Jacob Jung
24.08.2011 | 15:18 3

Mittwochs beim Freitag – Presseschau (1.16): Revolution in Berlin

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Jacob Jung

http://jacobjung.files.wordpress.com/2011/08/jung_freitag_presseschau1_16.jpg?w=300&h=20024.08.2011 – Seit dem vergangenen Samstag hat sich der Alexanderplatz in Berlin verändert. Hier campiert eine noch kleine Gruppe empörter Menschen nach dem Vorbild der Bewegung des „Arabischen Frühlings“ und der Proteste in Spanien und Griechenland. Bislang ist es nur eine Handvoll von Aktivisten, die ihre Zelte in Berlin aufgeschlagen haben. Und doch könnte es sich hierbei um den Beginn einer breiteren Bewegung handeln. Gründe für demokratischen Widerstand gibt es in Deutschland schließlich genug.

Wie nicht anders zu erwarten, sucht man in den etablierten Medien vergeblich nach Hinweisen und Berichten über das Protestcamp auf dem Alexanderplatz.

Diese Presseschau beschäftigt sich von daher mit der alternativen Berichterstattung und gibt einen Überblick über die Artikel bei acampadaberlin, attac.de, nicsbloghaus.org, indymedia.org und muskelkater.wordpress.com.

Aus dem Jacob Jung Blog

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Thema: aCAMPadaBerlin – Erreicht die Revolution jetzt auch Deutschland?

Der Alexanderplatz in Berlin ist einer der meistbesuchten Plätze der deutschen Bundeshauptstadt. Seit dem vergangenen Samstag ist hier nach dem Vorbild der „Empörten“ auf der Puerta del Sol in Madrid ein Protest-Camp entstanden. Mehrere Dutzend Menschen haben hier ihre Zelte aufgeschlagen und ihre Transparente befestigt. Gemeinsam wird diskutiert und Musik gemacht. Es werden Reden gehalten und Dialoge mit vorübergehenden Passanten gestartet.

http://jacobjung.files.wordpress.com/2011/06/echte_demokratie_jetzt_jung.jpg?w=160&h=228Obwohl eine mehrtätige Genehmigung der Aktion durch das Bezirksamt vorliegt, bemüht sich die Polizei vor Ort darum, die entstehende Bewegung einzudämmen. So wurde das erste Zeltlager am Montag bereits geräumt. Außerdem hindern die Einsatzkräfte die Aktivisten daran, ihre Transparente aufzuhängen und auf dem Alexanderplatz zu schlafen.

Als Reaktion hierauf hat das Netzwerk Attac die Berliner Behörden aufgefordert, die Versammlung und das Protestcamp auf dem Alexanderplatz nicht weiter zu behindern und seine Schikanen einzustellen.

Wenngleich das Protestcamp aufgrund der noch geringen Zahl an aktiven Teilnehmern bislang eher symbolischen Charakter hat, könnte die Aktion den Zeitpunkt markieren, zu dem die wachsende Bewegung auch Deutschland erreicht.

Die Facebook-Seite des deutschen Ablegers von „Echte Demokratie Jetzt!“ zählt mittlerweile mehr als 9.000 Anhänger und der Facebook-Gruppe „Echte Demokratie-JETZT! aCAMPada Berlin „Empört euch!“ gehören bereits mehr als 1.100 Mitglieder an.

Immer mehr unabhängige Informationsdienste und politische Blogs im Internet beschäftigen sich mit den aufkeimenden Protesten, während die etablierten Medien es bislang konsequent vermeiden, sich mit der Bewegung zu beschäftigen.

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aCAMPadaBerlin: Vom AlexanderPlatz an die ganze Welt

http://jacobjung.files.wordpress.com/2011/08/jung-acampadaberlin.png?w=150&h=30Die Internetseite von aCAMPadaBerlin ist das offizielle Sprachrohr der Bewegung. Hier werden Links, Bilder und Videos zum Berliner Protestcamp veröffentlicht und Berichte über die aktuelle Entwicklung auf dem Alexanderplatz eingestellt.

Heute heißt es auf der Plattform:

Wir demonstrieren vor allem um unseren Unmut über ein gescheitertes Gesellschaftssystem zum Ausdruck zu bringen, das künstlich am Leben erhalten wird und dabei Tag für Tag für mehr Armut, mehr Krieg, mehr Ungerechtigkeit und mehr Ausbeutung auf der Welt führt.

Wir verstehen dies auch als ein wichtiges Zeichen an unsere europäischen Nachbarn. Überall regt sich Unmut, überall zeigen die Menschen, dass sie mit dem bestehenden System nicht mehr einverstanden sind – und Deutschland schweigt weitestgehend. Dies kann im schlimmsten Fall die Bevölkerungen Europas nachhaltig spalten. Also rufen wir dazu auf:

Packt eure Zelte ein und kommt zum Alex! Lasst uns gemeinsam Musik machen, diskutieren, Straßenkunst darbieten, streiten, Spaß haben und kreativ sein! Gleich welcher Partei, Organisation oder Gruppe man sich sonst zugehörig fühlt.

[Quelle aCAMPadaBerlin]

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Attac: aCAMPada auf dem Berliner Alexanderplatz – Demokratische Zone auf wenige Quadratmeter beschränkt

http://jacobjung.files.wordpress.com/2011/08/jung-attac.png?w=150&h=41Für das globalisierungskritische Netzwerk Attac äußert sich am 22. August Stephan Lindner als Mitglied des Koordinationskreises der Organisation im Weblog von Attac:

Seit Samstag gibt es auch in Berlin eine aCAMPada nach Vorbild der spanischen Demokratiebewegung. AktivistInnen der auch in Deutschland immer mehr Zuspruch findenden Bewegung halten seitdem einen Teil des Alexanderplatzes besetzt. Ich war heute dort, um herauszufinden, wie Attac sie am besten unterstützen kann.

Die Antwort fiel den AktivistInnen nicht schwer: Wir müssen mehr werden, kommt zu uns auf den Platz! Von Anbeginn sieht sich die aCAMPada einer Fülle von Schikanen durch die Staatsmacht ausgesetzt, obwohl es anscheinend in der Zwischenzeit sogar eine mehrtägige Genehmigung des Bezirksamtes gibt. Die Staatsmacht vor Ort legt diese aber äußerst eng aus und ist z.B. der Meinung, dass man damit nicht einmal Transparente aufhängen, geschweige denn Zelte aufbauen darf. Echte Demokratie in Berlin? Wenn überhaupt, dann nur auf maximal 2 Quadratmetern und gut bewacht von mindestens einem Dutzend Polizisten.

[Quelle attac.de]

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nicsbloghaus: Wo, wenn nicht hier: auf dem Alex?

http://jacobjung.files.wordpress.com/2011/08/jung-nicsbloghaus.png?w=150&h=32Das Blog ruft zur Unterstützung der Camper auf dem Alexanderplatz auf, beschreibt die Gespräche und Diskussionen, die dort stattfinden und veröffentlicht Fotos vom Camp und seinen Teilnehmern:

Eine Diskussion, sitzend im Kreis, über Wirtschaft: was ist Geld, Spekulation, wer hat sich das mit dem Wirtschaftswachstum ausgedacht? – ein Mann, der das Bilanzierungssystem ändern möchte, damit Manager nicht mehr dazu gezwungen werden, unmenschliche Konzernpolitik zu betreiben – ein Plenum, um herauszufinden, wie weit man sich von der Polizei schikanieren lassen muss und wann man seine Angst überwinden sollte “Wir spielen nicht, die spielen mit uns!” – Der Polizist der sagt: “Was ich tue, hängt davon ab, ob ich gute Laune habe oder schlechte.” – Das Ringen um die Kultur der Basisdemokratie, die Formen: sprechen, wenn der Moderator das Wort erteilt, aussprechen lassen, Handzeichen, um Missvergnügen, Zustimmung oder Langeweile auszudrücken, reden bis der Konsens gefunden wurde, gibt es keinen: abwarten, weiterreden – die Frau, die immer wieder ihren Platz wechselt, damit sie häufiger zu Wort kommt – Der junge Mann, der sich beleidigt fühlt und sagt: “vielleicht habe ich nicht die richtige Form gewählt, um Dir meine Gedanken verständlich zu machen” – der Parteiangehörige, der wieder gehen will, wenn er nicht sein Logo zeigen darf – der Weißbärtige in Mönchskutte, der einen Streit zu schlichten versucht – die Jugendlichen, die seit Jahren am Alex für das Leben ihrer Subkultur kämpfen und durch das Polizeiaufgebot verängstigt sind – der Junge, der ihnen sagt: Meine Welt hat keine Grenzen, hat Deine welche?

[Quelle nicsbloghaus.org]

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Indymedia: aCAMPada-Camp auf dem Alexanderplatz

http://jacobjung.files.wordpress.com/2011/08/jung-indymedia.png?w=71&h=50Indymedia ruft zur Teilnahme am Camp auf und kritisiert die verhaltende Teilnahmebereitschaft der „alternativen Szene“ und der „normalen Bürger“:

Leider mangelt es noch immer an Leuten die bereit sind ein oder mehrere Nächte an dem Camp teilzunehmen.
Aber wahrscheinlich ist es wichtiger sich in irgendeiner „Szenekneipe“ oder dem „Dorfplatz“ zu betrinken aber vielleicht werden ja auch tiefpolitische Debatten in heimischen Räumen geführt wie denn die Welt zu verbessern sei.

Das aCAMPada-Camp ist offen für Vorschläge zu Redebeiträgen, zu Flyern und Aufrufen, für Diskussionen und Ideen.
Unbedingt gebraucht werden Decken, Zelte/Planen, Schnüre, Tape, ganz wichtig Essen und Getränke und am wichtigsten: MENSCHEN!

Also: Rafft euch auf! Kommt aus eurem Alltagstrott heraus, geht mal einen Abend nicht in die „Stammkneipe“ oder dem „Dorfplatz“ wenn ihr nichts zu tun habt sondern kommt zum Alex und bringt euch ein!

[Quelle Indymedia]

http://jacobjung.files.wordpress.com/2011/05/spacer1.gif?w=180&h=15Muskelkater: Wird in Berlin die „echte Demokratie“ jetzt demontiert ?

http://jacobjung.files.wordpress.com/2011/08/jung-muskelkater.png?w=150&h=33Für das Blog „Muskelkater“ gibt Andreas Klamm-Sabaot einen Abriss der bisherigen Ereignisse auf dem Alexanderplatz und beleuchtet dabei vor allem die Rolle von Polizei und Sicherheitskräften:

Vor wenigen Stunden, es sind knapp 30 Stunden vergangen, wurde noch freudig von den Demokratie-Bewegungen “Echte Demokratie Jetzt !” und aCAMPada Berlin verkündet, dass die ersten Demokratie-Camps, das meint Zelte und Info-Stände für Demokratie, soziale Gerechtigkeit und Menschenrechte, auf dem Alexanderplatz in Berlin entstanden sind. Mehrere Gruppen riefen die Menschen dazu auf, mit Zelten nach Berlin zu reisen und in Versammlungen über direkte Basis-Demokratie und zu Themen für eine “Echte Demokratie Jetzt” in Deutschland zu diskutieren. Doch nach dem Willen der Polizei und Sicherheitsbehörden in Berlin soll damit jetzt schon, wieder ganz zu Beginn der jungen Entwicklung für direkte Demokratie, Schluss sein. Die Polizei habe die Demontage der Zelte für Demokratie gefordert und schlafen dürfe auf dem Alexanderplatz in Berlin auch keiner der Demonstrations-Teilnehmer und Teilnehmerinnen, wird in den Micro-Nachrichten-Diensten Twitter und im Social-Media Dienst Facebook gemeldet.

[Quelle Muskelkater Blog]

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Links (bitte per Kommentarfunktion im Jacob Jung Blog erweitern):

Twitter: twitter.com/#!/acampadaberlin

Twitter: twitter.com/#!/acampadabln

15MBerlin: democraciarealyaberlin.com/

aCAMPadaBerlin: acampadaberlin.blogspot.com/

Piratenpad: acampadaberlin.piratenpad.de/alex2011

Facebook: www.facebook.com/groups/aCAMPada/?ref=ts

Piratenpartei: flaschenpost.piratenpartei.de/2011/08/24/berliner-aktivisten-halten-trotz-schikane-weiterhin-die-stellung-fur-echte-demokratie-jetzt/

Jacob Jung Blog 08/2011

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (3)

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Ehemaliger Nutzer 24.08.2011 | 21:04

Ja, endlich! Wir, die Bonnerwutbürger solidarisieren sich mit Euch, ihr Helden vom Alexanderplatz! Verlagert endlich die Bundesregierung und die Ministerien zurück nach Bonn. Der demokratischen Vernunft eine Chance, Demokratie jetzt in Bonn und sonst nirgendwo! Die Bonner Republik, sie lebe hoch, nieder mit märkischem Eigensinn und Milliardenverschwendung! Der preußische Krampf muss endlich eine Ende haben. Berlin den Berlinern, die Republik den Bonnern.

claudia 25.08.2011 | 10:33

>>Obwohl eine mehrtätige Genehmigung der Aktion durch das Bezirksamt vorliegt, bemüht sich die Polizei vor Ort darum, die entstehende Bewegung einzudämmen.
Eben.
>>Wir müssen mehr werden, kommt zu uns auf den Platz!
Wenn es wirklich mehr werden, dann wird keine Genehmigung mehr erteilt oder nur noch für eine abgelegene, räumlich engere Ecke.

Deswegen wäre ich auch vorsichtig mit der Inflationierung des Begriffes „Revolution“: Revolution bedeutet „Umdrehung“/„Umwälzung“. Im politischen Sinne ist damit damit eine Umwälzung der Machtverhältnisse gemeint. Im "linken" Sinne eine Machtänderung von der Macht der Minderheit zur Macht der Mehrheit.
Die ist bekanntlich verboten und nur möglich, wenn die Unterordnung unter die Herrschaft nicht mehr länger als "erste Bürgerpflicht" gesehen wird.

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Zum Indymedia-Text:
>>Leider mangelt es noch immer an Leuten die bereit sind ein oder mehrere Nächte an dem Camp teilzunehmen.
Das ist in anderen Städten auch so.
Wenn man bedenkt, wieviele Menschen in München tatsächlich an der strukturellen Gewalt des Machtsystems leiden, dass ist die Beteiligung an der münchner Montagsdemo doch ziemlich schwach.
>>Aber wahrscheinlich ist es wichtiger sich in irgendeiner „Szenekneipe“ oder dem „Dorfplatz“ zu betrinken
Dieser Spekulation kann ich mich nicht anschliessen: Ich kenne viele Menschen, die an ihrer Depression laborieren und deswegen den Arsch nicht hochkriegen. Das ist nach meiner Einschätzung ein wesentlicher Grund dafür, dass Kundgebungen/Demonstrationen recht kraftlos bleiben und keinen revolutionären Elan entwickeln.

Auf viel Beteiligung von „Szene-Hipsters“ würde ich lieber nicht hoffen: Eine revolutionäre Bewegung zum „Szene-Event“ umzufunktionieren und zu kommerzialisieren wäre ihr Ende.
Dazu gibt es jede Menge Erfahrung.