Pilz in Milch

Kehrseite III Wo einer stand, standen viele. Meist waren sie in einem Kreis und wer sie so stehen sah, kam seinem Drang nach, in ihre Mitte zu treten. ...

Wo einer stand, standen viele. Meist waren sie in einem Kreis und wer sie so stehen sah, kam seinem Drang nach, in ihre Mitte zu treten.

Der Tag war jung, die Männer aus dem Haus, die Nebelbänke des Nadelwaldes dabei, sich zu lichten. Bald würde die Sonne über die Wipfel gehen. Mit einer Hand hielt sie den Korb, mit der anderen schnitt sie alle ab. Sie war sehr geschickt und als sie gegangen war, leuchtete nicht ein roter Hut mehr auf der Lichtung.

Daheim schnitt sie die Pilze in Scheiben, erwärmte Milch, goss sie großzügig in einen Suppenteller und gab die Pilzstücke bei. Während die sanft auskühlende Milch den Pilzen die Wirk- und Aromastoffe entzog, trug sie Kartoffeln und sah dabei immer wieder auf den Teller. Als sie die Tische wischte, drängte es sie immer wieder hinzusehen. Sie wandte eigens noch einmal den Kopf, als sie den Müll rausbrachte: Ein Fliege saß sich auf den Tellerrand. Mit dem saugenden Mundwerkzeug sog sie Milch an. Gierig sog sie an der Milch!

Vor allem unter der Huthaut enthält der Fliegenpilz Ibotensäure, eine Aminosäure mit toxischen Eigenschaften. Außerdem den halluzinogenen Wirkstoff Muscimol. Das Insektengehirn verarbeitet die Informationen von Augen und Antennen nicht mehr korrekt. Das Strickleiternervensystem versagt die Koordinierung der Flügelbewegungen. Mitten im Flugvorgang kommt es zu völligem Kontrollverlust.

Eine Flugbahn wurde bedeutungslos, ein rasantes Schlingern zum Absturz. Unter all den seltsamen Pirouetten und Loopings gewann der Boden immer. An diesem Vormittag hätte sie mühelos vier Dutzend Fliegen totschlagen können. Wenn genug beisammen waren, sammelte sie die erstarrten Körper in die hohle Hand und legte sie auf die Bank vors Küchenfenster. Es dauerte eine kleine Weile, bis die Lebensgeister in die Fliegenkörper zurückkehrten. Dann standen sie wieder auf ihren Beinen, putzen sich und wenn man gerade nicht hinsah, zogen sie in den Himmel davon.

Manchmal, bevor die Milch ins Saure kippte, roch sie am Teller. Sie stand da und überlegte, welches Aroma es ihr leicht machen würde.

Arne Rautenberg, geb. 1967 in Kiel, lebt dort als freier Autor, Künstler und Kulturjournalist.


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