Ein gefährliches Spiel

Auslandseinsatz Die Bundesregierung möchte endlich wieder Krieg spielen. Ob das im Hinblick auf die Brisanz der vor unserer Haustür geführten Konflikte wirklich klug ist?
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Ein gefährliches Spiel
Foto: Sean Gallup/AFP/Getty Images

Voller Erhabenheit wird heutzutage von ganz oben dazu gedrängt, dass Deutschland wieder marschieren möge. Unter dem heiligen Banner der Menschenrechte und der Demokratie sollten junge Menschen und schicke, ferngesteuerte Drohnen die Interessen ihrer Republik stärker im Auslandseinsatz verteidigen, wenn es nach der Bundesregierung ginge.

Zumindest sollte man die Fortsetzung der Politik mit kriegerischen Mitteln „nicht von vornherein verwerfen“. Da Deutschland doch aufgrund seiner wirtschaftlichen Stärke und moralischen Überlegenheit eine gewisse Verantwortung in der Welt zu tragen habe, findet unser frommer Bundespräsident und bedauert, dass die hedonistische Jugend von heute nicht genauso erpicht darauf ist für ihr Land zu kämpfen und gegebenenfalls heldenhaft zu sterben wie einst. Typisch Gauck, erhebt der selbstgerechte Pastor seine Stimme erst, wenn er sich sicher genug vor ernsthaften Konsequenzen wähnt. Und tatsächlich, trifft seine chiffrierte Aussage heute auf deutlich mehr Zuspruch und Verteidigung von fast allen Seiten, als seinerzeit Köhlers sehr ähnliche, wenn auch einfältig formulierte, Befürwortung von Militäreinsätzen zur Sicherung von Handelswegen und Stabilisierung von Regionen zum Wohle der deutschen Exportwirtschaft.

Tatsächlich schließt derzeit nur eine winzige, oppositionelle Minderheit Auslandseinsätze von vornherein aus. Sonst wären heute wohl kaum rund 4500 Soldaten der Bundeswehr in Afghanistan, Darfur, der Demokratischen Republik Kongo, dem Golf von Aden, dem Horn von Afrika, Kambodscha, Kosovo, dem Libanon, Mali, dem Mittelmeerraum, Senegal, dem Sudan, dem Südsudan, der Türkei, Uganda, Usbekistan, der Westsahara und der Zentralafrikanischen Republik stationiert.

Einem Joachim Gauck, Frank-Walter Steinmeier, oder einer Ursula von der Leyen reicht das anscheinend noch bei weitem nicht. Wer sich diesem Konsens widersetzt, wird als naiver Pazifist diffamiert. Die eigene Blauäugigkeit, beziehungsweise der Zynismus, dieses kriegstreiberischen Dogmas, welches meint, dass durch härteres Vorgehen, größere Gewalt und mehr Waffen; nachhaltiger Frieden (auch abseits des Friedhofs) erzwungen werden kann, wird gern vergessen. Gewalt schürt Hass und provoziert Vergeltung. Es entsteht ein blutiger Teufelskreis und keiner will derjenige sein, der den Anfang machte, welcher letzten Endes zum Atomkrieg und der totalen Zerstörung führte. Die bisherige Bilanz der deutschen Auslandseinsätze ist ernüchternd und nichts lässt darauf schließen, dass sie sich bessern würde, sobald Deutschland die Sache, ähnlich wie Vorbild USA, weniger zimperlich anpacken würde.

Was stand nochmal am Anfang? Wem nützen Feldzüge? Bestimmt nicht den Menschen und ihren Rechten. Papst Franziskus kennt die Antwort. In einem Interview mit der spanischen Zeitung La Vanguardia vom 13.06.2014 erklärt er: „Ich glaube, wir sind in einem Weltwirtschaftssystem, das nicht gut ist, da es nicht den Menschen in die Mitte stellt. Wir haben das Geld in den Mittelpunkt gestellt, den Geldgott. Wir sind in den Götzendienst des Geldes verfallen[...]. Wir schließen eine ganze Generation aus, um ein Wirtschaftssystem aufrecht zu erhalten, das nicht mehr zu ertragen ist. Es ist ein System, das Krieg führen muss, um zu überleben. So wie es große Imperien immer schon gemacht haben. Aber weil man keinen Dritten Weltkrieg führen kann, führt man eben regionale Kriege. Und was bedeutet das? Dass Waffen produziert und verkauft werden, und Menschen auf dem Altar des Geldes geopfert werden um die großen Götzenwirtschaften dieser Welt wieder in Gleichgewicht zu bringen.“ Hoffentlich behält der Papst auch mit seiner Meinung zur Unmöglichkeit eines 3. Weltkriegs recht.

Blicken wir zum Abschluss doch mal auf die Ukraine: Was einst wie ein märchenhafter, gerechter Kampf der empörten Ukrainer, auf dem Maidanplatz in Kiew und anderswo, gegen ihren despotischen, korrupten Herrscher und seine, von Mütterchen Russland gebilligte, Verweigerung der Unterzeichnung des Assoziierungsabkommens mit der gelobten Europäischen Union begann, ist mit der Zeit immer unübersichtlicher geworden. Neonazis haben sich unter die protestierenden Bürger gemischt. Wilde Mobs haben Polizisten verprügelt. Ungeklärte Schüsse sind gefallen und haben Menschen ermordet. Der Despot ist geflohen. Neonazis haben sich unter die Übergangsregierung gemischt. Die Rechte der ethnischen Russen wurden beschnitten. Im Zuge der allgemeinen Unruhen ist die Krim zunächst unabhängig geworden und hat sich wenig später im Eilverfahren Russland angeschlossen. Russland wurde aus der G8 geworfen und sanktioniert. Die Separatisten in Donetzk und Lukhansk hatten mangels strategischer Interessen Russlands weniger Erfolg mit ihrem Referendum. Menschen wurden in Odessa bei lebendigem Leibe von Anhängern des rechten Sektors in einem verbarrikadierten Gewerkschaftshaus verbrannt. OSZE Beobachter und Journalisten wurden mehrmals von den Separatisten gefangen genommen und wieder freigelassen. Trotz Bürgermeister Klitschkos einstiger Räumungsaufforderung, stehen die Zelte und Barrikaden auf dem Maidan auch noch heute. Die Hoffnung auf Ruhe und Frieden nach der Wahl des Schokolade und Waffen produzierenden Oligarchen Petro Poroschenko hat sich nicht bestätigt: Mit Terroristen wird nicht geredet. Präsident Poroschenko wollte kurzen Prozess mit den Abtrünnigen machen und hat die Truppen verstärkt. Der Osten des Landes ist im tiefen Bürgerkrieg versunken. Menschen sind gestorben, haben ihr Zuhause verloren und mussten fliehen. Ganze Siedlungen liegen in Schutt und Asche. Zwei russische Reporter, ein italienischer Journalist und sein Übersetzer sind bei Mörserangriffen der Ukrainischen Armee getötet worden. Russland hat die Gaslieferungen an die Ukraine, nachdem sie ihre Schulden nicht begleichen hat, eingestellt. In der Zentralukraine explodierte eine Pipeline. Böse Zungen behaupten, dass im Osten des Landes in Wirklichkeit ein erbitterter Kampf um die Kontrolle von riesigen Schiefergasvorkommen geführt wird. Ohne Rücksicht auf Verluste, ja sogar mit gebilligtem Kollateralschaden an Mensch und Natur.

Hier wird klar: der Einsatz von Waffen hat nicht zur Deeskalation der Lage beigetragen. Und selbst einer unfehlbaren moralischen Instanz sollte es inzwischen schwer fallen sich ohne wenn und aber auf eine Seite zu stellen. Viel weniger noch die eine oder andere Seite mit Waffen und Einheiten zu unterstützen.

So verhält es sich mit den meisten Konflikten auf dieser Erde. Und auch ein Blauhelmfan wie Frau von der Leyen sei an dieser Stelle daran erinnert, dass das Massaker von Srebrenica trotz der Präsenz der UN-Soldaten stattgefunden hat. Hass und Elend lässt sich nicht durch Waffen beseitigen. Die Wurzel des Übels lässt sich nicht mit Gewalt ausmerzen.

Moralisch überlegende wissen das und werfen nicht so verantwortungslos mit martialischer Rhetorik um sich.

16:41 22.06.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Arina

Mit Weitsicht und Migrationserfahrung, noch tief in ihren Lehr- und Wanderjahren.
Arina

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