Das "Sanktionshungern" des Ralph Boes

Hartz-IV Der Philosoph und Autor Ralph Boes unterliegt Hartz-IV. Er ist jedoch nicht länger gewillt, "sinnlose" Arbeit zu machen, wo er doch mit Sinnvollem beschäftigt ist.
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Wir haben ein sehr gutes Grundgesetz in Deutschland. Doch es wird zuweilen offen und eigentlich für jedermann sichtbar mit Füßen getreten. Dabei steht schon im ersten Satz: "Die Würde des Menschen ist unantastbar, sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt." Dennoch unternimmt man es hier in diesem unseren Land die Würde des Menschen anzutasten.Beispielsweise indem der Staat Menschen mittels Hartz-IV-Regelungen kujoniert. Was unter Rot-Grün und dem "Genossen der Bosse", Gerhard Schröder, noch so nachvollziehbar klang - mittels Hartz-IV sollte ein und Fördern und Fordern ins Werk gesetzt werden - sieht in der Praxis oft ganz anders aus: Es bleibt mangels guter Arbeit meist nur beim Fordern. Wer in Hartz-IV gefallen ist, muss sich fast in jeder Hinsicht nackig machen. Und spuren. Und wer noch gute Arbeit hat, weiß, was passiert, wenn er nicht spurt und kann sich leicht ausmalen, wo er in dem Falle landet. Also spurt er. Ist er gar zum Verzicht bereit. Was das vielleicht gar der Zweck hinter Hartz-IV? Die Apologeten der Agenda 2010-Politik rufen noch heute zynisch aus: Hartz-IV wirkt!

Ein Mann widersteht

Nicht jeder ist bereit, sich diesem Hartz-IV-Regime zu unterwerfen. So etwa Ralph Boes, Philosoph, Autor, Dozent für Geistesschulung, Referent und Vorstandsmitglied der Bürgerinitiative bedingungsloses Grundeinkommen e.V. in Berlin, Mitbegründer der "Bundesagentur für Einkommen", "Kunde" beim Jobcenter Berlin Mitte
und in Vollzeit ehrenamtlich tätig. Er schrieb einschlägigen Stellen:

"Ab heute widerstehe ich offen jeder staatlichen Zumutung, ein mir unsinnig erscheinendes Arbeitsangebot anzunehmen oder unsinnige, vom Amt mir auferlegte Regeln zu befolgen. Auch die durch die Wirklichkeit längst als illusorisch erwiesene Fixierung auf "Erwerbsarbeit" lehne ich in jeder Weise ab. Ich beanspruche ein unbedingtes Recht auf ein freies, selbstbestimmtes Leben, welches ich einer von mir selbst gewählten, mir selbst sinnvoll erscheinenden und mir nicht von außen vorgeschriebenen Tätigkeit widmen darf auch wenn ich durch die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse gezwungen bin, dafür Hartz IV in Anspruch zu nehmen."

Brandbrief

Boes schrieb in seinen "Brandbrief eines entschiedenen Bürgers", adressiert u.a. an den Bundespräsidenten, Bundeskanzlerin Angela Merkel, die Arbeitsministerin Frau von der Leyen und Vorsitzenden des Vorstandes der Bundesagentur für Arbeit, Dr.Weise, sowie den Geschäftsführer im Jobcenter Berlin-Mitte, Herrn Schneider, dessen "Kunde" er ist: "Wir alle sind Bürgerinnen und Bürger eines Staates, der sich ein Grundgesetz gegeben hat, in dem es im ersten Satz schon heißt: Die Würde des Menschen ist unantastbar!"

Unter (VI) heißt es in Boes Brandbrief: "Menschen mit Arbeit zu beschäftigen, die sinnlos ist, setzt die Menschenwürde außer Kraft – und sie zu bedrohen mit Hunger und mit Obdachlosigkeit, wenn sie dem Zwang zum Unsinn nicht Folge leisten, erst recht.

Scharf formuliert, haben wir in Hartz IV das erste Sklavenheer der Weltgeschichte, welches gezwungen ist, sinnlose Arbeit zu leisten. Und in den Sanktionierungen mit Hunger und Obdachlosigkeit haben wir ein Zuchtmittel, welches jede noch so berechtigt erscheinende Hilfsmaßnahme des Staates zum existenzbedrohenden Zwangsmittel macht. Dann führt der Briefschreiber aus: "Ich möchte nur die Paragraphen nennen, die durch die gegenwärtige Praxis außer Kraft gesetzt sind:

- Artikel 1 des Grundgesetzes ("Die Würde des Menschen ist unantastbar")
- Artikel 2 GG: (Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit)

- Artikel 11 GG: (Freizügigkeit im ganzen Bundesgebiet)
- Artikel 12 GG: (Freie Berufswahl / Verbot von Zwangsarbeit)
- Artikel 13 GG (Unverletzlichkeit der Wohnung)

- Artikel 6 GG (Schutz der Familie)

Ralph Boes hat mittels Selbstanzeige verkündet, die ihm auferlegten Sanktionen nicht erfüllen zu wollen. Boes möchte auf diese Weise einen Präzedenzfall schaffen. Viele Hartz-IV-Leidensgenossinnen und Genossen mögen ähnlich wie Boes denken. Doch sie sind gewissermaßen sediert durch die Hartz-IV-Maschine. Die Angst davor bzw. vor den Konsequenzen, die drohen, parieren sie nicht, begehren gar dagegen auf, ist verständlicherweise groß. Auch die Scham der "Hartzer", ein Verlierer zu sein, der womöglich selbst an seinem Schicksal Schuld hat, jemand zu sein, der dem Staat sozusagen auf der Tasche liegt, dürfte die Menschen niederdrücken und für ihr stilles Erdulden sorgen. Wäre es nicht so, müssten die deutschen Straßen und Plätze nicht proppevoll von Protestierenden sein?

Inzwischen ist Ralph Boes, um auf den Mißstand aufmerksam zu machen, in den Hungerstreik getreten

Ein Schritt, der gewiss nicht ungeteilte Zustimmung finden kann. Schließlich setzt der Philosoph damit seine Gesundheit aufs Spiel. Doch, so wird Boes sicher denken, anders kann sein Anliegen kaum gesellschaftliche Aufmerksamkeit gewinnen. Wir leben in einem Zeitalter der Medien. In einer Zeit, da mediales Dröhnen nötig ist, um überhaupt Gehör zu finden.

Zum "Tag 2" seines "Sanktionshungerns" notiert Ralph Boes auf seiner Facebook-Seite:

"Gutes Erwachen nach kurzem Schlaf. Leichter Kopfschmerz.
Gewicht: 85,5 kg
Erstaunen, dass es gestern so fast ohne Schwierigkeiten ging. Wegen des vielen Trinkens: Kein Ruf des Hungers. In Körper und Seele ist eine gewisse Stille eingetreten. Ich konnte sogar D. zum Essen zum Chinesen begleiten. Auf mein klitzekleines Betteln: "Kann ich wenigstens 'ne Cola trinken?" kam kühl die Antwort: "Ralph, du hast kein Geld!"

Apropos Geld: Der sanktionierte Ralph Boes muss nun statt von 374 Euro von 37,40 Euro leben. Das kurze Video "Einer für alle - alle für einen - Ralph Boes ist auf YouTube zu besichtigen. Die Würde, besagt unser Grundgesetz, ist unantastbar. Ist das in jedem Falle so?

11:33 03.11.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

asansörpress35

Politischer Mensch, der seit der Schulzeit getrieben ist, schreibend dem Sinn des Lebens auf die Spur zu kommen.
asansörpress35

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