Dortmunder "Gegen rechte Gewalt"

Neonaziangriff Vergangenen Sonntag griffen Neonazis das Rathaus in Dortmund an. Demokraten stellten sich schützend davor und wurden verletzt. Am Mittwoch formierte sich Protest.
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Am Abend des vergangenen Wahltages kam es zu äußerst unschönen Szenen vor dem Rathaus in Dortmund. Während die Wahlparty der im Rat vertretenen Parteien noch im Gange war, näherte sich der stadtbekannte Neonazi Siegfried Borchardt "SS-Sigi", der im künftigen Rat für die Partei "Die Rechte" einen Sitz einnehmen wird, dem Dortmunder Rathaus. Eskortiert wurde er von einer Schar augenscheinlich gewaltbereiter Anhänger. Sie alle trugen gelbe T-Shirts.

Erst schmetterten die Neonazis ausländerfeindliche Parolen, dann flogen auch Flaschen

Augenzeugen zufolge bildeten Demokraten aus verschiedenen Parteien und Organisationen, die das beobachtet hatten, kurzerhand eine Menschenkette vorm Rathauseingang. Die Neonazis schmetterten ihnen zunächst Parolen wie "Ausländer raus - Deutschland den Deutschen" entgegen, dann auch Flaschen. Die Nazis sprühten zudem Pfeffergas. Es gab Verletzte. Einige der Angreifer ließen ob ihres Auftretens Rückschlüsse darauf zu, dass sie Anhänger des NWDO sind. NWDO ist das Kürzel für "Nationaler Widerstand Dortmund", eine rechte Organisation, die vor einiger Zeit verboten worden ist. Wie noch am Sonntagabend bekannt wurde, war - für den Fall, "Die Rechte" gewönne bei der Kommunalwahl Mandate, durchaus mit einem "Auftritt" der Neonazis am oder im Rathaus gerechnet worden.

Warum kam die Polizei so spät?

Fragt sich nur, warum die Polizei im Ernstfall kaum präsent war. Noch vor Polizeikräften in nennenswerter Zahl trafen Ambulanzen ein. Stärkere Polizeikräfte erreichten den Friedensplatz - so berichteten Augenzeugen - erst nach ca. 20 Minuten. Und das, obwohl sich das Polizeipräsidium unweit des Rathauses befindet!

Aus Opfern werden Täter - Ein TV-Bericht läßt jedoch kaum zweifeln, wer die Täter waren

Einen Tag später relativieren Polizei- und Presseberichte die empörenden Vorkommnisse. Beinahe werden darin die eigentlichen Opfer zu Tätern gemacht. Ein TV-Bericht des WDR lässt allerdings betreffs der wahren Gewalttäter kaum Fragen offen (viaYouTube "Frau Maja"/WDR).

Protest "Gegen rechte Gewalt" am Tag danach

Gestern nun, am 28. Mai 2014, war in Dortmund vor dem Rathaus auf dem Friedensplatz zu einer Protestdemonstration "Gegen rechte Gewalt" aufgerufen worden.

Trotz kühlem Wetter und leichtem Nieselregen hatten sich zirka 400 Menschen vor dem Rathaus eingefunden. Auch die Medien zeigten Interesse. TV-Teams von WDR und SPIEGEL TV waren vor Ort.

Bevor sich der Demonstrationszug in Richtung Nordstadt in Bewegung setzte, wo der Neonazi Borchert seinen Wohnsitz hat, berichteten zwei Augenzeugen über den empörenden Angriff der Neonazis auf Demokraten und das Rathaus der Stadt.

Der erste Augenzeuge schilderte, wie er bemerkte, dass sich die Neonazis dem Rathaus näherten. Es sei, so der junge Mann, sofort ersichtlich gewesen, dass sich martialisch gebärdende Gruppe auf Krawall ausgewesen sei. Seiner Meinung anch bestünden kaum Zweifel daran, dass dieser Angriff auf das Rathaus geplant gewesen sei. Auf der Stelle habe er dann Leute im Rathaus alarmiert. Daraufhin sei es spontan zur Bildung einer Menschenkette gekommen. Zu allem Überfluss wurde der junge Demokrat bald daraufhin auch noch von einem Polizisten zur Herausgabe seiner Personalien gezwungen. Ein Neonazi, so die Begründung des Polizeibeamten, habe ihn wegen Beleidigung angezeigt.

Lob für fünf mutige Polizisten

Der zweite Augenzeuge machte klar, wie gefährlich das Ganze gewesen sei. Da man sich zu einer Menschenkette eingehakt hatte, habe man die schon bald erfolgenden Flaschenwürfe vonseiten der Neonazis nicht abwehren können.

Dieser Zeuge lobte ausdrücklich die ersten am Ort eingetroffenen zwei Polizisten und die wenig später hinzugeeilten drei weiteren Ordnunghüter. Sie hätten die das Rathaus schützenden Menschen vor dem Schlimmsten bewahrt. Dafür gebühre den mutigen Polizisten Lob. Beifall auf dem Friedensplatz.

Demgegenüber kritisierte der Mann jedoch das späte Eintreffen massiverer Polizeikräfte und die Darstellung der Vorfälle am nächsten Tag durch die Polizei selbst.

Borchardts Ziel: "Mit einem Schlag ins Rathaus"

Dabei hätte sowohl Staatsschutz wie Polizei zumindest alarmiert und dementsprechend vorbereitet sein können.

Befand sich vor der Wahl doch auf der Facebookseite des Spitzenkandidaten der Partei "Die Rechte", Siegfried Borchardt, eine Botschaft, die Gewalt zumindest befürchten lassen musste: Auf einem Bild präsentiert sich Borchardt mit Sonnenbrille und schwarzem Tuch über dem Kahlkopf. Borchardts Faust zielt in die Kamera. Darunter im Text das anvisierte Ziel: "Mit einem Schlag ins Rathaus!"

Nach den Schilderungen der empörenden Vorkommnisse am Vortag seitens der zwei Augenzeugen lief der Zug der Dortmunder, die längst die Schnauze voll von Nazis und erst recht von Nazigewalt haben, vom Friedensplatz los.

Dazu, wie der gestrige Protest "Gegen rechte Gewalt" - den ich selbst nicht weiter begleiten konnte - weiter verlief, einen abschließenden Bericht des Redaktionsleiters des Straßenmagazins "bodo", Bastian Pütter, auf Facebook:

Schweigeminute an der Gedenktafel für NSU-Mordopfer Mehemet Kubasik ruhiger Ausklang des Protestes

"Laut, bunt friedlich, nassgeregnet endete die Demonstration gegen rechte Gewalt am Dortmunder Hafen.
Zwischenkundgebungem in der Innen- und Nordstadt, eine Schweigeminute am Schauplatz des NSU-Mordes an Mehmet Kubasik
(Lesen Sie dazu hier mehr; d. A.)
Kurze Aufregung nur, als ein verirrter Nazi nur wenige Meter davon entfernt es mit 400 Demonstrierenden aufnehmen wollte. Die Ordner deeskalierten und alles blieb ruhig.
Die Polizei hielt sich zurück, die Dortmunder Reiterstaffel regnete einsam im Blücherpark ein. Die und alle anderen gehen sich jetzt was Trockenes anziehen. So, Feierabend."

12:13 29.05.2014
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Geschrieben von

asansörpress35

Politischer Mensch, der seit der Schulzeit getrieben ist, schreibend dem Sinn des Lebens auf die Spur zu kommen.
asansörpress35

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