Gewerkschaftsbosse haut in die Tasten!

Offener Brief Eine ehemalige Landtagsabgeordnete schrieb Anfang April einen kritischen Offenen Brief an die Vorstände der Gewerkschaften. Deren Antwort steht noch immer aus.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Seit Anfang April 2012 steht Heidelinde Penndorfs „Offener Brief an die Vorstände der Gewerkschaften“ im Netz. Penndorf (55), die von 2006 bis 2011 Mitglied des Landtags Sachsen-Anhalt (für die Linkspartei) war hat darin im Wesentlichen die wichtigsten sozialen Missstände hierzulande thematisiert. Und kritisiert, dass die deutschen Gewerkschaften die Anzeichen des Beginns von Sozialabbau nicht früh genug als Alarmsignal zum Handeln begriffen hätten.

Heidelinde Penndorf ging hart mit den Gewerkschaften ins Gericht

In ihrem Offenen Brief notierte sie, die deutschen Gewerkschaften hätten es ihrer Meinung nach zugelassen, dass Deutschlands Menschen auseinanderdividiert werden konnten. Die Gewerkschaften hätten versäumt ihren originären Pflichten nachzukommen, in dem sie soziale Grausamkeit nicht nur verschliefen, sondern letztlich auch ohne nennenswerte Gegenwehr zuließen.

Erst mit der Agenda 2010, konstatiert Heidelinde Penndorf, machte (rot-grüne!) Politik, neoliberalem Druck aus Finanzwelt und Großkonzernen nachgebend, es politisch und in Gesetzesform gegossen möglich, dass die Menschen in Deutschland gegeneinander ausgespielt werden konnten. Diejenigen, welche nützlich für die Gesellschaft sind, weil sie etwas leisten, standen fortan der anderen Gruppe von Menschen gegenüber, die aus unterschiedlichen Gründen auf Leistungen des Staates (der Gesellschaft) angewiesen sind. Für letztere sollte nun gelten: Fördern und Fordern.

10 Jahre Hartz IV: Es blieb hauptsächlich beim Fordern und Schikanieren

Wie wir jedoch inzwischen nach 10 Jahren Hartz IV wissen, blieb es hauptsächlich beim Fordern. Und Schikanieren. Hartz IV als Druck auf diejenigen, welche lieber prekär bezahlte Arbeit annehmen, als in diese mit der „Reform“ verbundene Sackgasse zu geraten. Und zum Behufe der Lohndrückerei zugunsten der Unternehmen.

All das – erinnert Penndorf in ihrem Brief – sei durch regierungshörige Medien und die Regierung selbst über lange Jahre hinweg geschickt inszeniert worden. Wo also blieb die Gegenwehr der Gewerkschaften?

Mittlerweile befinden wir uns Mitte des Monats August. Also fast vier Monate sind seit der Veröffentlichung des Briefes vergangen. Zeit nachzuhaken, wie die Reaktion seitens der deutschen Gewerkschaftsbosse ausgefallen ist. Heidelinde Penndorfs Antwort auf meine Frage, wer inzwischen geantwortet habe ist ernüchternd: „Niemand.“

Dabei war sie beim Verfassen des Briefes noch so hoffnungsvoll gewesen. In einem sich den Offenen Brief anschließendem Aufruf schrieb Penndorf damals:

„Ich hoffe, es ist mir gelungen, Sie, die Gewerkschaftsfunktionäre, wachzurütteln. Stellen Sie sich endlich auf die Seite des Volkes. Nehmen Sie sich ein Beispiel an den Gewerkschaften in Spanien, Portugal, Griechenland, Italien und Frankreich …Stehen Sie endlich an unserer Seite, wir sind die 99 Prozent!!!“

Abgewogen

Angesichts der Komplexität der von Heidelinde Penndorf aufgeführten Missstände – und die reellen Möglichkeiten der Gewerkschaften, die sie verursachenden bzw. verschärfenden „Reformen“ seinerzeit verhindern zu können, sorgfältig dagegen abwägend - war ich selbst versucht, die Gewerkschaften wenigstens einigermaßen in Schutz vor den im Brief erhobenen Vorwürfen zu nehmen.

Dessen eingedenk notierte ich damals: „Unabhängig davon, dass dieser Offene Brief wichtige Fragen unserer Gegenwart enthält und zu geflissentlichen Diskussion stellt, haben natürlich die Gewerkschaften heute gegenüber ihren historischen Anfängen nicht mehr eine geschlossene und so starke Arbeiterschaft (Arbeiterklasse) als Resonanzmasse. Nichtsdestotrotz kommt den Gewerkschaften nach wie vor eine wichtige Aufgabe zu. Sie müssen heute nur verstärkt europaweit agieren und sich überdies geeignete Verbündete in Parteien, Verbänden und gesellschaftlichen Gruppe und Bürgerinitiativen suchen. Auch hier hülfe ein Blick zurück in die Vergangenheit. Da hieß es einst einmal: 'Gemeinsam sind wir stark!'“

Mitverantwortung

Niemand, gewiss auch Heidelinde Penndorf nicht, dürfte bei der Veröffentlichung des Briefes beabsichtigt bzw. erwartet haben, dass nun die Vorstände der Gewerkschaft als Schuldige an der Misere gebrandmarkt werden und infolgedessen öffentlich zu Kreuze kriechen. Dennoch kann man sie nicht von der Mitverantwortung völlig davon freisprechen, dass etwa Hartz IV so durchkommen konnte wie es unter Rot-Grün geschah. Zwar weiß niemand, ob, hätten die Gewerkschaften damals zu Großdemonstrationen aufgerufen, entsprechende Masse aufzubringen gewesen wäre, um zum politischen Gegen-Gewicht zu werden. Man muss ja dabei bedenken, dass die Auswirkungen dieser „Reformen“ von der breiten Masse anfangs wohl kaum verstanden worden sein dürften.

Neue Glaubwürdigkeit nötig

Wie auch immer: Im Nachhinein liegen ja nun einige Unterlassungen der Gewerkschaften offen zutage. Weshalb eine kritische Auseinandersetzung darüber auch und gerade betreffs gegenwärtig und künftig sich womöglich notwendig machender gewerkschaftlicher Reaktionen in Zeiten der sich verschärfenden Eurokrise äußert wünschenswert wäre. Doch diesbezüglich herrscht Schweigen im Walde. Im Grunde genommen geht es den Gewerkschaften da wie der SPD mit der Agenda 2010. Das pappt an. Nur eine eindeutige Abkehr vom einst falsch eingeschlagenen Weg kann zu neuer Glaubwürdigkeit führen. Mit ein bisschen Bankenschelte, wie jüngst von Sigmar Gabriel vorgebracht, ist das nicht zu machen.

Wo seid ihr denn?

Heidelinde Penndorf muss es schon am 21. April 2012 geahnt haben. Da schrieb sie nämlich im Kommentarbereich des veröffentlichten Offenen Briefes: „Wo seid ihr denn, ihr Bundesvorstände der Gewerkschaften, warum reagiert ihr nicht? Ist euch das alles egal, was in Deutschland so passiert? Seid ihr schon so verbandelt mit der Politik, dass ihr euch den Schuh anzieht und deshalb nicht antwortet?“ Und sie zählte noch einmal die Adressaten ihres Offenen Briefes auf:

ver.di
DGB
Europäischer Gewerkschaftsbund
IGBCE
GDP Gewerkschaft der Polizei
Beamtenbund u.Tarifunion
Eisenbahn- u. Verkehrsgewerkschaft
Gewerkschaft Nahrung u. Genuss
Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft

Nicht mal Bsirske

Nun ist es also schon fast Ende August und man muss noch immer fragen: Warum reagiert ihr nicht? Was, so frage ich, wäre so schlimm daran? Es ist schon sehr enttäuschend, dass nicht einer der Gewerkschaftsvorstände geantwortet hat. Wenn es um eine Wette gegangen wäre: ich hätte darauf gesetzt, dass zumindest ver.di-Chef Frank Bsirske in die Tasten haut, oder hauen lässt, um Heidelinde Penndorf zu antworten.

Wäre eine Antwort: Heißer Herbst

Gut, dass ich nicht wette. Denn diese Wette hätten ich rauschend verloren. Ein Armutszeugnis! Aber wer weiß, vielleicht sitzen ja die Gewerkschaftsbosse längst an einer gemeinsamen Konzept zwecks Ausrufung eines heißen Herbstes, der endlich mal dem Sinne nach ein solcher wäre. Wäre es so, man könnte es durchaus als Antwort auf den Offenen Brief von Heidelinde Penndorf gelten lassen. Millionen Gewerkschaftsmitglieder und Bürgerinnen und Bürger ohne Gewerkschaftsausweis, Arbeitslose, prekär Entlohnte und anderswie Abgehängte der Gesellschaft warten so dringend auf eine ausdrucksstarke Antwort. Seit Anfang April 2012 steht nun der danach fragende Offene Brief im Netz. Mit Null Reaktion seitens der Gewerkschaftsbosse. Ich wollte einfach mal nachhakt haben. Mehr nicht. Gewerkschaftsbosse traut euch: Haut in die Tasten, Kollegen!

13:49 18.08.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

asansörpress35

Politischer Mensch, der seit der Schulzeit getrieben ist, schreibend dem Sinn des Lebens auf die Spur zu kommen.
asansörpress35

Kommentare 2