Gauck gut, alles gut?

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Das Erstaunen hielt nur kurz an. Nach dem unrühmlichen Abgang von Christian Wulff hatte die Union – und ihr voran Bundeskanzlerin Angela Merkel – bei der Kandidatensuche für das Bundespräsidentenamt die Benennung von Joachim Gauck noch ausgeschlossen. Nur zu verständlich: Denn bei der letzten Bundespräsidentenwahl hatte Schwarz-Gelb noch Stein und Bein auf Wulff gesetzt.




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Löst ein Bundespräsident Gauck den von Roman Herzog geforderten Ruck durch unser Land aus? (Foto: Sebastian Hillig/flickr)

Doch als es nun offenbar pressierte, infrage kommende Kandidaten abwinkten und andere aus welchen Gründen auch immer nicht ins Auge gefasst wurden, fiel Angela Merkel einmal mehr um und hob Joachim Gauck aufs Kandidatenschild. Wir erinnern uns: Erst voll Pro-Atom, dann nach Fukushima die Wende zum Atomausstieg. Wird der “Umfaller” Merkel schaden? Wohl kaum. Auf der Gauck-Sympathie-Welle surfend dürfte die Bundeskanzlerin nun abermals punkten. Aber ist der Joachim Gauck auch der richtige Mann für das Amt?

Löst ein Bundespräsident Gauck den von Roman Herzog geforderten Ruck durch unser Land aus?

Nach dem Abtritt des peinlichen “Schnäppchenjägers” Wulff hätte es auf dem Stuhl des Bundespräsidenten nun dringend einer Frau (warum eigentlich nicht endlich mal!) oder eines Mannes bedurft, die/der charakterlich dafür bestens geeignet ist und durch deren/dessen Amtsführung bewirkt, das Vertrauen in Demokratie und Politik insgesamt wieder zu stärken. Ob Joachim Gauck als Bundespräsident nun derjenige sein wird, dem es gelingt den von einem seiner Vorgänger (Roman Herzog geforderten aber nicht eingelösten Ruck durch Deutschland (der heute nötiger ist als damals!) auszulösen, muss sich zeigen.

Joachim Gauck: Vom Rostocker Stadtpfarrer zum “Großinquisitor”

Zumindest geniesst der evangelische Theologe Joachim Gauck, der frühere Stadtpfarrer von Rostock, ein hohes Ansehen in der deutschen Politik und durchaus bei grossen Teilen der deutschen Bevölkerung. Schließlich war Joachim Gauck ehemals Bürgerrechtler in der ehemaligen DDR (!). Unter deren Diktatur Gauck, wie er sagt, Zeit ihres Bestehens litt. Nach dem Ende der DDR wurde der Pfarrer und einstige Bürgerrechtler Leiter der Behörde für die Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR (MfS). Der Theologe verkörperte das Amt schon bald so sehr, dass man eigentlich von ihm nur noch als “Gauck-Behörde” schrieb und sprach.

Der stramme Kommunistenhasser Gauck nahm die Aufarbeitung von DDR-Unrechts, begangen durch das MfS, seiner offiziellen und inoffiziellen Mitarbeiter (IM’s) sehr ernst. Aus purer Rache ? Nun ja: Gauck erfüllte das betreffs seines Verantwortungsbereiches, was der damalige Justizminister Klaus Kinkel (FDP) auf viele Bereiche in Sachen DDR verlangte, nämlich deren Delegitimierug. In der Zeit der Amtsführung durch Joachim Gauck tauchten immer wieder – scheinbar wie aus dem Nichts – IM-Vorwürfe gegenüber bestimmten Personen auf, denen die herrschende Kohl-Regierung damals meinte etwas am Zeuge flicken zu müssen. Nicht immer stimmte diese. Wie gelangten sie aus der Gauck-Behörde ans Licht der Öffentlichkeit – ausgerechnet dann, wenn sie gebraucht wurden?

Vielen – hauptsächlich natürlich den mit unappetitlichen Vorwürfen konfrontieren Menschen – musste der, Ironie der Geschichte: über die Unterlagen des Geheimdienstes des “Unrechts”-Staates DDR, mächtig gewordene Chef der Stasi-Unterlagenbehörde bald als eine Art “Großinquisator” vorkommen. Versöhnen statt Spalten (Johannes Rau) war augenscheinlich nicht die vorrangige Aufgabe der Gauck-Behörde, noch das Ziel ihres Chefs. Waren die Bürgerbespitzelungen, deren fragwürdige Ergebnisse sich in den Unterlagen des MfS niederschlugen, einst ein Instrument der DDR-Diktatur auch um die eigene Bevölkerung in Schach zu halten, wurden sie in der demokratisch verfassten BRD nun zum Werkzeug und im Einzelfall sogar zum Totschlagsargument (mit IM-Vorwürfen bedachte Menschen nahmen sich das Leben, oder verloren ihre Arbeit) abermals gegen unliebsame Mitbürger oder dienten einfach “nur” der Delegitimierung der verhassten DDR.

Schatten auf dem Saubermann-Image des Dr. h.c. Joachim Gauck

Dieser Tage erinnerte die “Gießener Zeitung” daran, dass ihrer Meinung nach “Dr. h.c. Joachim Gauck, ein Saubermann mit Dreck am Stecken” sei. Demnach fallen auf den heute ach so honorig daherkommenden vor Eloquenz sprühenden Joachim Gauck auch ein paar Schatten, wovon der Mann nun natürlich schweigt. Der Autor des o. g. Beitrages, Michael Beltz, greift noch einmal auf, was auch im Spiegel 17/91 zu lesen sei, dass Joachim Gauck im Jahre 1990 “stundenlang allein im Rostocker Bezirksarchiv des MfS” mit seinen persönlichen Stasi-Akten beschäftigt. Der damalige DDR-Innenminister Diestel bezeichnete den Vorgang als “eindeutig illegal und rechtswidrig” bezeichnete.

Dem Beitrag nach verfügte Pfarrer Gauck zu DDR-Zeiten über gute Beziehungen zum MfS. Er verdankte den DDR-Schlapphüten sogar manche Privilegien. Privilegien, von denen “normale” DDR-Bürger allenfalls träumen konnten. So durften Gaucks Söhne in die BRD übersiedeln. Damit nicht genug: Sie konnten jederzeit auch zurück in die DDR kommen! Auch Gauck verschaffte diese Geschichte Reisen in den Westen. Eigens für Gauck soll ein VW-Transporter importiert worden sein. Am 23.4.1991, so heisst es im Beitrag von Beltz, habe auch die “Welt” bestätigt, dass es ein 90-minütiges Gespräch gegeben habe, dass Gauck am 28.7.1988 mit dem MfS-Mitarbeiter Terpe führte. Darin soll Gauck geäußert haben: “Dass es dringend notwendig ist, die Attraktivität des Sozialimus entscheidend zu steigern” und “die Bürger ein eches Heimatgefühl entwickeln”, sowie “das letzten Endes auch er versagt und nicht alles dafür getan habe, dass seine Kinder in der DDR blieben”. Zum Abschluss des Gespräches mit Terpe soll Joachim Gauck noch gefragt haben, ob er, wenn er seinerseits ein Problem habe, sich an das MfS wenden könne.

Ist das nun verwerflich?

Um darüber zu urteilen muss man wohl das Leben in der DDR aus eigner Erfahrung kennen. In der Not und in der Sorge um die eignen Kinder haben Menschen verständlicherweise einiges getan, auf sich genommen, gesagt und auch aufgeschrieben. Da wurden Menschen – wenn ihnen etwa wegen einer kleinen Dummheit Knast drohte oder man schneller wieder da rauskommen konnte – auch zu IM’s. Ich selbst kenne einen solchen Fall. Wie hätte ich wohl in seinem Fall gehandelt? Wer also werfe in einem solchen Falle den ersten Stein? Diese Person hat übrigens niemanden geschadet.

Auch Joachim Gauck hat eben das Wohl seiner Kinder im Auge gehabt. Als DDR-Bürger und erst recht als Pfarrer dürfte er gewusst haben, wenn man in bestimmten Fällen etwas erreichen wollte, musste man mit dem MfS reden. Und wer da auf volle Konfrontation setzte, lief ins Leere oder kam in die Wanne, in den Knast. Niemand wird Gauck heute sein damaliges Handeln pauschal vorwerfen. Dass allerdings einstige DDR-Bürger mit ähnlichen Problemen damals, jedoch bar jener Privilegien wie sie Herrn Gauck zuteil waren, mindestens kritische Fragen an ihn haben, muss sich der heute – nun als Bundespräsidentenkandidat – wieder als reiner “Saubermann” herüber kommende ehemalige Pfarrer dann doch gefallen lassen.

Eloquenter Opportunist

Nein, Versöhnen statt Spalten, war nicht eben die Devise des Großinquisators Gauck an den Schalthebeln der Stasi-Unterlagenbehörde. Stets eloquent auftretend gab Gauck den Gnadenlosen, bzw. ließ zu, dass “seine” Behörde für Einzelne so wirkte. Michael Beltz hat Recht, wenn er schreibt: “Oft reichte ein Furz der Gauck-Behörde für eine Hexenjagd bis zur Vernichtung von Existenzen.”

Neben der großen Bewunderung in der deutschen Öffentlichkeit gibt es Stimmen hierzulande, die Joachim Gauck als Opportunist bezeichnen. Was stimmte wenn es zutrifft, dass Gauck sich damals dem MfS andiente, um seinen Söhnen die Ausreise zu ermöglichen und selbst ein “gemütliches Leben” in der DDR führen zu können, wie die “Gießener Zeitung” schreibt.

Und mit Verlaub: Spurt der ehemalige DDR-Bürgerrechtler, in der BRD zum Doktor honoris causa (ehrenhalber) gemacht wurde, Joachim Gauck auch als BRD-Bürger (das Anhängsel -rechtler ist nicht nur optisch verschwunden) nicht längst wieder wie ein perfektes Rädchen im Getriebe der inzwischen wie geschmiert in der politischen Maschine der laufenden Freiheitlich demokratischen Grundordnung der längst in die Postdemokratie abgerutschten Demokratie der Berliner Republik mit? Einmal Opportunist, immer Opportunist?

“Freiheit als Verantwortung”

Gauck schreibt und redet von “Freiheit als Verantwortung” (eines von Gaucks Referatsthemen). In der Tat: Von Solidarität, wie gestern Heiner Geißler bei Günter Jauch zu Recht einwendete, hat man von Gauck noch nichts verlauten hören. Was hat ein Hartz-IVler, ein Prekarisierter von dieser “Freiheit”? Welche Verantwortung kann er innerhalb der Gesellschaft übernehmen? Dazu schweigt der nunmehrige Bundespräsidentenkandidat. Wie er über seine von der MfS zugestandenen Privilegien in DDR-Zeiten schweigt.

Gauck findet Occupy “unsäglich albern” und Gutes an Afghanistankrieg und Sarrazin

Joachim Gauck scheint am neoliberalen Treiben wenig Kritik zu haben. Ist der Bürgerrechtler in ihm völlig abgestorben? Die auf die verbrecherischen Machenschaften der Diktatur des Finanzkapitalismus zurückzuführende Finanz- und allgemeine Vertrauens- und Demokratiekrise reagierende “Occupy-Bewegung” nannte Joachim Gauck im vergangenem Jahr “unsäglich albern”. Die Vorratsdatenspeicherung begrüßte er. Gegen den Afghanistan-Krieg hat der künftige Bundespräsident nichts. An Sarrazins wirren sozialdarwinistischen und rassistischen Thesen will Herr Gauck auch Gutes entdeckt haben, zumindest fand er das Buch des Hobbygenetikers “mutig”. Dem “Steuersparmodell” der Bertelsmann AG, der betreffs ihres Tuns oft fragwürdigen Bertelsmannstiftung steht Joachim Gauck nahe.

Gauck zeigte sich verwirrt. Merkel eine mürrische Siegerin

Dieser Mann soll also unser nächster Bundespräsident werden? Eine Mehrheit des Volkes kennt ihn nur als mutigen DDR-Bürgerrechtler und Kämpfer gegen MfS- und DDR-Unrecht. Ein honoriger Mann also. Und ein prächtiger Rhetoriker ist der zudem ebenfalls. Auch ist Gauck parteilos. Sowie Pfarrer. Obwohl Gauck diese Berufung seit Jahrzehnten nicht mehr ausübt, zählt eben gerade auch dieser theologische Stallgeruch in Zeiten, in denen uns wichtiger Werte abhanden gekommen sind. Gauck, ein Mann also wie geschaffen für das Amt des Bundespräsidenten? Nun das mag ein jeder für sich selbst bedenken. Nur: einen Einfluss auf seine Wahl oder Nicht-Wahl haben wir als Volks ja ohnehin nicht.

Alle, eingeschlossen Angela Merkel samt Union und Politbübchen Rösler von der Zweiprozentpartei FDP, sind nun voll des Lobes über die gestrige Einigung auf den Kandidaten Joachim Gauck. Alle liebten und lieben ihn. Ein Großteil des Volkes sowieso. FDP-Rösler tönte gestern mit rollenden Augen und aufgeplusterten Wangen, als sei seine Partei geradezu der Erfinder des Kandidaten Gauck gewesen. Ach: Und SPD-Chef Gabriel gab gestern Abend süffisant der Kanzlerin noch ein’s mit. Schließlich war die SPD immer schon für Gauck und ätschbätsch “Mutti” Merkel nicht. Die nahm’s mit mürrischer Miene hin ließ kurz die Lefzen hängen. Naja: Ihr wird’s nützen, wetten?

Und der Kandidat, Joachim Gauck, saß dann plötzlich auch noch auf dem Podien neben den Präsidentenkandidatenmachern. Ziemlich “verwirrt”, wie er selbst bekannte und noch dazu “ungeschwaschen” sei er herbeigeholt worden. Er war in Wien gewesen und erst vor Kurzem in Berlin gelandet. Hatte er in der Donaumetropole über “Freiheit und Verantwortung” referiert? Tatsächlich wirkte Gauck ziemlich mitgenommen, mit faltig-verknautschtem Gesicht und verwirrt. Ungewaschen? Na soweit ist die Fernsehtechnik noch nicht. Die Verwirrung wie die Falten werden sich legen, wenn er erstmal unser Bundespräsident sein wird. Wetten? Und Reden wird der halten, dass wir die Ohren anlegen werden!

Was nun? Gauck gut, alles gut? Merkel ist wieder einmal umgefallen. Was sie – witzig, witzig – abermals stärken wird. Ach eine Frage noch: Wird es einem Bundespräsidenten Joachim Gauck, der gewiss nicht als Lehrling ins Amt kommt wie Vorgänger Wulff – da walte Hugo! – gelingen, uns von der Postdemokratie wieder auf den Weg der Demokratie zurückzuführen, um unsere Gesellschaft – das klingt nur wie ein Widerspruch – damit wieder nach vorn zu bringen und gerechter zu machen? Wenigstens mit dem Mittel der Rede!

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Readers Edition

14:50 20.02.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

asansörpress35

Politischer Mensch, der seit der Schulzeit getrieben ist, schreibend dem Sinn des Lebens auf die Spur zu kommen.
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