Zeitung ist jemand gekommen, auch von der Morgenpost, ist noch Zeit für ein paar Fragen?

Man nennt es Provokation, schreibt Michael Jäger im Freitag: Das Wort bedeutet, es ist etwas vorhanden, das trotzdem noch hervorgerufen werden muss.

Das Megaphon liegt schwer in der Hand, ist sturmerprobt, geliehen von einem Kreuzberger Freund, hat bereits viele Parolen befeuert... ob es wohl einen Namen hat? Willi vielleicht oder Bruno? Oder würde man lieber einen weiblichen Namen geben... Jeanne?

Die Lesung soll pünktlich um 17.00 Uhr beginnen.... die Baustelle arbeitet jeden Abend bis 22.00 Uhr, so lange wollen wir nicht warten.

Also, los jetzt:

Warum hockt Ihr noch

auf Euren müden Ärschen?

Weit verstreut auf dem grünen Rasen liegen die Zuhörer, vereinzelt, manche paarweise, vielleicht zufällig hier, auch einige Passanten eilen noch vorbei.

Ihr sitzt im Schlosstheater!

Warum lacht Ihr dazu?

Bruno, das Megaphon, leistet ganze Arbeit, krächzt sogar ein bisschen vor Aufregung.... oder ist es Altersschwäche? Du musst Die Batterien vielleicht wechseln, hatte der Kreuzberger Freund gesagt.

Sie verhöhnen Euch!

Ihr lacht dazu?

Übermächtig der gedankenlose Maschinenlärm der nahen Baustelle.... Bruno ist zu schwach.

Sie erpressen Euch!

Ihr lacht dazu?

Manche drehen sich jetzt um. Die Stadt ist groß, der Sommer hat einen späten Sonnentag geschenkt.

Versprechen Euch

ein Ehrenmal!

Die Schlosswiese lädt zu Kontemplation, selbst unter dem Baulärm wirkt die kühlende Beruhigung der Rasenfläche.

Sie reden groß

in Eurem Namen.

Lacht nur dazu!

Am Rand passieren weiße Schiffe.

SchlussStein

der Demütigung

Unsere Sprache ist besetzt wie unsere Bilder. Wo liegt der Schlüssel zu dem, was da ist, aber noch hervorgerufen werden muss?

Schloss der Einheit!

Lacht nur dazu!

Die Baustelle dient der Vorbereitung der U-Bahn-Strecke. Im nächsten Jahr soll der Deckel fertig sein. Darüber soll der Neubau entstehen, der als Stadtschloss und Humboldtforum bezeichnet wird. In fünf Jahren sollen 590 Millionen Euro verbaut werden, fast 120 Millionen im Jahr, fast 10 Millionen im Monat, an jedem Werktag etwa eine halbe Million. So ist der Plan.

Erhebe Dich, steh auf,

wenn Du ein freier Mensch bist!

Die Bauverträge für das Schloss sind noch nicht unterschrieben. Vielleicht gibt es Absprachen. Die beteiligten deutschen Planungsbüros sind ohne Wettbewerb beauftragt worden. Eins der beiden umsatzstarken, sehr bekannten Büros wird gerade wegen der Kostenexplosion an der Baustelle Flughafen Berlin-Brandenburg verklagt, wie man hört..... eine Milliarde fehlt. Sollte man die Herren wegen Insolvenzverschleppung anzeigen? Wowereit lächelt, wie man hört....

Wer jetzt nicht aufsteht,

bleib’ für immer liegen!

Megaphon Bruno trägt die Stimme nicht weit genug. Die Macht lächelt, und nichts ist so lachhaft wie eine Provokation ohne Echo.... davon hat Michael Jäger nichts geschrieben.

Die Publikumsbefragung fällt aus, es sind zu wenig Köpfe da. Wir kommen wieder.

Ein letztes Gedicht noch, zum Abschied den Schläfer:

Hat geschlafen sieben Jahr.

Geduld getragen.

Gelächelt.

7 Jahr.

Erwacht,

der Giftstachel schmerzt.

Hat geschlafen zweimal sieben Jahr.

Den Schmerz versteckt.

Das Herz geleert.

Zweimal 7 Jahr.

Erwacht,

der Giftstachel schmerzt.

Hat geschlafen dreimal sieben Jahr.

Den Tod begraben.

Stein genährt.

Dreimal 7 Jahr.

Erwacht,

der Giftstachel schmerzt.

Fußnote zum 159. Eintrag vom 08.04.2011: Dieser Blog mischt Fiktion mit Realität. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind zufällig und in der historischen Überlieferung nicht verbürgt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO:

Ich schreibe um unser Leben. Bitte bleib dran.

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10:39 06.09.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

archinaut

Ein Blick weitet den Horizont: Dieser Blog zieht um die deutschen Häuser
archinaut

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