Anfangen etwas anders zu machen. In den nächsten 2 Minuten...

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Eben hat schon wieder ein Stück Zukunft begonnen. Die Gegenwart ist halt nicht einfrierbar. Auch wenn's manchmal noch so schön wäre, die Zeiger der Uhren zu stoppen. Ganz frei nach dem Ausruf: Augenblick verweile doch, du bist so schön...

Die GEGENWART ist besser wie die ZUKUNFT

Wenn wir schon die Gegenwart nicht anhalten können, sollten wir dennoch wenigstens versuchen, sie gebührend zu schätzen. Und sich an ihr erfreuen, so viel und so lange es ebengerade geht. Denn, so die These des Sozialpsychologen Professor Harald Welzer: - DIE GEGENWART - ist besser wie DIE ZUKUNFT.

Wissen dürften dies auch die Koalitionäre von CDU, CSU und FDP der künftigen Bundesregierung. Aber sagen sie es auch? Natürlich nicht. Vorläufig nicht. Vielleicht werden es sie irgendwann sagen müssen. Wie konstatierte doch Klaus Wowereit (SPD) gestern so schön vor der Presse: Die derzeit in der NRW-Vertretung Verhandelnden werden allmählich von der Realität eingeholt.

Was machen die aber? Sie scheinen ganz einfach zu versuchen, sich an der Gegenwart festzuhalten. Gegenwart könnte man hier auch mit "System" übersetzen. Daran wird sich fest geklammert. Dabei beruht es auf längst Vergangenem. Drinnen, im eignen Oberstübchen, werden womöglich auch die Verhandlungspartner schon weiter sein und wissen: DIE GEGENWART IST BESSER WIE DIE ZUKUNFT! Doch es gilt eben so viel wie möglich für die jeweils eigene Klientel herauszuholen. Das Klientel ist dabei nicht zu verwechseln mit DEM VOLK, das man zu vertreten vorgibt...

Die Grenzen des Wachstums

Die Erkenntnis, das Gegenwart besser wie die Zukunft sei, entsprang bereits einer Untersuchung des Club of Rome. Das war in den Siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Die Studie ("Die Grenzen des Wachstums") sorgte für einiges Aufsehen. Deren Fazit auf einen Nenner gebracht: Drückt die Welt weiter wie bisher das Gaspedal mit der Aufschrift EWIGES WACHSTUM in Richtung Bodenblech durch, führt dies betreffs des Zustands unserer Erde unweigerlich in vierlerlei Hinsicht in die Katastrophe. Und dabei verschlechtern sich die Lebensbedingungen der Menschen in der Zukunft enorm. Die einen fuhren im Angesicht dieser Nachricht damals bleich erschrocken zusammen. Ihnen dürften wir die Umweltbewegung und speziell auf Deutschland bezogen die Entstehung einer grünen Partei zu verdanken haben. Die anderen haben laut gelacht. Und sich etwas anders auf- und eingestellt - aber weitgehend weiter gemacht wie bisher.

Fortschritt = Fort - Schritt?

WACHSTUM trugen die Gesellschaften jedoch weiter wie eine Monstranz vor sich her. FORTSCHRITT hieß die Devise. Im Kapitalismus wie im sich sozialistisch nennenden Teil unserer Welt. Beides wurde uns Menschen förmlich eingebrannt. WACHSTUM und FORTSCHRITT waren zwei Seiten ein und derselben Medaille. Das eine, hämmerte man den Menschen ein, sei nicht ohne das andere zu haben. Doch wer definierte schon so genau, was FORTSCHRITT tatsächlich sei? FORTSCHRITT hieß ZUKUNFT. Basta! Und die ZUKUNFT konnte nur besser sein wie die GEGENWART! Weiter! Schneller! Höher! Besser! - So schallte es uns vielstimmig entgegen. Besser? Welchen Preis würde die Menschheit für diesen FORTSCHRITT aber zukünftig zu bezahlen haben. Ein Fortschritt, der, denkt man diesen Gedanken einmal in Ruhe zu Ende, letztlich vielleicht gar kein wirklicher Fort-Schritt für die Menschheit ist...

Untrügliche Zeichen

Dies dämmert uns nun eventuell, da uns Professor Welzer - wie kürzlich in der äußerst empfehlenswerten Sendung des Bayerischen Fernsehens "quer" geschehen - zu bedenken gibt: DIE GEGENWART IST BESSER WIE DIE ZUKUNFT. Ist das etwa schon ein untrügliches Zeichen dafür, dass wir das Bodenblech des auf stetes WACHSTUM eingestellten, in Richtung ZUKUNFT rollenden Gesellschaftsmodells längst schon mit dem ewigsteifen Fuß auf dem Gaspedal durchtreten haben? Demokratiedefizite in aller Welt, Kriege, Armut, Elend und Umweltzerstörung - eine weiter aufklaffende Schwere zwischen arm und reich. Gerechtigkeitslücken allenthalben. Und die ersten untrüglichen Zeichen der näher rückenden Klimakatastrophe. Die derzeitige Weltwirtschaftskrise. - Wenig wirklicher Fort-Schritt in dieser Welt anno 2009.

"Das Ende der Welt wie wir sie kannten"

Das Ende der Welt? Nun so pessimistisch müssten wir nicht gleich sein, läßt uns Prof. Harald Welzer immerhin wissen. Aber so viel müssen wir dann doch zur Kenntnis nehmen: "Das Ende der Welt, wie wir sie kannten" ist offenbar längst im Begriffe sein Ziel zu erreichen. So der Titel eines interessanten Buches, das Welzer zusammen mit Claus Leggewie geschrieben hat. Darin können wir von den Autoren erfahren, "wie Demokratien dabei unter die Räder kommen, wenn sie nicht radikal erneuert werden und den Weg aus der Leitkultur der Verschwendung finden." Anzeichen dafür kann - wer will - schon heute zuhauf dafür finden. Selbst hierzulande. Professor Welzer untersucht bereits deslängeren den Zusammenhang von politischen und sozialen Ordnungen in weiten Teilen der Welt. Er warnt vor einer Art "Dauerkrieg", für den Fall, dass wir Menschen unseren Konsumstil nicht endlich ändern.

Die Parteien haben wenig in Sachen Zukunft auf der "Pfanne"

Die Politik, namentlich die Parteien, beklagte Harald Welzer vor der Bundestagswahl, hätten keine wirklichen Antworten betreffs einer für alle Menschen auf der Welt lebenswerten Zukunft. Einzig bei Bündnis 90/DIE GRÜNEN wagte Welzer hinsichtlich dieser Feststellung leichte Abstriche zu machen. Welzers im ersten Moment platt klingende, gleichwohl aber brilliant zutreffende Begründung dafür, dass unsere Parteien so wenig in Sachen ZUKUNFT auf der "Pfanne" haben: Das Dilemma ist, das die Zukunft eben niemand kennt. Daran will sich niemand die Finger verbrennen. Denn die Parteien wollen wiedergewählt werden. Und die Wähler hören ungern unqueme Wahrheiten. Obwohl dieselben Wähler Wahrheiten von den Politikern einfordern. Schizophren. Aber wahr! Wie aus dieser Bredouille herauskommen? Noch dazu in Zeiten, da wir geradezu händeringend nach Übergangstechnologien suchen, auf die wir dringend angewiesen sind; die Zeit dafür, jene auch rechtzeitig ins Werk zu setzen uns aber mehr und mehr zwischen den Fingern verrinnt und somit fehlt!

Politischer werden!

Professor Welzer will uns absolut kein Pessimismus einimpfen. Im Gegenteil. Er fordert uns auf politischer zu werden. Im der Familie, der Nachbarschaft. Der Öffentlichkeit überhaupt. Und auch am Arbeitsplatz. So man noch einen hat, versteht sich. Denn auf die Parteien per se können wir uns nicht verlassen. Sie mögen für eine Demokratie vielleicht unverzichtbar sein. Allein: Sie haben vielfach an Bodenhaftung verloren. Oder mehr noch - wie am Beispiel SPD zu sehen - sind gar dabei sich überflüssig zu machen. Wirken mehr für den Erhalt der eigenen Macht und für die Absicherung von Pfründen. Oder im Sinne der immer zahlreicher werdenden und frech bis in die Ministerien einsickernden Lobbyisten. An deren "Willensbildung" werkeln sie oft mehr, als an der des Volkes, dessen Meinung (siehe z.B. Ablehnung des Afghanistan-Einsatzes der Bundeswehr von einer Mehrheit der Bevölkerung) sie arrogant ignorieren.

Und die kommende Bundesregierung, da mag Wowereit recht haben, wird ganz sicher bald mit der Wirklichkeit zusammenstoßen. Nur wer glaubt, dass sie uns in eine lebenswerte Zukunft führt, ist ziemlich sicher genauso auf dem Holzweg, wie es die Regierungen unter rot-grün und schwarz-rot vor ihren gewesen waren...

Harald Welzer stellt uns ein interessantes Rezept mit folgendem Wirkstoff gegen die derzeit in unserer Gesellschaft grassierenden Krankheiten aus, von denen die Schweinegrippe (hoffentlich) vielleicht noch die harmloseste von allen ist: In den nächsten zwei Minuten anfangen die Dinge anders zu machen. Manche von uns werden sich nun wie immer fragen: Was kann ich denn schon ändern?

Keine festgefahrenen Ideologien zementieren

Man könnte zunächst einmal in Ruhe darüber nachdenken. Eingedenk der Tatsache, das Nichtstun sträflich wer. Es sind nicht selten die kleinen Dinge des Lebens, die eine große Wirkung entfalten können. Wechseln Sie doch einfach mal zu einem Ökostromanbieter. Gerade richtig in einer Zeit, da eine sich "bürgerlich" nennende kommende Regierung auf die "Übergangstechnologie" Atomstrom setzt.Oder treten Sie einer Nichtregierungsorganisation bei. Oder "mischen" Sie eine Partei von innen auf (Wenn Sie die Nerven und die Zeit dafür haben). Hauptsache, Sie werden einfach politischer im Alltag. Das kostet nicht viel. Höchstens Überwindung. Nur, legt uns Professor Welzer wärmstens ans Herz: Helfen Sie nicht mit, festgefahrene Ideologien zu zementieren. An deren Aufrechterhaltung, kritisiert der Sozialpsychologe, arbeite nicht selten die herrschende Politik. Davon muss sie sich verabschieden. Oder: gezwungen werden, sich davon zu verabschieden. Das Gegenteil von dem führt ganz sicher von der noch nicht ausgestandenen momentanen in die nächste Krise des Kapitalismus.

Soeben ist schon wieder die Gegenwart an ein Ende gekommen. Eine GEGENWART besser wie die ZUKUNFT. Zwei Minuten sollten wir alle übrig haben. Um etwas anders zu machen. Oder?

14:08 20.10.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

asansörpress35

Politischer Mensch, der seit der Schulzeit getrieben ist, schreibend dem Sinn des Lebens auf die Spur zu kommen.
asansörpress35

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