Krieg, Lügen und Presse: Henryk M. Broder zündet die WELT an

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10.05.2011 – Henryk M. Broder schwört die Deutschen in der WELT auf ein neues Zeitalter ein. Ihr seid „feige“ und „passiv aggressiv“, leidet unter der „Schmach“ der „Niederlage 1945“ und Euer „Gemüt funktioniert wie ein Vulkan“ ruft er seinen Lesern zu. Statt über die völkerrechtliche Bedeutung der Tötung Osama Bin Ladens oder des Militäreinsatzes in Libyen nachzudenken, sollen die Deutschen lieber ... Ja, was eigentlich? Dazu äußert Broder sich nicht. Er rechnet nur ab. Mit den Deutschen im Allgemeinen und mit ein paar ihrer prominenten Vertreter im Einzelnen.

Unter dem Titel "Ihr feigen Deutschen seid passiv-aggressiv! Der Massenmörder Osama Bin Laden ist zur Strecke gebracht - und wir sind Weltmeister im Moralisieren. Anti-Amerikanismus inklusive" veröffentlicht Henryk M. Broder am 08. Mai 2011 einen Beitrag bei WELT ONLINE, in dem er die Kritiker der Tötung Osama Bin Ladens hart angeht und die Vormachtstellung der USA in der Weltpolitik rechtfertigt.

Zum Artikel von Henryk M. Broder

Zu Beginn seines Artikels zitiert Broder Winston Churchill. Der soll einmal gesagt haben: „Man hat die Deutschen entweder an der Gurgel oder zu Füßen.“ Broder unterstellt ihm schamlose Untertreibung und trumpft auf: „Die Deutschen sind entweder für den totalen Krieg oder den totalen Frieden; die „Exportweltmeister“, die „Weltmeister der Herzen“ sind auch Branchenführer im Moralisieren.“ Und weiter: „Aber sie (die Deutschen) sind keine Pazifisten, sondern nur faul, feige und passiv-aggressiv.“

In den ersten Absätzen macht der Autor einige ganz große Fässer auf. So kommt er von Osama Bin Laden auf Kinderschänder, von der Debatte über die Sicherheitsverwahrung auf die Mauertoten, von den Opfern des DDR-Regimes auf Jugendliche, die Passanten ins Koma prügeln.

Deutsche haben nach Broder nur Mitleid mit Tätern (Saddam Hussein, Gaddafi, Osama), weil die sexy und ihre Opfer dagegen kläglich sind.

Im weiteren Verlauf seines Artikels hält er den Deutschen einen vermeintlichen Spiegel vor: Völkerrechtliche Bedenken Vieler erklärt Broder der Einfachheit halber als „Megawelle des Mitgefühls“ mit Osama Bin Laden. Hieraus konstruiert er den Vorwurf, man wolle in Deutschland zwar „vom Schicksal der über 1000 Opfer des DDR-Grenzregimes nichts mehr wissen“, sich dafür aber angesichts der Tötung eines „Massenmörders“ in völkerrechtlichen Debatten ergehen.

Nun folgt die Abrechnung mit verschiedenen Vertretern der Öffentlichkeit, die sich kritisch zur Vorgehensweise der Navy Seals in Pakistan geäußert haben.


Die offizielle Erklärung von Professor Peter Strutynskifür den Bundesausschuss Friedensratschlag zitiert Broder weitgehend umkommentiert. In der Erklärung heißt es unter anderem:

„Wenn die Tötung eines Menschen, wie groß auch seine Verbrechen sein mögen, von westlichen Politiker/innen mit ,Erleichterung' aufgenommen und gefeiert wird sie sich auf das Niveau derjenigen Terroristen, denen ein Menschenleben nichts wert ist.“

Broder führt hierzu lediglich an, dass dem Bundesausschuss zu dem Blutbad in Syrien bislang nichts Relevantes eingefallen sei und verschweigt seinen Lesern hierbei unter anderem diese Erklärung der AG Friedensforschung.


Im nächsten Abschnitt geht es um einen Kommentar von WDR Fernsehen Chefredakteur Jörg Schönenborn. Dieser hatte in den Tagesthemen unter anderem Folgendes gesagt:

„Was ist das für ein Land, das eine Hinrichtung derart bejubelt? Zivilisierte Nationen haben einst das Völkerrecht geschaffen. Sie verständigten sich darauf, dass Verbrecher vor Gericht gestellt und nicht einfach getötet werden.“

Broder diskreditiert Schönenborn hier zunächst als den, „der sonst Umfragen erklärt“ und macht sodann darauf aufmerksam, dass „es in allen Ländern der Bundesrepublik Gesetzte über den finalen Rettungsschuss gibt. Zynisch fügt er hinzu, dass dieser die „Ermittlungsarbeit verkürzt und die Strafzumessung erleichtert“.

Unerwähnt bleibt hingegen, dass der so genante „finale Rettungsschuss“ im Sinne der Nothilfe Gefahr von Dritten abwenden soll, wenn kein anderes Mittel zur Verfügung steht. Mit der Tötung Osama Bin Ladens hat dies alleine schon deshalb nichts zu tun, weil in Abottabad keine „Dritten“ anwesend waren und die „Gefahr“ ausschließlich von den Navy Seals ausging.


Als nächstes ist Heribert Prantl an der Reihe. Dieser hatte in einem Leitartikel für die Süddeutsche Zeitung die Frage gestellt, ob die Exekution Bin Ladens durch ein amerikanisches Militärkommando eine gerechte Strafe war.

Und Broder persifliert: „Nein, gewiss nicht. Eine gerechte Strafe wäre es, Osama Bin Laden dazu zu verdonnern, die Leitartikel von Heribert Prantl zu lesen“.


Auch Volker Beck kommt bei Broder nicht ungeschoren davon. Beck hatte zu bedenken gegeben: „Wenn Osama Bin Laden durch einen Kopfschuss getötet werden konnte, dann muss die Frage erlaubt sein, ob man ihn nicht auch hätte festnehmen und vor ein rechtsstaatliches Gericht hätte stellen können.“ Broders Karikatur: „Wobei ihm die Grünen wahrscheinlich Hans-Christian Ströbele als Pflichtverteidiger zur Seite gestellt hätten.“


Als nächstes lässt Broder Altbundeskanzler Helmut Schmidt zu Wort kommen, der bei Beckmann sagte, dass die Aktion der Amerikaner in Pakistan „ein Verstoß gegen das Völkerrecht“ gewesen sei. Henryk M. Broder verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass Schmidt selber im Jahre 1977 ein GSG-9 Kommando nach Mogadischu entsandt hat. Unerwähnt bleibt hierbei sowohl, dass dieses Vorgehen mit der somalischen Regierung abgesprochen war als auch dass es um die Befreiung von Geiseln handelte, die sich in unmittelbarer Lebensgefahr befanden.


Wer sich von Henryk M. Broders Aufmacher in der WELT ONLINE Erkenntnisse, Orientierung oder auch einfach nur Argumente versprochen hatte, der sieht sich enttäuscht. Der Autor ergeht sich stattdessen in Beschuldigungen, Beleidigungen und zynischen Kommentaren. Dabei ist ihm kein Beispiel zu weit hergeholt, kein Vergleich zu absurd und keine Verurteilung zu abgeschmackt.

Seine Aneinanderreihung von Diffamierungen gegen Publizisten, Völkerrechtler, Wissenschaftler und Richter dient dem einzigen Zweck, der deutschen Stammtischfraktion den theoretischen Unterbau für eine Haltung zu liefern, die sich am martialischen Vorgehen westlicher Mächte erfreut, wie an einer Schlägerei im Fußballstadion.


Kriege brauchen öffentliche Zustimmung. Die kann aber nur durch eine einseitig berichtende Presse erreicht werden. Eine objektive Berichterstattung über den Krieg kann nur zu einem einzigen Ergebnis führen: Der entschiedenen Ablehnung von Übertretungen des Völkerrechts. Broder unterstellt den Kritikern der Tötung Osama Bin Ladens einen unkritischen Anti-Amerikanismus. Wer sich angesichts der aggressiven US-amerikanischen Außenpolitik auf das internationale Völkerrecht beruft und auf dessen Einhaltung drängt, der ist für Broder „faul, feige und passiv-aggressiv“.

Das Verlagshaus Springer bietet dem 64-jährigen Islamkritiker (Broder in seinem 2006 erschienenen Buch Hurra, wir kapitulieren!: 1,5 Milliarden Moslems in aller Welt, die chronisch zum Beleidigtsein und unvorhersehbaren Reaktionen neigen.“) eine Plattform zur Verbreitung einer Haltung, die als Kriegspropaganda verstanden werden könnte und setzt damit eine selbstgeschaffene Tradition fort.

Axel Springer selber hat 1967 vier weltanschauliche Grundsätze formuliert, die bis heute für jeden Mitarbeiter des Verlagskonzerns bindend sind. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 wurde ein fünfter Grundsatz hinzugefügt. Dieser lautet:

„Das unbedingte Eintreten für die Unterstützung des transatlantischen Bündnisses und die Solidarität in der freiheitlichen Wertegemeinschaft mit den Vereinigten Staaten von Amerika.“

In diesem Sinne ist Henryk M. Broder wohl ein guter Springer-Mitarbeiter.

via Jacob Jung Blog (bebilderte Version)

14:27 10.05.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Jacob Jung

Außenpolitik, Atompolitik, Arbeitspolitik und Sozialpolitik: Beiträge zur Zeitgeschichte.
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