Zeit für den Rücktritt?

Desperate Despoten: Am Ende will es wieder keiner gewesen sein
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„Ab heute wird zurückgetreten!“ empört sich der Berliner Despot Wow I., als ihm die neuesten Ausfälle vom Schwabenfürscht zu Ohren kommt: Ich mach doch nicht den Wowi! soll Kretsch, der Häuptling der Suaben, gelästert haben, und der Berliner Despot hat das hässliche Gefühl, dass er höchstselbst mit diesem despektierlichen Pejorativ gemeint sein könnte. Nein, so geht es nicht weiter: „Wir werden zurücktreten,“ brüllt der große Wow , „und zwar in den Arsch, bis es quietscht!“ Ein Despot, über den alle lachen, kann einpacken, das weiß er genau.

„Meine Zeit ist noch lange nicht vorbei!“ diktiert er dem Sekretär seinen Rücktrittsbrief an die Welt: „Wer da glaubt, dass ich gehe, bevor mein Schloss fertig ist, gehört wegen Blödheit ganz weit unten in das Schlossfundament einbetoniert! Macht Euch nur lustig, meine Rache wird fürchterlich: Für dieses Schloss werdet Ihr auch in fünfzig und in hundert Jahren noch zahlen! Das Schloss wird eine Erfolgsgeschichte!“

Der Sekretär zittert wie Espenlaub, weiß er doch sehr gut, dass Durchlaucht Wow I. nicht nur die Überbringer schlechter Nachrichten durch freundliche Enthauptung von all ihren Sorgen befreit, sondern auch andere, weniger feinsinnige Strafregularien pflegt.

Das letzte Wutopfer des Despoten liegt flachgewalzt unter den flauschigen, kinderhandgeknüpften Teppichen im Arbeitszimmer, unvorsichtigerweise hatte der Ärmste, jetzt Kopflose, eine Depesche aus Hamburg überbracht, ohne sie zu lesen... sie liegt noch neben ihm: „"Wer aber, bitte schön, braucht ein Bundesschloss? Die Großartigkeit, mit der in Berlin das Geld anderer ausgegeben wird, ist phänomenal,“ so lautet das Orakel des Alten Lotsen aus Hamburg, reichlich vermessen und verstrahlt, findet Wow I. „Auch die Menschen in Gelsenkirchen und Magdeburg sollen bald wissen, wie wertvoll mein Schloss wird... sie müssen es ja bezahlen!“

„Vor dem Rathaus rufen sie nach Dir,“ säuselt die liebreizende Herzensfreundin Marie-Antoinette, die in diesem Moment auf chanelduftenden Fächern in den Raum schwebt, um ihren Lieblingsdespot zu beruhigen, „hör nur...“ und sie öffnet die Fensterflügel weit.

„Z-U-R-Ü-C-K-T-R-E-T-E-N ! ! !“ rufen Krethi und Plethi da draußen wild durcheinander, und sie haben noch Hunderte mitgebracht, die ebenfalls jubeln...

„Wie schön!“ freut sich der Despot plötzlich sehr aufgeräumt, „sie freuen sich über meinen Beschluss, alle Feinde unserer stolzen Heimatinsel zu bestrafen: Ab heute wird zurückgetreten!“ Mit einem glücklich beseelten Lächeln schließt er das Fenster, nichts erfreut sein Herz so sehr wie jubelnde Bürgerinnen und Bürger, vergessen sind die peinlichen Pannen der letzten Wochen....

Richtig leutselig wird er jetzt, tätschelt dem zitternden Sekretär die welk Wange und der Herzensfreundin die vanilleduftenden Ohrläppchen... und erinnert sich daran, dass er noch ganz dringend seinen Stellvertreter Plätzchen in Potsdam anrufen wollte. Weil der Despot sich voll und ganz seiner neuen Residenz widmen will, hat er die lästigen Bauherrenpflicht am Fluchhafen Schönerflieg erst kürzlich an Plätzchen übergeben, den freundlichen Nachwuchsgenossen aus den Brandenburger Sümpfen. Jetzt hat er ihn schon am Telefon, scheint nicht viel los zu sein da draußen.

„Hallo lieber Freund Plätzchen, wie geht es Dir heute.... ist Dein Schloss endlich fertig?“ lauert der hinterlistige Wow, aber Plätzchen kontert nur müde: „Dein Schloss wird doch viel größer, lieber Wow, mach keine Witze über unser neues Landtagsgebäude! Warum rufst Du an?“

„Hast Du inzwischen den Amtsfuzzi entsorgt?“ flötet Wow nunmehr engelsgleich.. der Nachwuchs ist immer so empfindlich, denkt er noch: „Du weißt schon, wen ich meine, oder?“ Plätzchen schweigt, die Sümpfe rauschen mächtig in der Leitung...

Den aufkeimenden Ärger schluckt der Berliner Despot diesmal lieber runter: „Ich erklär es Dir noch einmal,“ weichgespült die Stimmlage. Mit seiner unvergleichlichen Despotenintelligenz hat Wow nämlich kürzlich erkannt, wer schuld ist am Fluch von Schönerflieg: nicht die eitlen Architekten oder die super-nerdigen Ingenieure, nicht die hochpromillisierten Baufachleute und Eckensteher sind schuld am Desaster, nicht die übermütige Brandverklappung oder andere technische Weltwunder, nein, schuld ist ein verirrtes, verängstigtes Brandenburger Landeskind, ein offensichtlich geistesgestörter Stempeldreher im Bauamt hinter dem Spreewald! Er wolle sich nicht verbiegen, hat er angeblich gesagt, der Landkreisfeuerwehrmeister im Landkreis Dahme, wie der bayrische Fluchhafensponsor RahmSauer ihn ehrenhalber titulierte, dabei soll er doch nur einen albernen Stempel unter die Betriebserlaubnis quetschen! Auf Sabotage stand früher die Todesstrafe... aber der Berliner Despot kommt nicht mehr dazu, seine Strafempfehlung zu präzisieren, denn da passiert es:

Bausekretär Pompa stürmt in den Raum ohne anzuklopfen, leichenblass und hyperventilierend, auch er zittert wie Espenlaub... Was ist heute nur los, denkt der Despot noch, so viel Espe war noch nie, muss ja ne richtige Espen-Epidemie unterwegs sein!

Seit dem schmählichen Versagen von Kassenwart Nussbaum ist der pumpfreudige Bausekretär der wichtigste Verbündete des Berliner Despoten, Wow hat ihm die Geheimkasse anvertraut, daraus soll der Schlossbau bezahlt werden: Beide wissen, dass auch diese Kasse gähnend leer ist. RahmSauer ist viel zu geizig, und die Berliner Seelen sind schon rettungslos verpfändet. Gelegentlich spielt Wow mit dem Gedanken, ein paar hungrige Piraten mit Kaperbriefen loszuschicken, um die Kasse mit Golddublonen aufzufüllen.... aber letzte Woche war der Baubeginn für das Schloss, jetzt heißt es Pokerface zeigen, die Zahlungen rauszuzögern, bis die Bausünden der Handwerker ruchbar werden (dann den Zahlungsstopp verkünden!). Pompa hat Nerven wie Drahtseile, aber heute scheinen sie zu glühen: „Es ist zurückgetreten, Durchlaucht, einfach zurückgetreten... das Berliner Schloss ist zurückgetreten!“

Wow ist irritiert: „ Das darf nicht wahr sein, oder? Seid Ihr outburnt? Schlossrücktritt? Seit fünfhundert Jahren ist so etwas nicht passiert!“ Hat der verpompte Bausekretär wieder zu tief im Schampus gegründelt?

„Das Schloss steigt aus... will nicht mehr rumlügen und posen wie ein alter Pfau, nicht mehr den armen Leuten Geld aus den leeren Taschen pressen, nicht mehr wichtig tun und Eindruck schinden, nicht mehr den Schlafzimmerblick der Reichsten der Reichen verschönern, mag sich nicht mehr prostituieren für das Treiben der untoten Nationalisten, hat es gesagt: Schlösser sind ja so was von vorgestern, ich schäme mich für Eure Einfalt, nein, ich stehe nicht mehr zur Verfügung, soll der Papst doch den Job machen, sein Petersdom ist schon fertig, richtig gute Handarbeit, der hält auch noch fünfzig und noch hundert Jahre!“

.... Einblicke in das Paralleluniversum:

http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/stuttgart-21-ich-mache-hier-nicht-den-wowereit-12056910.html

http://www.tagesspiegel.de/berlin/live-ticker-zum-nachlesen-der-flughafen-ist-nach-wie-vor-eine-erfolgsgeschichte/6614418.html

http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2013-02/helmut-schmidt-wiederaufbau-berliner-stadtschloss

http://www.morgenpost.de/flughafen-berlin-brandenburg/article112435047/BER-Eroeffnung-wird-erneut-verschoben-auf-2014.html

http://www.tagesspiegel.de/berlin/landratsamt-dahme-spreewald-standhaft-und-verschwiegen/7598170.html

http://www.tagesspiegel.de/berlin/entwurf-fuer-das-schlossumfeld-steinerner-garten/7636990.html

http://www.berliner-zeitung.de/hauptstadtflughafen/flughafen-berlin-brandenburg--willy-brandt--das-ausmass-des-ber-desasters,11546166,21470352.html

http://www.focus.de/politik/deutschland/berliner-hauptstadtflughafen-interne-dokumente-lasten-peter-ramsauer-ber-pfusch-an_aid_901808.html

Nachtrag zum 285. Eintrag vom 23.03.2012:Im Blog archinaut: treibt seit Monaten ein regierungsmüder Despot sein listenreiches Unwesen: Wow I. sehnt sich nach dem neuen Schloss, um mit seiner Herzdame endlich das Haus PreußischWow! in das güldene Buch der Geschichte Berlins einzuschreiben, aber der Schlossbau bleibt von Folge zu Folge chronisch unterfinanziert....

Hier die Chronik der Peinlichkeiten:

Prolog: Kannibal Sarrazin

Hetär der Hedonisten Teil 1

Hetär der Hedonisten Teil 2

Hetär der Hedonisten Teil 3

Hetär der Hedonisten Teil 4

Hetär der Hedonisten Teil 5

Christlicher Wolff sucht neues Rudel

Die Graue Frau kehrt zurück

Der schwäbische Saubermann

Fluch der weißen Frau

Der neue Schlossprediger

Tresor ohne Schlüssel

Die Graue Frau und das Eis

Pompa übt Fluchhafen

Delicious Martin stellt den Despot zur Rede

Wo ist der Neue Schlossprediger?

Zeit für den Rücktritt?

Takeoff Wow I.

Wow I. sehnt sich nach dem neuen Schloss, um mit seiner Herzdame endlich das Haus PreußischWow! in das güldene Buch der Geschichte Berlins einzuschreiben, aber der Schlossbau bleibt von Folge zu Folge chronisch unterfinanziert....

02:51 15.02.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

archinaut

Ein Blick weitet den Horizont: Dieser Blog zieht um die deutschen Häuser
archinaut

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