»Hitler Schtonk!«: Mit Netzhumor gegen Nazis.

Kommentar Eigentlich sollte dieser Text mit einem Vorab beginnen, mit einer Einführung, in der die Ernsthaftigkeit des Themas betont wird. Der Autor entschied sich dagegen.
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Eigentlich sollte dieser Text mit einem Vorab beginnen, mit einer Einführung, in der die Ernsthaftigkeit des Themas unangetastet bleibt und betont wird. Der Autor entschied sich aus verschiedenen Gründen dagegen, nicht zuletzt, da diese außerhalb jeder Debatte steht.

Charles Chaplin schrieb in seiner Autobiographie, dass er sich in seinem Film »Der Große Diktator« nicht über den »mörderischen Wahnsinn der Nazis« habe lustig machen können, hätte er »von den Schrecken in deutschen Konzentrationslagern gewusst«. Hitler und Humor, das ist eine Verbindung, die sicher nicht auf der Hand liegt. In der Zeit der Nazidiktatur wurden Menschen für mäßig bemerkenswerte Witze ermordet.

Sprung ins Jetzt: Es vergeht keine Woche, ohne dass N24, n-tv und phoenix, die selbsternannten »Nachrichtensender«, investigativen Hitler-Journalismus senden, meist in Wiederholung. Es vergeht auch kaum ein Monat, in der die größte deutsche Boulevardzeitung nicht einen neuen Skandal, eine neue Entdeckung, ein neues Detail zu publizieren ersucht. 2002 verkündete Harald Schmidt: »Keine Sendung ohne Führer«. Damals sorgte der Spruch für Gelächter, aber auch für unsicheres Stirnrunzeln. Harald Schmidt durfte das.

Und doch: Hitler ist omnipräsent. Seit der Zeit des Zweiten Weltkrieges, in der filmische Darstellungen der humorvollen Entblößung Hitlers und der Propaganda dienten, als Beispiel sei der seinerzeit oscarprämierte Zeichentrickfilm »Der Fuehrer's Face« genannt, ist die Zahl der Filme mit dem Großthema »Nazis« seither stetig gestiegen. Die Bandbreite reicht dabei vom ernsthaften »Der Untergang« über die Satire »The Producers« bis hin zum Kino der Postmoderne mit »Inglourious Basterds«. Diese Filme bilden nur die Spitze eines Eisberges, der durch das Internet weiter wuchs und noch immer wächst.

Kontroverse »Nazifilm«

Zum Kinostart von Dani Levys »Mein Führer – Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler« gab es Debatten darüber, ob man eine deutsche Komödie über Hitler denn überhaupt drehen dürfe. Es wurde dabei übersehen, dass man die Thematik keineswegs nur auf dem Wege der Seriosität beschreiten kann. Gerade im filmischen Bereich scheint die Palette der Merkwürdigkeiten grenzenlos; deutlich wird dies in »Dead Snow« mit dem Thema »Nazizombies«, in »Captain Berlin versus Hitler«, in welchem das Gehirn Hitlers in einem Roboter lebt, oder in dem erst jüngst auf der Berlinale gefeierte Film »Iron Sky«, der sich mit der Rückkehr der Nazis von der dunklen Seite des Mondes befasst.

Trotz dieser Fülle an filmischen Eigenheiten ist eines klar: Es handelt sich hierbei in den wenigsten Fällen um Werke, die von der breiten Bevölkerung mit Begeisterung anerkannt werden. Grenzenlos obskur, mag man meinen, und doch eine neue Art der Herangehensweise an ein mehr als nur problematisches Kapitel der Geschichte und der Gegenwart.

Es ist sicher falsch zu vermuten, dass sich eine Veränderung dieser Verarbeitung erst im Zeitalter des Internets ereignet hat, sie verlief viel eher schleichend und allmählich. Es liegen ihr aber Erfahrungen zu Grunde: Das Ausmaß der Katastrophe ist auch über 60 Jahre danach kaum begreiflich. Es werden noch immer Bücher geschrieben, Mahnmale errichtet und die Verwendung von Symbolen der Nazizeit unter Strafe gestellt. Es werden Debatten über all diese Sachverhalte geführt. Zweifellos bedeutsame Debatten – doch es scheint, dass ein wahres Verstehen der Ereignisse weder den Zeitzeugen noch den nachfolgenden Generationen möglich ist. Theodor Adorno verurteilte unter diesen Eindrücken das industriell-produzierte Lachen: »Vergnügtsein heißt Einverstandensein.«

Hitler meets the Internet

Im Vergleich zu allem bisher genanntem Humor ist das, was durch viele Menschen im Netz (nicht industriell) täglich produziert und konsumiert wird, geradezu unspektakulär, die Vielfalt unbeschreiblich: Während die bereits erwähnten »Nazizombies« eine kleine Nische im Film besetzen, sind sie im Medium des Computerspiels mittlerweile keine Seltenheit. Sie erfreuen sich dort zur Zeit großer Popularität. Seit der großflächigen Verbreitung des Internets ist aber selbst dies nur noch eine Facette von vielen. Was kann man nennen?

Es gibt einen fiktiven Trailer zum »Jesus & Hitler Buddy Movie — 'Second Coming'«, »Rap Battles« zwischen Adolf Hitler und Darth Vader, Hitler als Emo auf Twitter und als Hipster in Comics. Es gibt Klopapier mit seinem Konterfei, bezeichnet als »Shitler«, welches zum Beispiel im »Hitlerblog« der taz aufgegriffen wird und dazu ein Mem, das auf Hitlers Wutausbruch im erwähnten Film »Der Untergang« beruht. [...] Und all das ist nur ein Bruchteil der Inhalte, die sich (nicht mehr ausschließlich genuin) im Netz finden lassen.

Es handelt sich hierbei sicher nicht um ein gänzlich neues Phänomen, doch die gerade existierende Menge solcher Inhalte schien bis vor wenigen Jahren kaum vorstellbar. Der Großteil davon wäre, davon ist auszugehen, außerhalb des Netzes auch heute untragbar, würde als geschmacklos und unangebracht empfunden werden. Wo jedoch endet Humor und wo beginnt die Geschmacklosigkeit? Im Netz ist es möglich, diese Grenzen zu verwischen, sie neu auszuloten. Es zeigt sich der Drang der Menschen, die Katastrophe der Nazizeit zu verarbeiten, doch ganz ohne das Grauen, das für viele ohnehin unfassbar und unverstehbar bleibt. Und das nur mittels eben jener makaberen Komik. Der krude Humor bewirkt heute das Gegenteil dessen, was Adorno einst vermutete; zumindest kann er es bewirken.

Sind es nur Tabubrüche? Sollte es tatsächlich möglich sein, Nazis einfach aus der Geschichte zu lachen? Ist das angebracht? Wohl nicht, denn lediglich im Netz findet sich diese Freiheit, auf der Straße ist sie nicht akzeptiert. Es ist daher wenig verwunderlich, dass manche Leute von der »Netzgemeinde« sprechen, als sei diese ein von der Gesellschaft entkoppeltes Konstrukt. In mancherlei Hinsicht ist sie das. Jedes noch so geschmacklose Thema wird, früher oder später, aufgegriffen und auf sehr eigene Art und Weise persifliert. Sie ist dennoch nicht als homogene Gruppe zu verstehen.

Perverser Humor — oder eine neue Art der Aufarbeitung?

Worin aber liegen die Ursachen begründet? Wird das Internet nicht als Teil der Realität gesehen? Sind die Millionen von Toten der damaligen Zeit im Netz etwa weniger beklagenswert? Sicher nicht, das würde auch kaum jemand behaupten. Es scheint lediglich ein Umgang mit dem Thema zu sein, welcher in der Gesellschaft noch immer tabuisiert behandelt wird, ein Umgang, der überhaupt erst mit der weiten Verbreitung des Netzes entstehen konnte. Grenzen werden erst gefunden.

Hervorzuheben ist, dass nicht jede humorvoll gemeinte Entgleisung reflektiert wird. Dabei ist ein exaktes Wissen ob der Nazizeit essenziell dafür, dass dieser schwarze Humor tatsächlich als solcher verstanden werden kann: Er kann eine profunde Bildung und Aufklärung keinesfalls ersetzen, eine solche möglicherweise nicht einmal ergänzen. Er ist ohne sie nur eines: Perfide.

Ist es sodann noch schwarzer Humor? Ist es Satire? Sei es Satire, so hat diese ihre Legitimation, ihre Erlaubnis zum Tabubruch, schon rund 20 Jahre vor Charles Chaplins »Großem Diktator« durch Kurt Tucholsky erhalten. Zu bemerken ist daher schließlich, dass Hitler regelmäßig insbesondere in einer Zeitschrift Erwähnung findet: in TITANIC, dem endgültigen Satiremagazin. Diese Satire ist in der »echten Welt« nur eine Nische, im Internet jedoch nicht. Sie und die Überzeichnung sind bedeutsame Teile der noch jungen Netzkultur.

In wenigen Worten: Das Netz beeinflusst den Umgang mit der Geschichte, teilweise auf schwer nachvollziehbare Weise. Es bietet Möglichkeiten der Aufarbeitung, welche sich in der »analogen Welt« nicht (oder nur in Einzelfällen) finden. Dabei werden mitunter Grenzen überschritten.

23:52 27.03.2012
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Geschrieben von

aSak

» Sprachwissenschaftler, Antifaschist.
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