Arte
21.01.2012 | 13:05 17

Lebt wohl, Genossen! - Folge 1

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Arte


1975 lebte fast die Hälfte der Weltbevölkerung im Macht- und Einflussbereich der Sowjetunion. Nur 16 Jahre später, am 25. Dezember 1991, gab Michael Gorbatschow sein Amt als Präsident der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, kurz UdSSR, auf und besiegelte damit das Ende des Sowjetimperiums. Symbolisch wurde am Abend die Flagge der Sowjetunion mit Hammer und Sichel im Moskauer Kreml eingeholt und durch die weiß-blau-rote Flagge Russlands ersetzt. Der Sozialismus sowjetischer Prägung war Geschichte.

Anlässlich des 20. Jahrestages des Zusammenbruchs der UdSSR schildert das Crossmedia-Projekt Lebt wohl, Genossen! die Geschichte des schleichenden Zerfalls dieses Imperiums auf verschiedenen Plattformen: in einer sechsteiligen TV-Reihe, auf einer eigenen Website und in einem Buch, das in vielen Ländern erscheinen wird.

Dabei erstellt das Projekt keine geopolitische Chronik der Ereignisse, die von außen berichtet werden, sondern stellt vielmehr die Erfahrungen der Menschen aus den osteuropäischen Ländern in den Mittelpunkt und erzählt die Geschichte aus der Sicht der Menschen, die sie erlebten. Ausschnitte aus sowjetischen Filmen, Bilder aus Nachrichtensendungen, regimekritische Lieder und private Archivfotos untermalen ihre Berichte und lassen den Zuschauer so erahnen, wie es sich in diesem sowjetischen Großreich gelebt hat und wie die Risse entstanden, die letztlich zum Zusammenbruch des Systems führten.

Sendetermine der TV-Serie:
Dienstags, 24. und 31. Januar und 7. Februar, jeweils zwei Folgen ab ca. 22.00 Uhr.

In Kooperation von Arte und der Freitag kann hier im Blog bereits vor dem offiziellen Sendetermin die erste Folge von Lebt wohl, Genossen! angeschaut werden:

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (17)

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Ehemaliger Nutzer 22.01.2012 | 00:45

Wladimir Wysotskij im letzten Teil des Filmes. Die Ausschnitte aus seinen Bühnenauftritten in Taganka-Theater. Da sie ohne Übersetzung liefen, hier eine kleine Erklärung: In einem der Ausschnitten trug er der Monolog von Hamlet vor ("To be or not to be"). Im anderen Ausschnitt sang er das von ihm vertonte Gedicht aus dem Roman von Boris Pasternak "Doktor Schiwago". Dieses Gedicht heißt Hamlet und wurde gleichzeitig aus der Perspektive von Hamlet und aus der Perspektive von Schauspieler, der den Hamlet auf der Bühne verkörpert, geschrieben... d.h. diese zwei "Ich" gehen ineinander über. Hier ist die deutsche Übersetzung (nicht gerade sehr gelungene, aber bessere kenne ich nicht):

Der Lärm verebbt. Ich trete auf die Bühne.
Und gelehnt ans Pfostenholz der Tür,
Erlausche ich im Nachhall ferner Töne,
Was im Leben noch geschieht mit mir.

Durchs Visier von Tausend Operngläser
Starrt auf mich des Raumes Dunkelheit.
Abba, Vater, wenn es möglich wäre,
Lenke diesen Kelch an mir vorbei.

Zwar liebe ich Dein eigensinnig planen
Und bin, meinen Part zu spielen, gewillt.
Dieses aber ist ein andres Drama,
Diesmal, bitte, schon Dein Ebenbild.

Fest gewickelt ist die Handlungsspule,
Und die Tore sind aufs End gestellt.
Ich bin allein: im Pharisäerrudel.
Leben ist kein Gang durch freies Feld.

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Ehemaliger Nutzer 22.01.2012 | 16:15

Solche Aussagen muss man aber belegen, Gustlik... einfach so mal drauf hauen (Uni wechseln, Archive wechseln) ist wenig aussagekräftig. Was genau hat Dich gestört, was war sachlich falsch? Mich hat die Tochter auch gestört, aber eben auf rein emotionaler Ebene. Sie hat die Position der Richterin übernommen und hat versucht, die Sachen zu urteilen, die sie auf Gefühlsebene gar nicht nachvollziehen kann... diese Gefühlsebene ist aber nicht nur so etwas Unwichtiges, sondern sie extrem wichtig, weil viele Sachen gerade dadurch bestimmt wurden und nicht durch Verhältnis von Produktionsmittel und Arbeitskräften. Nur, gerade das wird (von der Tochter) nicht begriffen. Vielleicht weil einige Sachen einfach zu kurz kommen. So zum Beispiel wird da im Film ein Bild von Alexander Solschenitsyn gezeigt, wo er seine kleine Kinder umarmt und gleichzeitig wird seine Aussage zitiert, dass er das Leben seinen Kinder für die Idee hergeben würde. Dabei entsteht so ein ziemlich unmenschliches und abstoßendes Eindruck... und die Tochter (zusammen mit den Zuschauern) verurteilt gleich. Das ist aber so ein Quatsch (und auch eine der Schwachstellen in diesem Film). Es ist schon einige Jahren her, dass ich Solschnitsyn gelesen habe, aber ich erinnere mich sehr präzis, in welchen Zusammenhängen und in Bezug auf welche Umstände er das geschrieben hat. Diese Zusammnehänge und Umstände sollten eben erläutert werden, um seinen Gedanken begreifen zu können... aber, andererseits, wäre es im Film gar nicht möglich, denn es lässt sich nicht ein paar Worten packen, die Sache ist extrem schwierig. Im Grunde genommen kann man seine Aussage nur dann begreifen, wenn man nicht nur Archipel GULAG, sondern mindestens 3-5 Büchern von ihm gelesen hat, und zwar von erster Seite bis zur letzten. Ich habe damals begriffen, was er sagen wollte. Und ich habe ihn für seine Äußerung respektiert... obwohl (oder gerade deswegen) dass ich meine Tochter absolut hysterisch liebe und allein bei dem kurzen Gedanken, dass ihr etwas Schlimmes passieren könnte, eine unerträgliche Angst empfinde. Solschenitsyn hat seine Kinder aber auch geliebt.

AlfZitt 22.01.2012 | 21:03

Der Film ist antikommunistisch, basta!! Ganz schlimm!

Der Staatsideologie wird das Dissidententum entgegengestellt, anstatt die Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten. Der Realsozialismus war nicht nur auf materieller Basis ein Segen für Ost und West, sondern hat das geistige und kulturelle Leben maßgeblich direkt und indirekt gefördert. Direkt, indem einfach jedem Bürger Bildung und Kultur offenstanden. Indirekt weil das Dissidententum die Ideologie schlechthin verkörpert hat: es bestanden ganz offensichtliche Widersprüche zwischen sozialistisch-freiheitlichem Anspruch und bürokratischer Wirklichkeit, der Imperativ "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" trifft es genau. Die Dissidenten verweigerten sich politischem Pragmatismus und warben für einen bedingungslosen Sozialismus (z.B. à la Ernst Bloch).

Deshalb ist der Film mit Ausnahme einiger interessanter Zeitzeugenberichte einfach nur zum Kotzen! Gerade Arte und Der Freitag sollten sich nicht damit herausreden, man habe nur ein unvollständiges Bild von Zeitzeugenberichten wiedergeben wollen - das stimmt ja wohl überhaupt nicht, gerade mit Blick auf die Tochter! Und selbst wenn - Kunst hat ganz klar eine Aufgabe: Enthüllung (nicht im populistischen, sondern im epistomologischen Sinne) und muss eine wichtige Trinität wahren: Das Gute-Das Schöne-Das Wahre; postmoderne Rebellion gegen den angeblichen Konservatismus ist eine scheinheilige Lüge!
An der Stelle Horkheimer:

"Je mehr diese künstlichen Renaissancen bestrebt sind, den Buchstaben der ursprünglichen Lehren unverletzt zu erhalten, desto mehr verzerren sie den ursprünglichen Sinn; denn die Wahrheit kommt zustande in einer Entwicklung von Ideen, die sich ändern und einander widerstreiten. Der Gedanke bleibt sich weitgehend dadurch treu, dass er bereit ist, sich zu widersprechen, wobei er - als immanente Wahrheitsmomente - die Erinnerung an die Prozesse bewahrt, denen er sich verdankt. Der Konservatismus der modernen philosophischen Wiederbelebungsversuche in Hinblick auf kulturelle Elemente ist eine Selbsttäuschung."

Die wahren Rebellen sind also Sokrates, Platon und Marx; aber auch viele der Dissidenten im Ostblock.

Was haben im Vergleich zur SU die USA auf künstlerischem Gebiet schon zustande gebracht?

Um Zizek sinngemäß zu rezitieren: "In China werden Filme, die Zeitreisen und gesellschaftspolitische Alternativen und Utopien zeigen, verboten: das ist ein gutes Zeichen für China, denn es zeigt an, dass die Menschen noch träumen. Hier im Westen braucht nichts verboten zu werden, denn niemand träumt ernsthaft." Explizites Redeverbot versus implizites Denkverbot.

AlfZitt 22.01.2012 | 22:58

Ich verorte Ideologie nicht geographisch. Im Gegenteil zu der von dir erwähnten Tatsache muss man ja mit Schrecken beobachten, was für Entwicklungen gerade der ehemalige Ostblock genommen hat: ein nationalliberales Polen und Tschechien, ein rechtskonservatives Ungarn, dass sich mit seiner Verfassungsreform zurecht rühmt, die bürgerliche "Revolution" von 1988-90 vollendet zu haben etc. etc.

Im Übrigen scheinst du mich nicht ganz verstanden zu haben, wenn du mir solch' eine primitive Logik unterstellst: der sowjetische Sozialismus ist in der Tat Geschichte. Was wir brauchen, ist ein revolutionärer Kommunismus, der sowohl mit Stolz auf das gescheiterte Projekt im 20. Jh. blickt, als auch deren Umsetzung radikal kritisiert.

theo74 22.01.2012 | 23:09

Eine der Ursachen der in der Tat erschreckenden Entwicklungen in großen Teilen des ehemaligen sozialistischen Lagers - allen voran Russlands - liegt ja gerade in den Defiziten und Spätfolgen des von Dir genannten gescheiterten Projektes: Autoritätshörigkeit und Konformismus. Die von Dir zitierte Blüte des geistigen Lebens - die übrigens in der von dir kritisierten Folge ausgiebig Raum erhalten - haben längst nicht die Mehrheit der Menschen erreicht und sind nach 1989/91 schnell verpufft bzw. von Konsum erstickt worden.

Ob wir revolutionären Kommunismus brauchen weiß ich nicht genau, aber ich finde genau, dass die erste Folge zumindestens mir etwas neues erzählt und durchaus dialektisch in Form des Vater-Tochter-Dialogs daher kommt - hat man ja nicht oft im deutschen Fernsehen. Ich war auf jeden Fall ehrlich berührt, intellektuell gefordert und freue mich auf die nächsten Folgen.

AlfZitt 22.01.2012 | 23:55

Aber leben wir heute nicht in einer viel konformeren und diktatorischeren Gesellschaft auf abstrakterem Niveau? derart, dass sich hinter fast jeder stärkeren "Opposition" das System neu in Pose stellt (Liberalismus vs. Rechtspopulismus usw.)?

"Die von Dir zitierte Blüte des geistigen Lebens - die übrigens in der von dir kritisierten Folge ausgiebig Raum erhalten - haben längst nicht die Mehrheit der Menschen erreicht und sind nach 1989/91 schnell verpufft bzw. von Konsum erstickt worden."

Man muss sogar anmerken, dass bereits in den 70er Jahren nicht nur auf kulturellem Gebiet eine Stagnation einsetzte, die vielerlei Ursachen hat (z.B. auch in der Ölkrise) und sich auch in anderen Ereignissen bereits früher ausdrückte ('53 in der DDR, '56 in Ungarn und der UdSSR [XX. Parteitag], '68 in der CSSR und dann nohmal '71 in der DDR: Honecker stürtzt Ulbricht): der Staat bezog sich auf den Sozialismus in immer dogmatischerer und weniger idealistischer Weise.

hornprinz 23.01.2012 | 21:28

Ein wunderbarer Film, der mein Lebensgefühl exakt trifft. Man kann die Zeit förmlich riechen und es ist gut, dass hier nichts verklärt wird. Es war ein große Utopie, die immer noch in unseren Herzen pocht, jedoch was daraus gemacht wurde ist einfach abschleulich gewesen.
Wann kann man endlich mehr sehen? Bei arte habe ich gelesen, dass morgen der Regisseur ab 21.00 im chat zur Verfügung steht. Vorab Gratulation!

Die webseite habe ich noch nicht komplett durchsehen können, die ist ja endlos. Mir gefallen all die Archive und Themenblöcke. So kann ich meinen Enkeln einwenig davon vermitteln, wie es damals war. Danke.