Fliegengeschichten

Kehrseite II Soso ...

Soso

"Du hast mit deinem kleinen Zeigefingerchen in der Gegend rumgezeigt und immer Soso gesagt, wenn eine Fliege im Raum war." "Wie alt war ich denn da?" "Eigentlich schon ein bisschen zu alt für diese Spielchen, vielleicht drei oder vier. Und mit Soso hast du die Fliege gemeint, die im Raum rumschwirrte." "Und für welche Spielchen war ich zu alt?" "Du hast Soso zum Haustier erklärt und bist immer hinterher, um es zu fangen und zu streicheln. Hast es natürlich nie gekriegt." "Muss ja frustrierend gewesen sein." "Dafür hast du dich immer gefreut, wenn wir irgendwo waren, wo eine Fliege rumflog." "Wieso?" "Weil dein Haustier immer schon da war, bevor du hingekommen warst. Egal wohin du kamst, Soso hat schon auf dich gewartet. Nur streicheln lassen wollte es sich nicht." "Stimmt." "Und ich erinnere mich noch an deinen Aufschrei nach jedem Winter: Soso ist wieder da!!"


Kneipe

Der Sommer war vorbei, als sich in meiner Lieblingskneipe eine Fliege auf die Papierrosette meines frisch gezapften Biers setzte. Sie saß am Randes des feuchten Flecks, in den, wie in Zeitlupe, die Reste des Schaums sickerten, spreizte bisweilen ein Bein und ließ sich nicht weiter stören. Selbst als ich das Bierglas griff, um einen weiteren Schluck zu nehmen, blieb sie immer noch sitzen und saß an derselben Stelle, nachdem ich das Glas wieder abgestellt hatte. Vorsichtig berührte ich die Fliege. Sie ließ es sich gefallen. Ich verstand. Die Fliege und ich, wir tranken hier unser Bier. Die Fliege und ich, wir konnten hier nicht weg. Als ich das Bier ausgetrunken hatte, winkte ich die neue Bedienung heran. Mit spitzfindigem Gesicht beugte sie sich über den Tisch, um das Glas abzuräumen. Ich musste ihr in den Ausschnitt sehen. "Halt", rief ich, "hier unten auf dem Bierglas sitzt eine besoffene Fliege, die sich nicht mehr bewegen kann." Die Bedienung ließ sich in aller Vorsicht das Glas aushändigen. Dann nahm sie die Fliege zwischen die Finger und zerrieb sie.


Trennung

Der Abend, an dem wir uns getrennt haben. Die Worte waren gesprochen. Und verklungen. In den Köpfen hallten sie nach. Stille. Plötzlich sagtest du: "Siehst du die Fliege, die dort an der Wand sitzt?" Ich nickte. "Sie ist tot." "Tot?" "Ja, tot. An der Wand gestorben. Es sieht aus, als ob sie ganz normal dort sitzt, wenn man genau hinsieht, kann man sogar die Schatten erkennen, die ihre Beine neben sie werfen. Irgendwie scheinen Fliegen einfach an der Wand zu kleben. Und diese hier ist dann eben gestorben." "Ist sie denn nun schon lange da?" "Vier Monate." Stille.

Als ich ihn das nächste Mal besuchte, hatte er einen kleinen roten Pfeil neben sie gemalt.

Arne Rautenberg lebt als freier Autor in Kiel; zuletzt erschien: Der Sperrmüllkönig bei Hoffmann und Campe.


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