DANCE OR DIE. Die Loveparade-Katastrophe

Rezension Jessika Westen war als Reporterin hautnah an der Loveparade-Katastrophe. Sie hat nun einen tief emotionalen Roman vorgelegt
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In schrecklich trauriger Verfassung fuhr ich am Sonntagmorgen des 25. Juli 2010 mit dem Zug von Dortmund nach Essen. Ich stand noch ganz unter dem Eindruck der von den Medien tags zuvor verbreiteten schockierenden Meldungen:

Am 24. Juli 2010 war die furchtbare Loveparade-Katastrophe in Duisburg geschehen. Die Zahl der Toten war ständig nach oben korrigiert worden. Schließlich stand später fest: Das Unglück hatte 21 Tote und 650 Verletzte gefordert. Im Kulturhauptstadtjahr!

Eigentlich stand mir verständlicherweise nicht der Sinn nach diesem Ausflug nach Essen. Als Blogger wollte ich aber über eine um zehn Uhr anfangende Veranstaltung im Rahmen des Kulturhauptstadtjahres meines niederländischen Freundes Tjerk Ridder berichten. Es war der Abschluss seine Projektes „Trekaak gezocht!“ („Anhängerkupplung gesucht!“. Alle Autofahrer aus dem Ruhrgebiet, die Tjerks Campingwagen angehängt und ein Stecke weit auf dem Weg, der Tjerk, sein Mitstreiter Peter und Dackel Dachs (inzwischen leider verstorben) von Utrecht aus bis nach Istanbul führen sollte, gezogen hatten, waren als Dank zu einem gemeinsamen Frühstück auf dem Kunstprojekt „The Flying Grass Carpet“, welcher auf dem Willy-Brandt-Platz in Essen „gelandet“ war, eingeladen. Auch meine Wenigkeit. Ich hatte in Abständen über das Projekt berichtet. Auf Readers Edition sowie in der Istanbul Post.

Traurige Gestalten auf dem Essener Hauptbahnhof. Sie hatten also überlebt ...

Mit meinem oder vor meinem Zug mussten auch andere Züge angekommen sein. Durchs Bahnhofsgebäude schlurften jedenfalls Gruppen von meist junge Leute beiderlei Geschlechts um die Zwanzig oder auch älter in bunten, schlabberigen Raverklamotten. Die Menschen sahen übermüdet aus. Traurige Gestalten. Die Gesichter grau. Augenringe. Die Haare verwuselt. Manche der Mädchen trugen Netzstrümpfe, die beschädigt waren. Die Kleidung der jungen Männer war teilweise schmutzig. Viele sahen zu Boden. Einige der Leute hatten Bierdosen am Hals, andere Coladosen. Sie mussten – schoss es mir in den Kopf - von Duisburg gekommen sein. Sie hatten also überlebt …

Geplantes Unglück – Verantwortliche blieben unbestraft

Bald schon nach dem folgenschweren Unglück wurde klar, dass viel schiefgelaufen war. Schon die Planung zu diesem Event hätte eigentlich den damals Verantwortlichen zeigen müssen, dass der Veranstaltungsort vom Sicherheitsstandpunkt her völlig ungeeignet war. Aber die Stadt, Oberbürgermeister Sauerland wollte wohl die Loveparade – gerade auch zu Zeiten des Kulturhauptstadtjahrs in der Stadt haben. Damals war ich ziemlich überzeugt davon, dass im Strafprozess – übrigens eines der aufwendigsten Gerichtsverfahren der deutschen Nachkriegsgeschichte – Verantwortliche eine Schuld an der Katastrophe nachweisen und sie entsprechend bestrafen würde.

Doch es dauerte nicht lange und die Hoffnungen, dass dergleichen geschähe, starben eine nach der anderen.

Schließlich im Mai dieses Jahres ging dieses Gerichtsverfahren nun allerdings - ohne (!) Urteil - zu Ende.

Ein Schlag ins Gesicht für Betroffene und Angehörige der Opfer! Das Urteil erging zweieinhalb Monate vor Ablauf der absoluten Verjährungsfrist für fahrlässige Tötung, die am 27. Juli 2020 gegriffen hätte, zehn Jahre nachdem das letzte Opfer der Katastrophe im Krankenhaus verstorben ist.

Wegen der Corona-Maßnahmen war das Verfahren Mitte März 2020 unterbrochen worden. Am 7. April hatte das Gericht vorgeschlagen, den Prozess einzustellen. Es sei nicht absehbar, wann und wie die Verhandlung fortgesetzt werden könne.

Dabei war die zuständige Kammer der Ansicht gewesen, dass man den Angeklagten die ihnen zur Last gelegte Tat nachweisen könne – nur eben nicht bis zum Ablauf der Verjährungsfrist. Ohnehin sei die Schuld der Angeklagten vermutlich gering. Die Staatsanwalt stimmte zu. Und was wunder: Die Angeklagten waren ebenfalls dafür.

Eine Vielzahl von Personen – so das Gericht – habe Fehler gemacht. Ein „kollektives Versagen“ konstatierte man. Zum Schluss wandte sich der Richter mit dieser lapidaren Erklärung an die Angehörigen: „Diese Katastrophe ist eine Katastrophe ohne Bösewicht. Wir haben ihn jedenfalls nicht gefunden.“

Jessika Westen – damals selbst mitten in der Katastrophe hat ein Roman geschrieben, der von Loveparade-Katastrophe handelt

Jessika Westen, Reporterin, Moderatorin und Autorin, hat es gewagt einen Roman zu schreiben, der am Tag der Loveparade-Katastrophe spielt. Der Roman trägt den Titel „DANCE OR DIE. Die Loveparade-Katastrophe“. Dass das Schreiben dieses Buches ein ziemliches Unterfangen gewesen sein muss, kann man sich denken. Aber dieser Tag hat Jessika Westen nicht losgelassen. Und ihr Freund hat ihr Mut gemacht, den Roman zu schreiben. Danke dafür! Dieser Tag hätte sie ohnehin nie losgelassen – er wird sie wohl nie ganz loslassen. Jessika Westen war nämlich Berichterstatterin für den WDR an diesem furchtbaren Tag und aus diesem Grund quasi hautnah am Katastrophengeschehen. Die Diplom-Journalistin hatte selbst - sowohl privat als auch beruflich - an vorangegangen Loveparade-Events teilgenommen und war schon deshalb Feuer und Flamme nun darüber berichten zu können.

Gut recherchiert

Um es vorweg zu sagen: Die Autorin hat es bestens verstanden, alle möglichen Klippen zu umschiffen, die einen einfallen können, hört man, jemand habe einen Roman geschrieben, der von Katastrophen-Loveparade in Duisburg handelt.

Was wohl hauptsächlich damit zu erklären ist, dass sie selbst direkt am Unglücksort und als Reporterin ein Teil des Geschehens war. Und sie kann gut schreiben! Technische und gesundheitliche Details, die Arbeit des Rettungsdienstes und vieles andere mehr hat Westen akribisch recherchiert. Das merkt man als Leser im Grund jeder Zeile im Buch an.

Freilich ist sich wohl jeder Leser vor dem Lesen des Buchs im Klaren darüber, dass es in diesem Roman kein Happy End gibt – gewiss keines geben kann.

Schon beim Eintritt ins Buch tauchen im Kopf des Lesers die Bilder auf, welche man selbst am Tag des Unglücks oder später im Fernsehen sah.

Da fängst es im Kopf schon an zu arbeiten.

Der Roman beginnt mit einem sozusagen mit einem Ausrufezeichen

Und schon das erste Kapitel mit Datum „21. Juli 2010“ und „René“ (S.7) macht klar: Das geht nicht gut. Der Roman fängt sozusagen mit einem unübersehbaren Ausrufezeichen an.

Die zwei Rettungssanitäter, die am Tag der Loveparade Dienst tun werden, sehen sich schon einmal drei Tage vorher vor Ort am Veranstaltungsgeländer um. René fragt: „Und die Rampe ist wirklich der einzige Eingang?“

„Ja, ich glaub schon. Und auch der Haupt-Ausgang“, antwortet der Kollege.

Die Romanhandlung steigert sich wie ein kleiner Schneeball zur alles zerstörenden Lawine wird – zur schrecklichen Tragödie

Der Roman geht langsam an. Und doch ist es gleich, als ob sich schon ein schwacher, aber doch spürbarer Wind aufmacht. Wolken ziehen allmählich auf. Aber noch kein Grund zur Unruhe. Wenn da nur nicht das im Hirn gespeicherte Wissen des Lesers wäre! Und das Ausrufezeichen vom ersten Kapitel. Von Mal zu Mal steigert sich der Wind. Bis er letztlich zum gefährlichen Sturm anwächst, der alles durcheinanderwirbelt und zerstört, was er erfassen kann.

Oder man stelle sich den Fortgang der Romanhandlung als einem zunächst kleinen Schneeball vor, der immer weiter rollt, unaufhaltsam größer und größer wird, so dass aus ihm eine gefährliche Lawine wird, die alles niederwalzt, was ihr in Weg kommt. Der Leser selbst ist mitgerissen. Allerdings ist diese Vorstellung wohl – um das verhängnisvolle Geschehen zu verdeutlichen . weniger geeignet. Obgleich es einen am Romanende die Tränen zu Eis frieren lässt. Das Buch selbst lässt keinen kalt.

Ich schäme mich nicht zu sagen, an bestimmten Stellen des Romans Tränen vergossen zu haben. So emotional, dass beinahe persönlich die Tragik zumindest nachspürbar wird, hat Jessika Westen ihr Buch, basierend auf den Ereignissen des Schreckenstages im Juli 2010 verfasst.

Das berührt das Herz so stark, dass es sich zusammenkrampft. Gleichzeitig schießt einem Tränenflüssigkeit in die Augen, die man zurückhalten möchte, dann aber doch fahren lässt.

Man meint mittenmang im Geschehen zu sein. Wie hätte man wohl selbst reagiert? Im panischen Gedrängel der Menschen, die sich zu Menschenknäuels verkeilen – unmöglich für die Einzelnen eingequetschte Hände oder Füße, die vielleicht auch noch gebrochen sind, zu bewegen, geschweige denn freizubekommen.

Zwischen den einzelnen Kapiteln immer wieder zitierte Originalfunksprüche

Auf Seite 78:

Wedau 44 an die eigenen Kräfte:

Auf der Westseite im Bereich Düsseldorfer Straße.

Karl-Lehr-Straße fallen die ersten Zäune.

Liegt wohl daran, dass der Tunnel dicht ist

und die Leute nicht weiterkommen.

Das nur zur Kenntnis. Dass wir da nicht ins Getümmel geraten.“

Der Romanhandlung wird aus drei verschiedenen Perspektiven erzählt. Aus der von René, Katty und Emma. René ist ein Rettungssanitäter. Katty eine Abiturientin, die das Leben noch vor sich hat. Emma ist die Live-Reporterin des WDR, die mit mehreren Schalten die Situation vor Ort schildert. Also die Autorin des Buches selbst, Jessika Westen.

Die Situation spitzt sich unaufhaltsam zur Tragödie zu. Wie ein zunächst anscheinend harmloser Wind zum wütenden Sturm wird, erleben wir Leser eigentlich hautnah. Ein Sturm, der eine Verheerung sonst dergleichen anrichtet. Der einst unscheinbare Schneeball ist zur alles niederwalzenden Lawine angewachsen und verletzt und tötet eiskalt.

Das Ende kennen wir aus den Nachrichten und Sondersendungen des Fernsehens von damals. Und doch sind wir geschockt, als wären wir ganz neue in das tragische Geschehen eingetaucht. Wir leiden mit den in höchster Lebensgefahr befindlichen Menschen auf der Loveparade. Schockiert ergreift uns das Grauen – wir zittern. Wir können uns vorstellen, wie den Eltern zumute ist, deren Sprösslinge dorthin gegangen sind, um Spaß zu haben. Nachdem sie aus den Nachrichten von dem Unglück erfahren haben, aber vergeblich versuchen ihre Kinder per Handy zu erreichen. Wenn wir lesen, wie Schuhe, Sonnenbrillen und andere Utensilien, welche die Besucher der Loveparade von den Rettungskräften gefunden werden, läuft es uns eiskalt den Rücken herunter.

Ich musste dabei unweigerlich an ein Erlebnis aus der Kindheit in meiner Heimatstadt Halle an der Saale denken. Ein Straßenbahnunglück war in der Nachbarschaft geschehen. Der Triebwagen des Straßenbahnzuges war entgleist. Im Asphalt der Straße hatten sich Räder der tonnenschweren Straßenbahn hineingeschnitten. Ein Kind hatte man auf eine Obstkiste, die offensichtlich aus dem nahen Obst- und Gemüsegeschäft geholt hatte, abgelegt. An einer Decke, das über das Kind gebreitet war, rote Flecke. War das Blut? Lebte das Kind noch? Ich zitterte, dorthin starrend, wie Espenlaub und konnte doch mein Blick aus gebotener Entfernung nicht von dem Kind und der entgleisten Trambahn wenden. Von weiten kam ein Barkas-Krankenwagen mit Sondersignal und flatternder Rotkreuzflagge angerast …

Sach- und fachgerecht geschrieben

Jessika Westen – ein großes Lob dafür! - hat für ihr Buch sorgfältig recherchiert und für technische Einzelheiten, betreffs Fachbegriffen und verwendeter Codes, die bei Rettungseinsätzen bestimmte Lagen kennzeichnen sowie über spezielles medizinisches Wissen und die Arbeit des Rettungsdienstes sowie der Polizei Expertenrat eingeholt. Am Ende des Buches bedankt sie sich bei den Experten. Mir ist da im ganzen Buch – soweit ich das beurteilen kann – kein Fehler unterkommen. Alles sach- und fachgerecht! Das ist wahrlich nicht bei jedem Buch so.

Jessika Westen ist ein sehr einfühlsam geschriebener Roman gelungen. Dem ein großes Publikum zu wünschen ist. Zumal das Gerichtsverfahren nun eingestellt ist. Und die Angehörigen der Opfer aus mehreren Staaten des Auslands sowie Deutschland traurig und enttäuscht zurückgelassen worden sind. Und niemand für offenkundig gemachte Fehler zur Verantwortung gezogen worden ist. Wie hatte der Richter noch gesagt: „Diese Katastrophe ist eine Katastrophe ohne Bösewicht. Wir haben ihn jedenfalls nicht gefunden.“ Nicht hinnehmbar. Oder soll man Corona auch dafür verantwortlich machen – wie es später wohl für eine wirtschaftliche Katastrophe, die schon vorher anrollte, als Schuldige vors Loch schieben wird - weil der Prozess deswegen im März gestoppt werden musste und wegen der Unterbrechung in Kürze die Verjährung drohte? Den Hinterbliebenen der Opfer und die schwer traumatisierten Menschen, die das fürchterliche Unglück überlebten, kann das weder Trost sein und schon gar nicht zur Entschuldigung dienen.

Emons schreibt über Jessika Westen u.a.: „Sie sprach mit Verletzten, Traumatisierten und hatte Einblicke in anwaltliche Unterlagen. Entstanden ist ein Roman mit emotionaler Tiefe, der ungemein berührt und niemanden kaltlässt.“

Der Buchtitel „DANCE OR DIE“ ist dem Namen einer gleichnamigen electronic Band entlehnt. Treffend! Ach ja: Lesen, liebe Leute – unbedingt lesen und weiterempfehlen!

Das Buch

Jessika Westen

DANCE OR DIE
Die Loveparade-Katastrophe. Ein Roman

Klappenbroschur

13,5 × 20,5 cm

ca. 320 Seiten

ISBN 978-3-7408-0887-7

Preis: Euro 16,00 [D] , 16,50 [AT]

Die Autorin

Jessika Westen

Jessika Westen ist Nachrichtenmoderatorin bei ntv und Reporterin für den WDR. Die Diplom-Journalistin wurde für ihre »herausragende Leistung« als Live-Reporterin von der Loveparade-Katastrophe in Duisburg bei der Verleihung zum »Axel-Springer-Preis für junge Journalisten« geehrt. Im Nachgang zum Unglück berichtete Jessika Westen regelmäßig für den WDR über die Zusammenhänge und Ursachen, die zu dem tödlichen Gedränge geführt haben. Zwischen 1998 und 2007 war Jessika Westen selbst insgesamt acht Mal auf der Loveparade, sowohl privat als auch beruflich.

14:47 28.08.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

asansörpress35

Politischer Mensch, der seit der Schulzeit getrieben ist, schreibend dem Sinn des Lebens auf die Spur zu kommen.
asansörpress35

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