Kein Radeln ohne Kochtopf

Kaamos Radeln im polaren Winter? Ohne Kochtopf, Akrobatik und Stoßgebete nicht möglich
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Kein Radeln ohne Kochtopf

Foto: DAVID GANNON/ AFP/ Getty Images

In meinem Beitrag „Auf dem Bürgersteig – Bitte nicht klingeln!“ habe ich von den Besonderheiten und Kuriositäten des Radelns am Polarkreis berichtet. Darüber hinaus habe ich Vermutungen angestellt, wie es sein wird, wenn das Wetter am Polarkreis mehr dem entspricht, was man sich halt unter Wetter im Hohen Norden so vorstellt. Klischees und Wahrheiten darüber ließen mich sogar zur Befürchtung gelangen, dass mir deswegen eine David Hasselhoff Gedächnismatte auf der Brust wachsen könnte.

Jetzt, Anfang November, hat sich das Wetter gen Winter gewendet. Offiziell hat Kaamos begonnen, die Zeit der langen Dunkelheit. Jedoch ist dies bis jetzt auch ein wenig übertrieben. Von 9 Uhr morgens bis kurz vor Vier gibt es natürliches Licht von Oben, zwar meist im Dämmermodus, aber immerhin. Auf die Frage aus dem ersten Radfahrartikel, wie man hier bei Dunkelheit ohne montiertes Licht so vorankommt, konnte auch gelöst werden. Man fährt einfach ohne Licht im Dunkeln. Ein Schockkoma für jeden ordnungsliebenden deutschen Schutzpolizisten, aber es funktioniert. Es funktioniert wohl auch daher, dass die „Rushhour“ in Rovaniemi eher kläglich ausfällt, denkt man an deutsche Metropolen. Sind zwei, wenn nicht sogar drei Fahrradfahrer in Sichtweite, so fängt es in einem leicht an zu kribbeln und erste Symptome von Platzangst machen sich bemerkbar.

Morgens wenn man zur Arbeit radeln will, kommt aber ein „Add-on“ für den Radfahrer am Polarkreis dazu. Bevor man sich auf das Rad schwingen und lospesen kann, ist erst mal Wasser kochen angesagt. Wenn das Wasser kocht, rennt man aus dem vierten Stock, bewaffnet mit der eben erwärmten Brühe, runter zu seinem Fahrrad. Den Kochtopf lässt man dann keine Sekunde ungenützt und gießt den Inhalt über das Schloss seiner Fahrradkette. Danach greift man sich das tropfende Ding und steckt seinen Schlüssel rein, dreht um und hurra, das Fahrrad ist offen. Danach erklimmt man wieder den vierten Stock, stellt den Kochtopf weg und eilt zum Schwingen und Pesen nach unten. Abends steht dann der Wasserkocher in der Institutskaffeeecke für vereiste Schlösser bereit.

Ist man dann erfolgreich auf seinen Drahtesel geschwungen, kann es losgehen. Anders als man vermuten könnte, sind selbst hier nicht alle Wege und Straßen gestreut. Wenn sie es sind, dann mit einem braunen Knistersand, der nach spätestens einem Tag nicht mehr knistert, aber sich in lange Schlieren verliert. Böse Zungen behaupten, es sähe aus, als ob „ein Elefant versucht hätte, sich den Arsch abzuwischen“. Das aber nur hier zur besseren Vorstellung dokumentiert.

Da selbst der Lordi Platz, der zentrale Platz in Rovaniemi nicht so wirklich geräumt oder gestreut wird und sich schnell in eine spiegelglatte Eisfläche verwandelt, lernt man intuitiv das Stoßgebet jedes polaren Radlers. Während finnische Omas, eng ineinander verhakt, zusammen den Moon Walk üben, schliddert man mit seinem Fahrrad übers Eis und grummelt in sich rein: „Jetzt nicht den Lenker verreißen!“. Es wäre nicht gelogen, wenn man behauptet, zumindest nach der Quantität der Stoßgebete zu urteilen, wird man bei fast jeder Abwärtsfahrt zum gläubigen Menschen. Gott sei Dank, kommt ja auch irgendwann der gottlose Frühling.

Aber solange es noch nicht so weit ist, schliddert man tapfer über vereiste Plätze, macht akrobatische Übungen, wenn man eine Eisrille oder ein Schlagloch im weißen Einerlei übersehen hat oder auch nur mal eine Kurve an unpassender Stelle fahren möchte. Jedoch kommen bekanntlich nur die Harten in den Garten und solange der Moon Walk bei finnischen Omas noch nicht sitzt, tritt man in die Pedale und freut sich heimlich, dass die David Hasselhoff Gedächnismatte nur eines der vielen Gerüchte ist.

11:25 12.11.2013
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Geschrieben von

Arctic Matters

Das Reisetagebuch von Christoph Hentschel, eines Doktoranden im hohen Norden Finnlands.
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