Zwischen den Orten

Vom Lieben: Preiswerte Zimmer verspricht der Aufsteller an der Landstraße zwischen Wunstorf und Altenhagen, kurz vor dem Abzweig nach Bokeloh
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Sommerliebe reist in den Winter, wie die Aue östlich von Bokeloh abfließt, wo die Südaue in die Westaue strömt, als linken Nebenfluß bei Wunstorf den Mordgraben zieht.... zwischen Liethe und Bordenau sich die Westaue in die Leine ergibt, in die Aller, in die Weser, in die Nordsee........ Du willst im Gasthaus Stövener wohnen? der Arbeitskollege starrt mich erschrocken an: Tu das nicht, die Alte ist eine Hexe! Seine Stimme erstirbt kopfschüttelnd, eine kurze Geste der Abwehr, Andeutung einer Bekreuzigung gar? Aber seine Warnung kommt zu spät im September 197?, bin ich doch längst eingezogen.

Im Frühjahr kamen die Briefe par avion / air mail, fliederluftig blass die Tinte, duften kaum merklich nach Maiglöckchen beim Entblättern, flüstern mir eine karibische Brise als sonnige Erinnerung zu, im Juni trägt eine Boeing sie über den Nordatlantik: I don’t expect you to spend your time with me, it would just nice to see you sometimes..... Im Juli ist das Meer vor Portugal unser Reiseziel, mit einem alten Auto und zwei kleinen Zelten durch Frankreich und Spanien wird eine alte Freundschaft neu erprobt, Paris, Madrid, Lissabon, sechzig Stunden Rückfahrt....zwei Wochen Betriebsurlaub sind schnell vorbei, dann zwingt mich die Werkstatt wieder an die Furnierpresse....

Preiswerte Zimmer verspricht der Aufsteller vor dem Gasthaus Stövener an der Landstraße zwischen Wunstorf und Altenhagen, kurz vor dem Abzweig nach Bokeloh. Jeden Tag gibt es ein frisches Ei dazu, erklärt die Wirtin hinter dem Haus und schüttelt aus der blauen Kittelschürze Körner in das Hühnervolk. Freundlich lächelt sie die junge Amerikanerin an, Ja, für Sie ist ein Zimmer frei.... ich zeige es Ihnen gleich! Aus dem sommerlichen Garten treten wir ein, dumpf steigt die Kühle aus den Kellern mit dem Geruch der alten Bauernhäuser, Schwamm- oder Schimmelaromen, Katzendunst, dazu Reminiszenzen von Tabakbeize und Bieralkohol, die Schankstube liegt zur Landstraße.... Eine Treppe hoch, das Zimmer blickt nicht auf die Strasse, sondern auf die prachtvolle Linde im Garten, aufgefedert wartet ein mächtiges Doppelbett, in der Ecke des Zimmers ein schmales Waschbecken unter dem kleinen Spiegel. Die Toiletten sind unten im Erdgeschoss, sagt die Wirtin und wartet auf eine Reaktion des Mädchens. The bathrooms are downstairs... übersetze ich. Sie nimmt das Zimmer, drei Tage später ist mein Untermietvertrag gekündigt, keine Freundin bitte!.....mit meinen Siebensachen ziehe ich bei ihr ein.

Die Wirtin erhöht erfreut den Zimmerpreis: Zu zweit brauchen Sie doch mehr Strom und mehr Wasser....., und schirmt uns im übrigen vor den anderen Kunden des Hauses ab, Nein, nein, kommen Sie lieber nicht in die Schankstube, es gibt auch nichts zu essen, mit dem Ausschank will ich schon lange aufhören, ach, schreckliche Gäste sind das...

Nicht nur das aufgeregte Hühnervolk sucht sein Futter in den Gärten und Wiesen um das abgelegene Gasthaus, auch halbverwilderte Katzensippen treiben sich um Haus und Hof, gut drei Dutzend Tiere werden es sein. Ein Babykater mit einem braunen Fleck hinter dem rechten Ohr nimmt Quartier bei uns, jeden Abend kommt er, schläft zusammengerollt auf dem linken Bett, wo wir ihn nicht stören, morgens kratzt er an der Tür und verabschiedet sich gedankenschnell in die modrige Dunkelheit des Treppenhauses, wenn ich kurz nach sechs aufstehe, um rechtzeitig in die Werkstatt zu kommen.

In den Tagen der reifenden Sommerneige streift das Mädchen über die Wiesen, an den Gewässern und durch die Laubwälder abseits der Straßen, skizziert unterwegs vor der Natur freihand farbige Fantasien, Blütensträucher, Moose, Farne und Pilze, dazwischen oft elfengleich eine schmale Figur, her name ist tyco, und mit der Signatur tyco zeichnet sie auch ihre Blätter, die sie mir abends zeigt, wenn ich aus der Arbeitswelt in das Zimmer zwischen den Orten zurückkehre. Lehrjahre sind keine Herrenjahre schulmeistert ein deutsches Sprichwort.

Ungerecht schlägt das Pendel der Liebe aus, blind dazu wie Justitia.

Wohl sechzig Jahre zählt die Wirtin, schon ihre Großmutter führte das Gasthaus zwischen den Orten. Ein Lied spielt sie für uns auf dem rotlackierten Klavier:

Am Kreuzesweg im Auetal
da trifft sich Jung und Alt im Lindenglanz
beim Gasthaus Stövener zum Sonntagstanz

jubiliert sie den Refrain, selbst gedichtet!, klimpert fröhliche Tasten zwischen den verstimmten Akkorden und ihr Geliebter wiegt das Weinglas im Walzertakt. Er war früher Anwalt, kommt seit Jahren zu mir, aus Hannover, da lebt seine Frau, hat unsere Wirtin verraten: Aber ich brauche keinen Mann, ich bin immer allein zu recht gekommen..... weil das Haus so einsam steht, habe ich mein Gewehr, das wissen die Leute, und im Schrank sind noch hundert Schuss Munition! Über dem roten Piano hängt eine dunkle Flinte vor der Streifentapete.

Regentage fluten die Niederungen der Auen mit kühler Nässe und trübem Licht; tyco bleibt im Zimmer bei Tagebuch, Kerzen und Briefen.... No, no, I didn’t get out today...ihr ist kalt, viel zu früh fallen die Wälder in einen nebelschweren Herbst......

You drive so fast in Germany with your tiny little cars, so I will remember you: your small car running on the empty Autobahn when you rushed to the airport early to make sure I get the plane to leave .... steht im Novemberbrief par avion / air mail.

Der kleine Kater kratzt nicht mehr an der Tür, auf der hochgewölbten Steppdecke bleibt eine sanfte Delle, die seine Schlafkuhle war... er ging verloren als sei er dem roadkill begegnet.

Menschliche Hausgenossen sind nie zu sehen, irgendwann erwache ich durch einen wüsten Streit.... Männerstimmen dunkel und mit schweren Zungen, eine weibliche Stimme kreischt um Respekt...... geduckt harrt das Gasthaus am Rand dieser Nacht.....

'Relax,' said the night man,
We are programmed to receive.
You can checkout any time you like,
but you can never leave!

(Hotel California, by The Eagles)

Warum wir das Glück erst erkennen, wenn es auf der anderen Seite des Horizonts liegt?

Wie werden wir heizen, frage ich meine Wirtin zum Dezember, das Haus kühlt aus bis in die geheimsten Winkel, der Ofen im Zimmer braucht Öl, das sie im Fass auf dem Fahrrad heranschleppen müsste, wie sie mir erklärt. Wenn der Anwalt aus Hannover das nächste Mal mit dem Auto kommt, wird er ihr ganz gewiss wieder Brennstoff besorgen!

Aber meine Abende sind kurz. Wenn der Strom anliegt, koche ich mir etwas auf der Elektroplatte, wenn kein Strom da ist, zünde ich Dutzende von Teelichtern an und esse kalt. In den Stromzähler unten im Flur vor der Schankstube muss je nach Verbrauch Geld eingeworfen werden, Markstück für Markstück, daher bleibt es zu später Stunde regelmäßig dunkel. Kerzen liegen bereit für den letzten Gang zur Toilette – eine Treppe tiefer im Erdgeschoss. Ich benutze das Damen-WC, ein riesiger leerer Raum etwa fünf Meter im Quadrat, diagonal gegenüber der Tür steht das Toilettenbecken, links hängt verloren ein Waschbecken. Ungefliest liegt der Estrich, aber in der Regel sauber gefegt. Vom Herren-WC schweige ich lieber.

Warm ist mir erst morgens, wenn ich früh wieder aus dem dicken Federbett krieche und mir kalte Hosen und Hemden überziehen muss.

Als ich nach den Weihnachtsfeiertagen spätabends mit dem Zug nach Wunstorf zurückkehre, setze ich mich vor dem Kleinstadtbahnhof in ein wartendes Taxi und nenne die Adresse an der Landstraße. Der Fahrer schaut ungläubig in den Rückspiegel, dreht sich um, vergewissert sich zweimal, kassiert im Voraus..... ein blanker Eiszapfen ist aus dem Wasserhahn gewachsen, so kalt beginnt das neue Jahr.

Im nächsten Brief par avion / air mail lese ich ein Wort, das ich nicht verstehe. Abortion muss ich im Wörterbuch nachschlagen, und der Frost und die Nacht stehen schwarz wie das Ende der Welt.

Hier endet der 101. Eintrag: Dieser Blog mischt Fiktion und Realität. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind zufällig und in der historischen Überlieferung nicht verbürgt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO:

Ich schreibe um unser Leben. Bitte bleib dran.

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18:18 10.07.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

archinaut

Ein Blick weitet den Horizont: Dieser Blog zieht um die deutschen Häuser
archinaut

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