Jacob Jung
17.02.2012 | 14:35 69

Hier riecht’s nach Gauck

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Jacob Jung

17.2.2012 – Das deutsche Wintermärchen ist vorbei. Was Medien, Bevölkerung, Vernunft und Anstand in Monaten nicht erreichen konnten, hat die Staatsanwaltschaft mit einem kurzen „Wuff“ bewerkstelligt: Nachdem sie Ermittlungen eingeleitet und die Aufhebung seiner Immunität beantragt ist, ist Christian Wulff heute vom Amt des Bundespräsidenten zurückgetreten.

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Die Kanzlerin geniert sich nicht lange dafür, dass sie uns innerhalb von 20 Monaten bereits das dritte Staatsoberhaupt vor die Nase setzen wird. Kaum hat sie ihr „tiefes Bedauern“ über das politische Ableben ihres ehemaligen Wunschkandidaten zum Ausdruck gebracht, da stellt sie bereits in Aussicht, dass der elfte Bundespräsident in enger Abstimmung mit SPD und Grünen ausgesucht werden soll. Das riecht nach Gauck.

Aus dem Jacob Jung Blog

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Eierlegende Wollmilchsau

Joachim Gauck bezeichnet sich selber als linken, liberalen, konservativen, aufgeklärten Patrioten. Frei nach Goethes Faust, in dessen Vorspiel der am wirtschaftlichen Erfolg interessierte Theaterdirektor seinem Dichter mit auf den Weg gibt:

Die Masse könnt Ihr nur durch Masse zwingen,
Ein jeder sucht sich endlich selbst was aus.
Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen;
Und jeder geht zufrieden aus dem Haus.

Die Beliebigkeit, mit der Gauck bereits bei der letzten Wahl zum Bundespräsidenten der Kandidat fast aller politischen Lager hätte werden können, zeigt sich vor allem darin, dass er bereits 1999 als mögliches Staatsoberhaupt im Gespräch war. Damals allerdings innerhalb der CDU.

Der Neutralitätsbegriff von Joachim Gauck manifestiert sich nicht in einem „Ich stehe über allem“ sondern „Ich kann mit allen“. Wirklich mit allen? Nicht ganz, denn mit der Linkspartei steht der Pfarrer und DDR-Bürgerrechtler auf dem Kriegsfuß. Deren Überwachung durch den Verfassungsschutz wurde von Gauck im Sommer 2010 deutlich unterstützt:

„Wenn der Verfassungsschutz bestimmte Personen oder Gruppen innerhalb dieser Partei observiert, wird es dafür Gründe geben. Er ist nicht eine Vereinigung von Leuten, die neben unserem Rechtsstaat existiert und Linke verfolgt.“

Während seiner Amtszeit als Beauftragter für die Stasi-Unterlagen von 1990 bis 2000 geriet Gauck selber in den Verdacht, „Begünstigter der Staatssicherheit“ gewesen zu sein. Der Vorwurf war vom letzten Innenminister der DDR, Peter-Michael Diestel, erhoben worden. Dieser legte in einem entsprechenden Verfahren vor dem Rostocker Landgericht unter anderem acht eidesstattliche Erklärungen früherer Stasi-Mitarbeiter vor, die belegen sollten, dass Gauck selber Komplize des Geheimdienstes gewesen sei.

Unter anderem wurde hier angeführt, dass die Söhne Gaucks mit Genehmigung der Stasi nicht nur in den Westen hätten ausreisen, sondern - hierbei handelt es sich um eine einmalige Ausnahme – bereits ein Jahr später zu einem Verwandtenbesuch wieder in die DDR hätten einreisen dürfen. Gauck hatte im Jahr 2000 zunächst eine einstweilige Verfügung gegen Diestel erwirkt, die es diesem untersagte, Gauck öffentlich mit der Stasi in Verbindung zu bringen. Das Landgericht in Rostock hatte die einstweilige Verfügung allerdings am 22. September 2000 aufgehoben.

Im Jahr 2001 trafen Gauck und Diestel erneut vor Gericht aufeinander. Diesmal wurde vor dem Oberlandgericht in Rostock verhandelt. Letztlich einigten sich beide gütlich und brachten das Verfahren damit juristisch zum Ende.

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Sarrazin und Occupy

Ende 2010 ermahnte der unterlegene Präsidentschaftskandidat Gauck die Bevölkerung, sich gründlicher über politische Vorgänge und Entscheidungen zu informieren. Dem Tagesspiegel sagte er am 30. Dezember 2010:

„Es gibt in der Demokratie nicht nur eine Bringschuld der Politik, sondern auch eine Holschuld der Bürger. Wenn Wähler in einer Konsumentenhaltung verharren, anstatt sich für die objektiven Probleme der Allgemeinheit zu interessieren und sich mit den Vorschlägen und Maßnahmen der Politik wirklich auseinanderzusetzen, gerät die Demokratie auf Dauer in Gefahr.“

„Nicht die Kleidung der Ehefrau des Verteidigungsministers ist wichtig, sondern die Lage der Sozialsysteme oder die Notwendigkeit der Rente mit 67.“

Regierung und Opposition forderte er gleichzeitig auf, ihre Politik verständlicher zu erklären. Nur wer seine Entscheidungen ausführlich begründe, können Ängste vor unpopulären, aber notwendigen Maßnahmen abbauen.

„Politiker müssen eine Sprache finden, die auch von den einfachen Menschen verstanden wird.“

Im selben Interview attestierte Joachim Gauck dem früheren Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin, in seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ „Mut bewiesen“ zu haben:

„Er hat über ein Problem, das in der Gesellschaft besteht, offener gesprochen als die Politik.“

Der politischen Klasse rät Gauck, aus dem Erfolg von Sarrazins Buch zu lernen, dass „ihre Sprache der politischen Korrektheit bei den Menschen das Gefühl weckt, dass die wirklichen Probleme verschleiert werden sollen“.

Im Oktober 2011 äußerte sich Gauck über die Occupy-Bewegung. Er halte die Antikapitalismus-Debatte für „unsäglich albern“, die Protestbewegung würde „schnell verebben“ und überhaupt sei sie von „romantischen Vorstellungen“ geprägt. Politiker sollen nach seiner Auffassung nicht das Sagen in der Finanzwirtschaft haben, da es zweifelhaft sei, zu glauben, dass unsere Einlagen dann sicherer wären.

Für die Energiewende der Bundesregierung findet Joachim Gauck kritische Worte: Man könne wichtige politische Entscheidungen, wie etwa den Ausstieg aus der Kernkraft, nicht von der Gefühlslage der Nation abhängig machen.

Schließlich trifft sein Rundumschlag auch noch die Stuttgart 21 Bewegung. Hier warnt Gauck vor einer Protestkultur, „die aufflammt, wenn es um den eigenen Vorgarten geht“. Die deutsche Neigung zu Hysterie und Angst nannte er ”abscheulich“.

Wenn sich Angela Merkel dafür entscheidet, Joachim Gauck als gemeinsamen Kandidaten der Regierung, der SPD und der Grünen zu nominieren, dann müssen wir uns auf einen elften Bundespräsidenten einstellen, der die geheimdienstliche Überwachung der Linkspartei für angemessen und das Buch von Thilo Sarrazin für politisch vorbildlich hält, für den Kapitalismus-Kritik albern, soziale Einschnitte und Rente mit 67 notwendig, der Atomausstieg gefühlsduselig und die berechtigte Sorge weiter Teile der Bevölkerung um ihre Lebensqualität abscheulich sind.

Die Kanzlerin wird die Kandidatenfrage in jedem Fall nutzen, um dem Schaden, den Wulff und Köhler ihrer Reputation zugefügt haben, zu begrenzen. Dies gelingt am besten mit einem Nachfolger, dessen politische Beliebigkeit ihn für möglichst viele Lager wählbar macht. Es riecht nach Gauck.

Politik Blog von Jacob Jung, 2/2012

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (69)

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Ehemaliger Nutzer 17.02.2012 | 19:12

Diese Befürchtung habe ich auch.
Es riecht nicht nur, es stinkt sogar ganz gewaltig.
Selbst Frau Lengsfeld hat sich nach 18tägigem wohltuenden Schweigen sofort wieder zu Wort gemeldet:

www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/direktwahl_des_bundespraesidenten_jetzt/

www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/ja_gauck/

www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/rettet_das_bundespraesidentenamt_nehmt_gauck/

Teresias 17.02.2012 | 19:21

Ich teile Jacob Jungs Befürchtungen in Bezug auf einen Bundespräsidenten Gauck und sähe in einer gemeinsamen Nominierung den Verzicht der SPD und der Grünen auf eine Erneuerung des Landes im Sinne einer gerechteren, menschlicheren und freiheitlicheren Politik. Gauck ist der ideale Vertreter einer bourgoisen Gesinnung, des Kalten Krieges und des Systems der hemmungslosen Vorteilsnahme.
Was ist an diesen Positionen grün oder sozialdemokratisch?
Durch ihre taktische Nominierung Gaucks vor zwei Jahren sind die Grünen und die SPD in einem Dilemma. Sie sind zu Gefangenen ihrer eigenen politischen Tricks geworden. Nun müssen sie eventuell einen Bundespräsidenten küren, der sie als Mitläufer einer bourgoisen Gesellschaft ausweist. Das wird den Seeheimer Kreis und die Realos bei den Grünen nicht stören, doch langfristig ihre Glaubwürdigkeit als Parteien des sozialen Fortschritts zerstören.
Ich glaube jedoch, dass die CDU sich gegen eine Wahl Gaucks ausspricht, weil diese nachträglich als Niederlage der CDU und der Kanzlerin wahrgenommen werden könnte.

Alien59 17.02.2012 | 19:23

Wenn du nicht immer so recht hättest, JJ.
Nach Köhlers Rücktritt habe ich mich hier teilweise unbeliebt gemacht, weil ich damals Gauck Wulff vorgezogen hätte. Ich hielt wenig von Wulff und Gauck hatte so einiges, was jetzt zu Recht gegen ihn spricht, noch nicht von sich gegeben.
Seit Dezember fand ich trotzdem immer mal einige Worte gegen die Anti-Wulff-Kampage - nicht, weil ich immer noch für Gauck wäre, sondern weil ich der Ansicht war und bin, dass das, was man ihm vorwirft, zwar gar nicht geht (wenn es denn stimmt, ich würde auch hier auf der Unschuldsvermutung bestehen), aber die Vehemenz, mit der auch und gerade von CDU-freundlichen Zeitungen gegen ihn agiert wurde, doch verdächtig ist.

Gleichzeitig - kannst du dich an den Kommentar von mir erinnern - befürchtete ich seinen Rücktritt auch genau wegen der Frage der Nachfolge. Nun haben wir den Salat.

Vielleicht doch: Limbach for president?

Georg von Grote 17.02.2012 | 22:51

Ich bin und war entschieden gegen Gauck.
Nicht weil ich ich diesen Mann nicht schätzen und respektieren würde. Aber er ist der Falsche.
Ich will einen Bundespräsidenten oder eine Präsidentin, die es wagen den Mund auf zu machen, den Finger in die Wunden zu bohren, die sich vor ihnen auftun.
Dazu ist Gauck der falsche Mann.
Ich will ne Frau da oben.
Limbach oder Käßmann.
Die trauen sich was.

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fraus 18.02.2012 | 02:00

Trotz gewisser Vorbehalte wäre Gauck OK. Wulff kann mit seiner Anstands- und Werteverweigerung eh´nicht mehr getoppt werden, was sollte Gauck da noch verschlimmern können? Außerdem käme mit Gauck mal wieder Wind in den apathischen Bundestag, der von Sitzungswoche zu Sitzungswoche dahindämmert. Zudem besitzt Gauck eine Fähigkeit, die abhanden gekommen scheint: Kommunikationskompetenz. Er kann reden. Er kann sogar sagen, was er denkt. Das mag für viele erst mal erschreckend verstörend sein, aber letztendlich kann nur Redenden geholfen werden.

apatit 18.02.2012 | 02:34

FrauSmilla/ Hat nicht ein Herr Gauck die Demonstranten gegen die Großbanken als alberne Romantiker bezeichnete? Hat ein Herr Gauck nicht auch geäußert …
„Mit Blick auf die Proteste beim Bahnprojekt Stuttgart 21 warnte Gauck vor einer Protestkultur, "die aufflammt, wenn es um den eigenen Vorgarten geht" Der Braten richt nicht nur - er stinkt! Und wo her wissen sie das ich mit einer PVC Ente in der Wanne sitze?

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fraus 18.02.2012 | 02:49

"FrauSmilla/ Hat nicht ein Herr Gauck die Demonstranten gegen die Großbanken als alberne Romantiker bezeichnete? Hat ein Herr Gauck nicht auch geäußert …
„Mit Blick auf die Proteste beim Bahnprojekt Stuttgart 21 warnte Gauck vor einer Protestkultur, "die aufflammt, wenn es um den eigenen Vorgarten geht"
Na ja, der deutschen Protestkultur ist eine gewisse Unergründlichkeit nicht von der Hand zu weisen. Oder wie erklären Sie sich, dass gegen ACTA vehement protestiert wird, gegen INDECT aber nicht mehr??

"Und wo her wissen sie das ich mit einer PVC Ente in der Wanne sitze?"
Wer Angst vor Gauck hat, traut sich wohl nicht ins Wasser zu springen und weit raus zu schwimmen?

claudia 18.02.2012 | 10:16

>>Gauck ist Favorit der SPD auf Wulff-Nachfolge!
Logisch, denn Gauck bietet die Gewähr, jederzeit für die Agenda 2010 und für weitere Verschärfung der Hartzgesetze einzutreten.
Diese Qualifikation besitzt zwar Thilo Sarrazin auch in hohem Masse, aber an Gauck perlt jede Kritik wirkungslos ab wie Wasser vom Fett.
Letztlich ist Gauck eben doch der bessere Volksverarscher: "Einen Bessern findest Du nicht."
Das war schon mal der SPD-Spruch für eine Präsidentenwahl.

Red Bavarian 18.02.2012 | 12:32

@claudia: Siehe auch einen Kommentar im Thread zu 'Mauerbau und Stockholmsyndrom'. Mich selber aus dem Thread zitiert:

Eher: Als die physische Mauer 1989 fiel. In vielen Köpfen allerdings steht die Mauer offenbar noch. Ich denke gerade an einen FDP-nahen Diskutanten, aus dem es nach einem angeregten Diskurs mit mir herausbrach, dass wir - die Nicht-SED'ler in Der Linken - doch die SED'ler in Der Linken hinausschmeißen sollten. Wie wenn wir eine stalinistische Partei mit internen Säuberungskommandos wären.

Mir als lebenslangen BRD-Bürger mit altgrün-linksalternativer Einstellung hat sich die politische Welt in den vergangenen 20 - 30 Jahren schier auf den Kopf gestellt. Hätte mir jemand in den 80er Jahren wahrgesagt, dass ich im 21. Jahrhundert in eine irgendwie-SED-nachfolgende Partei eingetreten sein werde, nachdem ich Abstand von den irgendwie-links-seienden Grünen genommen hätte, dann hätte ich wahrscheinlich über den Witz gelacht.

Der Aufhänger des Diskurses war die Bundespräsidentenwahl 2010 und der Vorwurf an Die Linke: "Warum habt Ihr nicht Joachim Gauck gewählt?!" - Es war einer von zwei urlangen Diskursen, die ich zum Thema in unserem Infostand damals geführt habe. Der andere Diskutant war ein Ex-Grünen-Wähler, der sich 2009 entschieden hatte, Die Linke statt die Grünen zu wählen. Der Vorwurf war der gleiche. Meine Aussage war, dass ich weder Wulff noch Gauck gewählt hätte, weil ich gegen beide Bedenken hatte.

mahung 18.02.2012 | 17:35

koslowski schrieb am 17.02.2012 um 20:46
"Gauck? War 2010 der bessere Kandidat, hat sich inzwischen aber disqualifiziert, als er in Salzburg als Festredner für den ausgeladenen Jan Ziegler einsprang und den Erwartungen der Sponsoren voll entsprach."

War er das wirklich? Hätte man nicht auch damals schon all das wissen können (müssen!), was Gauck ausmacht, warum dieser stramme Konservative nie und nimmer ein Kandidat von Grünen und SPD hätte sein dürfen - geschweige denn der Linken. Schön, dass Koslowski dies inzwischen auch kapiert hat. Obwohl auch damals alles klar auf dem Tisch lag und in vielen Beiträgen besprochen wurde. Z.B. hier:

www.freitag.de/community/blogs/mahung/die-gauck-schmonzette-findet-quaelend-ihr-ende--zeit-wurde-es

Koslowski wird sich ggf. noch erinnern. Auch an seine erhellenden Kommentare ...

Ob Gauck nun wirklich noch infrage (Merkel) kommt, bleibt abzuwarten. Das der aber noch immer BuPrä der Herzen ist, ist ziemlich sicher - wenn auch die Medien wieder einsteigen ohnehin. Bei mehreren kurzen Gesprächen am Arbeitsplatz wurde mir leider wieder klar, wie weit verbreitet das Nichtwissen im Falle Gauck - also seiner politisch-ideologischen Agenda - und auch seinem nicht enden wollenden (könnenden?) persönlichen kaltem Krieg im Kopf. Im Gegenteil. Man hält den Gauck für irgendwie liberal und gar für einen Bürgerrechtler und überparteilich. Die Stichworte: neoliberal, Kriegsbefürworter, Sarrazin-Lober, Occupy-Gegner und Sozialabbauer etc. sorgten für staunendes Kopfschütteln. Man könnte mehr wissen, wenn man nur wollte ...

Dennoch: Gauck wird es auch diesmal nicht und ich denke, dass selbst der nicht gerade uneitele Gauck sich nicht nochmals einer solchen Schmonzette stellen würde ...

Wer es wird ist unwichtig. Brauchen wir einen Ersatzmonarchen wirklich? Und wenn, wofür? Lasst dieses Amt ruhen, in Friede und für immer.

claudia 19.02.2012 | 07:04

@Red Bavarian:
>>nachdem ich Abstand von den irgendwie-links-seienden Grünen genommen hätte,
Da haben wir ja eine ähnliche Geschichte hinter uns, nur dass ich (noch) nicht Mitglied bei der Linken bin...

Meine Skepsis gegen die Grünen war gewachsen, nachdem ich einige Aktive kennengelernt hatte.
Als dann die Grünpartei die 50 000 DM-Spende des hessischen Verbandes der chemischen Industrie annahm, hatten sie für mich endgültig die Grenze überschritten.

1990 hab ich die DKP gewählt, ab '94 die PDS. Die Stasi-Kampagnen gingen mir ziemlich am Allerwertesten vorbei, weil ich davon ausging, dass die tatsächlich gefährlichen Karrieristen aus der DDR sich in der CDU sicherer fühlen würden. Schon weil eine Regierungspartei mehr Einfluss auf die aktenverwaltende Behörde hatte.
Wendehälse wie Krause oder Merkel hatten ja mit der PDS nichts am Hut und allein das war schon ein Gütesiegel, neben anderen Gründen, die Oppositoin zu unterstützen.

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>>Meine Aussage war, dass ich weder Wulff noch Gauck gewählt hätte, weil ich gegen beide Bedenken hatte.
Ja klar: Von Oligarchieparteien werden nur Oligarchierepräsentanten aufgestellt. Schon weil sie keine Probleme mit ihren Lobbyisten bekommen wollen...

claudia 19.02.2012 | 07:22

>>Aber heutzutage sehe ich es eher als Ochlokratie,..
Wobei aber die Mehrheit von der Oligarchie indoktriniert und gelenkt wird. Die Methoden sind seit Josef Göbbels sehr weiterentwickelt worden. Vor allem in Richtung subtilerer und tiefer ins Bewusstsein (oder Unterbewusstsein?) eindringender Beinflussung der "Denkungsart".

Die Leute, die in Deutschland nach oben gespült werden, das sind nicht irgendwelche Oligarchen, sondern Typen aus dem Volk, die einen Spiegel des Volkes darstellen.
Hierarchien formen ihre Aufsteiger: Wer sich nicht anpasst bleibt unten.
Über Inhalte der geforderten Anpassung der Aufsteiger bestimmt die herrschende Minderheit. Drum sind Karrieristen so gleichförmig, ohne jede individuelle Erfahrungsverarbeitung.

Red Bavarian 19.02.2012 | 13:52

Ich berechne es in meiner Haltung schon ein, dass eine starke Indoktrination - politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich, medial - stattfindet, in deren Bann man leicht gezogen werden kann. Was ich, andere Bewegte und Studien jedoch feststellen, ist eine zunehmende Verweigerung der Aufklärung (wie ich es nenne).

Fabelmäßig stelle ich mir das Deutsche Volk inzwischen als eine Lemmingsherde vor, die unaufhaltsam auf den Abgrund zuläuft, und die uns - die Aufklärenden - auch noch umrennt, wenn wir sie darauf aufmerksam machen.

Dem Joachim Gauck seine Haltung ist mir regelrecht unheimlich. Siehe auch den aufschlussreichen Nachdenkseiten-Artikel vom 18. Juni 2010 'Joachim Gauck: Ein traumatisierter Präsidentschaftskandidat'. Joachim Gauck ist wie soviele andere ein Spiegel unserer kaputtgehenden Gesellschaft.

Seine Haltung fügt sich mir typisch in die fortlaufende Historie seit dem späten Mittelalter mit den Zeitaltern des Humanismus, der Aufklärung und des Kapitalismus ein, wo zwar die feudalistische Herrschaft des Adels und des Klerus angegangen wurde, jedoch parallel nach und nach eine Herrschaft der Bourgeoisie verschiedener Couleur aufgebaut wurde, die einen verzerrten Begriff der Freiheit pflegt, den ich Sozialdarwinismus nenne.

claudia 20.02.2012 | 06:39

>>Dennoch: Gauck wird es auch diesmal nicht...
Oder doch, aber darum geht es gar nicht.
Sondern es geht darum, die jedem gesellschaftlichen Fortschritt entgegengesetzten (Besitz-)bürgerlichen "Werte", immer wieder neu in den Köpfen zu verankern.
Dafür ist Gauck ein geeignetes Aushängeschild, das sich der Grossen Korruption zur Verfügung stellt. Ob als Bundespräser oder als ewiger Kandidat, das ist nicht so wichtig.

Red Bavarian 20.02.2012 | 11:48

Mehr politischerseits habe ich weiter oben geschrieben. Mehr christlicherseits verweise ich zuerst auf das Büchlein meiner Partei 'Mit den Linken über Gott reden' (PDF-Dokument), worin hochinteressante Diskussionen und Reaktionen zu finden sind.

Religion und Politik sind miteinander verwoben, wobei es offensichtlich massive Unterschiede zwischen neoliberalen/neokonservativen und linken/linksalternativen Christen gibt. Dieser Unterschied lässt sich bis in die Bibel zurückverfolgen, siehe 2. Thessalonicherbrief 3,10: "... Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen." - gegenüber das Gebot der Nächstenliebe.

Wie schon weiter oben geschrieben, sind mir dem Joachim Gauck seine Haltungen und Äußerungen irgendwie unheimlich, weil ich sie nicht wirklich verstehe. Wir sprechen rein linguistisch dieselbe Sprache, bedeutungsmäßig jedoch unterschiedliche Sprachen. Wie ich müssen sich die Menschen beim Turmbau zu Babel gefühlt haben.

Im Flyer unserer LAG ChristInnen Die Linke Bayern steht als ein hervorgehobenes Statement: "Weil ich Christ bin, bin ich in Der Linken!". Für mich gilt das auch umgekehrt, weil mich die christlichen GenossInnen dem Christentum wieder näher gebracht haben. Joachim Gauck bewirkt vielmehr das Gegenteil.

miauxx 20.02.2012 | 21:37

Verläßlich kommt er, der JJ, nun auch zu Gauck.
Nun haben wir ja Gewissheit, dass Gauck es wird.
Die Aufregung um den "Konsenskandidaten" (wie heute bekannt wurde, soll Merkel ja zunächst vehement gegen ihn gewesen sein ...), Jacobs und auch einiger Foristen hier, ist zwar aus linker Perspektive nachvollziehbar, aber nun doch auch ein bissel gestelzt! Ich meine, in was für einem Land mit was für einem System und Staat leben wir denn? Es lohnt sich doch überhaupt nicht, sich nun an einem Kandidaten fürs Amt des BuPrä aufzuhängen? Das ist viel Lärm um nichts! Wäre ernsthaft zu erwarten gewesen, dass Koalition und Opposition, ausgenommen DieLinke, jeweils oder eben auch gemeinsam einen Kandidaten vorschlagen, der quasi linke Positionen vertritt?
Gut, immerhin, vielleicht wäre Töpfer der bessere Kandidat gewesen ... Der findet sehr vernünftige Worte etwa zu Themen der Globalisierung und des Umweltschutzes! Obwohl ich mir auch nicht sicher bin, wieviel am "Rebellentum" von CDU-Leuten in politischer Altersteilzeit, wie z.B. auch Geißler, wirklich dran ist ...
Und auch wenn ich kein Gauck-Befürworter bin, so finde ich einige Äußerungen des BuPrä in spe, die Jacob zitiert, durchaus treffend. Etwa zum Atomausstieg, zu den Bürgerprotesten wie S21 oder auch zum Demokratieverständnis überhaupt. Aber das reicht freilich nicht für eine hinreichende Sympathie meinerseits.

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Ehemaliger Nutzer 20.02.2012 | 23:02

Sehr guter Blog.
22.05.10.........wie die Zeit vergeht.
Jetzt riecht es nicht nur nach Gauck, jetzt werden wir ihn auch kriegen.
Wenn ich schon unten bin, dachte ich, kann ich auch noch tiefer und habe gleich noch bei Frau Lengsfeld reingeschaut.

www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/gauck_ein_sieg_der_buerger_ueber_die_politikkungelei/

Weiter kann ich dann aber doch nicht.
Für heute reicht es erstmal.
Muss das alles erst mal verdauen.

barshai 21.02.2012 | 08:53

Wozu eigentlich noch das lästige Wahlverfahren, wenn die Blöd-Zeitung bereits beschlossen hat, "der wirds"?

"Sie saß im Zug von Wien nach Nürnberg am Sonntagabend, als ihr Handy klingelte. Eine Kollegin war dran. Als sie auflegte, wusste Daniela Schadt (52): Sie wird Deutschlands neue First Lady!"
Quelle: "Heiratet Gauck jetzt seine First Lady?" bit.ly/zC1IoN

Gauck und Schadt heiraten? Und wir haben dann erstmals einen Bigamisten in diesem Amt? Unterhaltungswert hätte das ja immerhin, im Sinne von "offener Gesellschaft" und so, denn Gauck ist von seiner Ehefrau gar nicht geschieden, aber bei evangelischen Pastoren scheint man es damit wohl nicht so genau zu nehmen? :-)

bit.ly/EIDD

goedzak 21.02.2012 | 13:20

Gute Zusammenfassung zur Figur.
Wenn ich den ein paar Tage alten thread so lese, erstaunlich wie sicher einige noch waren, dass der Kelch vorbei geht.

Mich würde jetzt mal ein Überblick über den und eine Interpretation des Gesamtvorgang(s) vom Ausgang der letzten bis zur demnächstigen Bundespräsidentenwahl interessieren. Zum Beispiel die Vehemenz der Wulff-Gegnerschaft der BLÖD-Zeitung riecht auch ein bisschen komisch...

miauxx 21.02.2012 | 19:37

@barshai

Dass mit der Kür eines BuPrä gleichsam dessen Angetraute in "hohe Würden" eleviert wird, eine "First Lady" wird, zeigt doch eigentlich, dass man sich eines Hangs zum Royalen nicht völlig zu entledigen vermag. Irgendwie braucht's zum König die Königin. Allein ihrer Partnerschaft mit dem Präsidenten wegen, ist plötzlich auch die Gattin furchtbar bedeutend. Das ist so ähnlich wie das Glück der Geburt in der richtigen Familie; so wie man einst eben als Adliger geboren wurde. Offenbar ist das längst nicht überwunden.
Naja, der Gauck braucht nun offenbar nicht mehr unbedingt zu heiraten ... Heute morgen hörte ich im inforadio des RBB ein Interview mit Dieter Hildebrandt, der meinte, Carlo Schmid habe damals, 1959, nicht Präsident werden können, weil er "eine Geliebte, aber keine Ehefrau hatte".
www.inforadio.de/programm/schema/sendungen/int/201202/21/170387.html

Und: Wie wäre es eigentlich, würde eine Frau Präsidentin? In welchen Stand würde ihr Ehemann gehoben? Oder Wowereit würde Präsident?

claudia 21.02.2012 | 21:25

>>Zum Beispiel die Vehemenz der Wulff-Gegnerschaft der BLÖD-Zeitung riecht auch ein bisschen komisch...
Darüber wurde ja schon mal spekuliert.
Jemand meinte, die Wulffkampagne solle vom ersten 500-Mrd-€-Transfer für 1 % Jahreszins der EZB an Privatbanken ablenken. (Mit der Asche kaufen sie deutlich höher verzinste Staatsanleihen und sacken für ihre Aktionäre und solventen Kunden einen heftigen Reibach ein)

Fakt ist wohl, dass Gauck einfach der bessere Kapitalismusglaubensverkünder ist als Wuff.
Vielleicht wird für die nächsten Jahre ein Ein- Aufpeitscher gebraucht, der es besser bringt als Wulff.

An den Showgag, dass SDP/Grün und CDU sich nicht von vornherein einig gewesen wären glaube ich nicht.

ChristianBerlin 22.02.2012 | 10:19

@barshai

Und wir haben dann erstmals einen Bigamisten in diesem Amt? Unterhaltungswert hätte das ja immerhin, im Sinne von "offener Gesellschaft" und so, denn Gauck ist von seiner Ehefrau gar nicht geschieden, aber bei evangelischen Pastoren scheint man es damit wohl nicht so genau zu nehmen? :-)

Wie er das dem Papst erklären will, weiß ich auch nicht - egal, wer als nächstes wen besucht. Allerdings hat der ja auch nach wie vor ein Problem Deinem Avatar-Slogan "Stop l'omophobia", da eine gleichgeschlechtliche Verbindung nach seinem Verständnis nicht durch das von Christus gestiftete Sakrament der Ehe legitimiert werden kann.

Was mich nur erstaunt, ist, dass ausgerechnet jemand, der schon im Logo den (aus meiner Sicht auch theologisch begründeten) Abschied von veralteten Reglemtierungen des Zusammenlebens fordert, gegen Gauck ausgerechnet diesen Vorwurf erhebt. Selbst über Bande (ich hab ja nix dagegen, aber die Kirchenleitung müsste doch ... ) scheint mir das nicht ganz schlüssig sein. Aber ich lasse mir das gern erklären.

;)

LG Christian