Die Montagsdemo ist wieder da! Wer hört die Signale?

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Allmählich müssten es auch notorische Politikmuffel oder pardon: Ignoranten der unterschiedlichsten Art, duch 24 auf sie herabprasselnde Meinungsmache jahrelang prächtig Desinformierte, Genasführte und aus welchen Gründen auch immer gesellschaftspolitisch Desinteressierte Bundesbürgerinnen und Bundesbürger erspüren können: Da kommt 'was äußerst Unangehmes auf uns zu. Weil: wir stecken gewaltig in 'was drin. Und rutschen tagtäglich weiter da hinein. In eine der womöglich schlimmsten Krisen seit 1945. Die letzte Finanzmarktkrise (aus der nebenbei bemerkt so gut wie keine Konsequenzen gezogen wurden, um eine erneute zu vermeiden) dürften ein lächerlicher Schnupfen gewesen sein: gegen den Abgrund dem wir entgegensehen. - Merken Sie, liebe Leserinnen und Leser also etwas? Fühlen Sie ähnlich? Wenn ja, dann hatten sie vielleicht auch schon früher (sogar vor 2007) in die Richtung gehende Befürchtungen. Wahrscheinlich sind Sie dafür verlacht oder für verrückt gehalten worden. Schon deshalb vielleicht, weil die großen Meinungsmacher hierzulande dergleichen Befürchtungen weder auf dem Radar noch dem Zettel hatten. Klar: Was in den Medien nicht vorkommt, gibt es nicht. Basta. "Bring mir mal 'ne Flasche Bier!" - Doch nun? Sieht die Welt jetzt nicht schon um Einiges anders aus? Ei, ei. Wei, wei! Nun werden auch die letzten Optimisten und korrumpierten Edelfedern zugeben müssen: Ein Bier reicht da nicht mehr, um sich die Welt schön zu saufen...

Der Holzweg zum Abgrund

Die vielen Bundesdeutschen, die in den niegelnagelneuen Shopping-Malls ihres Landes Schnäppchen jagend unterwegs waren oder am Stammtisch glücklich mit den Gläsern klappernd Biere kippten und die neuesten BILD-Zeitungsschauermeldungen mit Schaum vor dem Mund ausdiskutierten und nun eventuell bald ein böses Erwachen haben, sollten nicht traurig sein, dass sie offenbar nichts, so überhaupt nichts merkten. Und demzufolge auch nicht ahnen konnten, wohin der jahrelang auf dem Holzweg dahinratternde bundesdeutsche Bollerwagen landen könnte: Im Abgrund. Aber selbst den sich gänzlich unschuldig wähnenden Mitbürgern unter uns - man nennt sie auch "Die schweigende Mehrheit" - könnte ein böses Erwachen bevorstehen und Fragezeichen könnten in ihren müden Augen aufscheinen. All den Unglücklichen, diesen armen Lämmern, von denen es heißen wird, sie hätten ihre Metger selber gewählt, ist womöglich eines nicht gegeben, dessen sie dringend bedurft hätten: ein geeignetes Sensorium, um das eigentlich für jedermann die ganze Zeit über sichtbar gewesene Heraufdräuen des Unheils kommen zu sehen und den Mut und die Kraft dafür aufzubringen, um Mittel dagegen in Stellung zu bringen.

Sensorium: es fühlt sich ähnlich an, wie damals

Ich will hier nicht behaupten, dass gewesene DDR-Bürgerinnen und Bürger unter den Bundesbürgern der zusammengelegten Deutsch-Länder die alleinigen sind, welche über ein deratriges Sensorium verfügen. Dass wäre sicherlich einigermaßen vermessen. Und ungerecht gegenüber ebenfalls feinfühligen Altbundesbürgern. Aber ich vermute: Wer, wie DDR-Bürgerinnen und Bürger schon einmal so einen Rutsch in den Abgrund (des eignen Landes, einer ganzen Gesellschaft) erst leise erahnte, später dann mehr und mehr befürchtete, dann schließlich leibhaftig dessen Ende unter so manchem Verlust miterlebte, weiß, wie sich das anfühlt. Jetzt fühlt es sich (freilich unter ganz anderen Vorzeichen) wieder so ähnlich an...

Mittlererweile wabert diese ungute Gefühl gesamtdeutsch, vorallem durch Foren, Internetportale und soziale Netzwerke.

Geräusche in Afrika...

Das erinnerte mich dieser Tage an einen Artikel, welchen ich 2007 bei Readers Edition veröffentlichte. In "Geräusche aus Afrika" nahm ich Bezug auf eine Äußerung des schwedischen Schrifstellers Henning Mankell betreffs der Entwicklung auf dem afrikanischen Kontinent. In einem 3sat-Kulturzeitbeitrag sagte Mankell - der sehr stark in Afrika engagiert ist; u. a. über ein Theater in Luanda (Angola) - er nähme, wenn er in Afrika sei, verstärkt "Geräusche" wahr. Sie deuteten seiner Meinung nach darauf hin, dass dort, hauptsächlich von der Jugend angestoßen, eine positive Entwicklung bevorstünde. Fast ein prophetische Äußerung, so könnte man meinen: Haben wir heute (2011) doch die Rebellionen und das Streben nach Demokratie in Ägypten und Tunesien. Nein, Mankell ist ganz sicher kein Prophet. Der engagierte Künstler hat ganz einfach nur genau, Vorurteile und Ressentiments über den "vergessenen Kontinent" Afrika (der, was kaum jemals erwähnt wird immerhin aus nunmehr 54 Staaten mit unterschiedlichen Entwicklungen und Fortschritten besteht) beiseite lassend, gut hingehört.

...Grummeln in Europa

Was hören wir, hörten wir denn endlich einmal genauer hin? Auch in Europa tut sich was. Völker hört die Signale!, heißt es im Text der Internationale. Stéphane Hessel beschreibt in seinem kleinen Traktat "Empört Euch!" u.a. die Diktatur der internationalen Finanzmärkte als die größte Gefahr für unsere Demokratie. Die europäische Jugend, an die sich Hessel in erster Linie richtet, hat offenbar die Signale verstanden. Die Perspektivlosigkeit vieler oft vorzüglich ausgebildeter junger Menschen etwa in Spanien und in anderen europäischen Staaten und deren massive ENT-TÄUSCHUNG äuschung über die sie regierenden Politiker egal welcher Coleur hat eine neue Demokratiebewegung entstehen lassen.

Es grummelt auch in Deutschland. Die Proteste gegen Stuttgart21 und die Anti-Atomproteste im Verlaufe diesen Jahres mögen das Grummeln verstärkt und auch anderen gesellschaftlichen Gruppen Mut zum Aufbegehren gemacht haben. Die Zahl der Mut-Bürger hierzulande scheint im Anwachsen zu sein. "Empört Euch!", rät der inzwischen 94-jährige liebenswürdige Stéphane Hessel, meint jedoch damit gleichzeitig auch die sich anschließen müssende Selbstverständlichkeit des Handelns. Nur empören, wäre ja gewissermaßen nur ein besseres Meckern.

Andreas Ehrholdt - der Initiator der Hartz-IV-Proteste ist wieder da

Einer empörte sich bereits 2004 und riss dabei die Massen mit. Andreas Ehrholdt aus Sachsen-Anhalt mochte die Demütigungen für Langzeitsarbeitslose - wie er selbst damals einer war - nicht länger hinnehmen. Kurzerhand entschloss sich Erholdt die in der Endzeit der DDR stattgehabten Montagsdemonstrationen wieder zu beleben. Die Proteste, speziell gegen die von der Schröder-Fischer-Regierung ins Werk gesetzten Hartz-Gesetze hielten damals unvermutet lange an. Doch sie blieben erfolglos. Andreas Ehrholdt war damals zwar ein von den Medien gefragter Mann, wurde anderseits aber wegen dieser Proteste auch nicht gerade wenig verhöhnt, beschimpft und angefeindet. Dazu kam, dass Rechte die Montagsdemos für ihre finstren Zwecke zu instrumentalisieren begannen. Auch die MPLD versuchte ihr merkwürdig Süppchen auf der durch die Montagsdemo erhitzten Protest-Flamme zu kochen. All dies war offenbar zu viel für den unermüdlich kämpfenden Andreas Ehrholdt. Aber er machte weiter, denn nicht nur einen guten Zweck wollter er dienen, sondern sah sich auch seinem Namen verpflichtet: Er wollte unbedingt der Ehre hold bleiben. Ein Schlaganfall stoppte den Vorreiter der Hartz-IV-Proteste...

Nun ist Andreas Ehrholdt wieder da. Und wie! Dass hält Ehrholdt auch für dringend nötig. Denn, konstatiert er: Es ist alles noch viel schlimmer geworden als damals. Den von sozialem Kahlschlag und Arbeitslosigkeit Betroffenen hält er mittels eines Buches gewissermaßen auch einen Spiegel vor. Der Titel: "Ihr habt euch selbst verraten". Auf YouTube gibt es einen Film darüber.

Am Vorabend des 7. Jahrestages der Magdeburger Montagsdemo

Am 26. Juli diesen Jahres jährt sich das Revival der Montagsdemonstrationen zum siebten Male. Lange hat Andreas Ehrholdt ein Geheimnis darum gemacht. Aber seit kurzem ist klar: Am kommenden Montag, dem 25. Juli 2011 wird er, wie er hofft, mit vielen Mitstreiterinnen und Mitstreitern wieder auf der Straße sein. Ehrholdt hat dazu auf Facebook und auf seiner Homepage einen Aufruf veröffentlicht:

Aufruf!!! von Andreas Ehrholdt Demokratie, Jetzt!!! Montagsdemo!!!

Sieben Jahre ist es nun her, als wir Euch das erste Mal zur Montagsdemo gegen die Sozialreformen der Bundesregierung aufriefen. Was hat sich seitdem verändert? Vieles! Aber nichts zum Besseren für die Menschen, welche von der Arbeit oder von Sozialleistungen leben müssen. Im Gegenteil. Zugunsten der Finanzmogule dieser Welt hat man immer tiefere Einschnitte in das soziokulturelle System der Bundesreupublik zugelassen. Die gegenwärtig nicht nur europäische Finanzkrise erfordert unseren Mut, unsere Gegenwehr. Wir halten mit unseren Steuermitteln das Gebilde Euruopa aufrecht und sehen wie die Bundesregierung Rettungsschirme spannt wohlwissend, dass es am Ende diesen Weges keinen mehr für die Steuerzahler Deutschlands geben wird. Wir sind nicht unsolidarisch mit den Menschen Griechenlands, Portugals, Irlands, Spaniens und wer da noch alles bald schon unsere Hilfe benötigt, aber wir sind nicht bereit, unsere teilweise schon kärgliche Existenz zum Wohle der Banken oder privater Anleger zu opfern. Wo bleibt der Anstand dieser Bundesregierung?

Laßt uns am 25. Juli 2011 den 7. Jahrestag der Montagsdemo in Magdeburg unter dem Motto "Frau Merkel, zeigen Sie uns doch mal unseren Rettungschirm!" begehen. Kommt mit uns, fordert mit uns!!!

Treffpunkt: Liebigstraße, Magdeburg (Nähe Hasselbachplatz; Hbf) um 17.30 Uhr

Aufrufer: Andreas Ehrholdt und Dieter Weider

Werden von der Neuauflage der Magdeburger Montagsdemo positive Signale ausgehen? Wird das Grummeln dadurch stärker in Deutschland?


15:33 19.07.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

asansörpress35

Politischer Mensch, der seit der Schulzeit getrieben ist, schreibend dem Sinn des Lebens auf die Spur zu kommen.
asansörpress35

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