Dem Osten ist der Westen ein Osten

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Für den Osten liegt der Westen im Osten. Verändert man den Standort, dann verändert sich damit auch der Blick auf die Welt. Dabei steht der Schurke stets auf der anderen Seite. Dessen Friedensmission wird zur Kriegserklärung. Der Kampf im Namen der Freiheit zum Fanal der Unterdrückung.

Die Achse des Bösen behält ihre Position und ändert nur ihre Richtung. Das Böse liegt dabei immer jenseits der Achse. Wer von oben schaut, der erkennt auf beiden Seiten dieselben Methoden: Gewalt, Blut und Tod.

Diesseits der Achse erscheint klug und gerecht, was jenseits der Achse niederträchtig und gemein wirkt. Des einen Kampf der Gerechtigkeit ist dem anderen ein Akt des Terrors. Und des anderen Reaktion auf den Terror ist dem einen wiederum ein Angriff gegen die Freiheit.

Wir stehen einander gegenüber und erklären uns gegenseitig zu Terroristen. Wer von oben schaut, der würde zwei Seiten erkennen, die sich gegenseitig auf kindische Weise des Terrors bezichtigen.

Möglich ist das, weil wir in diesseits und jenseits denken. Weil jemand eine Grenze definiert und sie zur Achse des Bösen erklärt hat. Entfernt man diese Grenze für einen Augenblick aus dem eigenen Denkmodell, dann stehen sich plötzlich nur noch Menschen gegenüber. Menschen auf der Suche nach Freiheit, nach Erfüllung und nach Glück.

Doch bevor sich das Bild vertiefen kann, geben wir uns wieder der vertrauten Polarisierung hin. Der Freiheitskampf des anderen wird dem einen zum niederträchtigen Anschlag. Und der gerechte Rachemord des einen wird dem anderen zur brutalen Kriegserklärung.

Du willst wissen, wer die Terroristen sind? Dann suche diesseits und jenseits nach denen, die von Grenzen sprechen.

Du willst Frieden? Dann stell Dich mitten auf die Achse und schau Dich liebevoll um.

12:09 06.05.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Jacob Jung

Außenpolitik, Atompolitik, Arbeitspolitik und Sozialpolitik: Beiträge zur Zeitgeschichte.
Schreiber 0 Leser 8
Avatar

Kommentare 2