Griechenlandkrise: In den Abgrund blicken

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Ob man darüber nun wirklich froh sein kann bzw. sollte, ist natürlich eine ganz andere Frage. Die meisten von uns kannten ja schwere Wirtschafts- und Finanzkrisen bisher wohl nur aus dem Geschichtsunterricht. Was ja irgendwie dröge war. Jetzt können wir life dabei sein. Sollen wir also froh darüber sein?

Nun, diese Frage stellt sich im Grunde genommen gar nicht mehr. Schließlich ist ja alles bereits voll im Gange:. "Wenn man lange genug in einen Abgrund hineinblickt, muss man vorsichtig sein, dass der Abgrund nicht irgendwann in einen selbst hineinblickt", so der Philosoph Friedrich Nietzsche.

Wie weit mag der Abgrund - vor dem wir mindestens seit dem Beginn der schwersten Weltwirtschaftskrise seit 80 Jahren mehr oder weniger stehen - wohl nun schon in uns hinein blicken? Nietzsches Warnung ist dieser Tage ernster denn je zu nehmen. Erst recht seit der Verschlimmerung der sogenannten Griechenland-Krise.

Athen, so eine führende Ratingagentur dieser Tage, stünde unmittelbar vor der Staatspleite. Ergo: vor dem Abgrund! Alle - voran die Griechen selbst - blicken nun in den Abgrund. Und wir ahnen alle: Dieser blickt bereits gewaltig zurück. Zuerst auf die Griechen. Aber ein bisschen auch schon in uns selbst hinein. Wobei gerade wir Deutschen vielleicht noch ein wenig besser dran sind, als die Hellenen - mögen wir im Gegensatz zu denen, unter deren Füßen nun schon der Rand abbröckelt - doch noch ein, zwei Meter weg vom Abgrund stehen und uns momentan sogar weit vorbeugen müssen, um neugierig ins Loch gaffen zu können. Wir Deutschen stehen ja bekanntlich (vor allem dem Ausland und Ausländern gegenüber) oft gern etwas über den Dingen. Aber ist diese Haltung komfortabel? Diesmal drohen womöglich Haltungsschäden...

Nun soll hier gar nicht Griechenlands eigene Schuld an der Misere unter den Teppich gekehrt werden. All das kann als zur Genüge bekannt vorausgesetzt werden. Nur Interesse halber wollen wir an dieser Stelle nur einmal kurz die Frage anklingen lassen, warum die anderen EU-Länder (und gerade auch Deutschland) die letzten Jahre angeblich, so gar nichts von den Finanz-Tricksereien des bis vor kurzem noch konservativ regierten Griechenlands bemerkt haben wollen.

Fakt ist, dies hin und das her: Das in vieler Augen plötzlich böse Kind Griechenland droht in den Brunnen (Abgrund) zu fallen. Deshalb benötigt es die Hilfe der EU. Schließlich hängt alles mit jedem zusammen. Letztlich ist die ganze Eurozone in Gefahr. Warum jedoch wartete die EU mit der Hilfegewährung betreffs seines Mitglieds Griechenland so gefährlich lange zu, bis fragwürdige Ratingagenturen (die, weil es die Politik zuließ, alles andere als unabhängig sind) posaunen konnten: De facto seien Griechenland-Anleihen inzwischen "Ramschpapiere"?

Jeden nur halbwegs mit der Materie vertrauten Experten, selbst den Halbgewalkten unter ihnen, musste doch sonnenklar sein: So lange die Finanzen Griechenlands nicht als abgesichert gelten, wird auf die griechischen Staatsanleihen munter drauflos spekuliert. Das ist schlimm. Man kann es auch als verwerflich nennen. Nur wundern darüber darf sichdoch niemand! Denn, so platt es auch klingen mag, es ist doch wahr: Spekulanten sind Spekulanten, sind Spekulanten. Und so spekulieren sie eben. Müssen es gerade zu. Nur die entscheidende Frage ist: Was kann man dagegen tun? Ganz einfach, sagen da Experten, wie etwa Heiner Flaßbeck: Man muss den Spekulanten rasch den Wind aus den Segeln nehmen! Sprich: Griechenland sofort Geld zur Verfügung stellen.

Dies aber wurde bekanntlich unterlassen. Warum wartete man zu, schob die so dringend nötige Hilfe (als Stoppsignal gegenüber den Spekulanten) auf die lange Bank? Warum tönte auch Griechenlands Regierung, wir fordern erst einmal nichts von der EU? Hatten die EU-Granden Athen auf diese Haltung vergattert? Wenn ja, warum? Denn ein solches Handeln schadet (was vorauszusehen war) Griechenland und der EU gleichermaßen!

Eine nur als schändlich zu bezeichnende Haltung in dieser Angelegenheit nahm die deutsche Bundesregierung resp. die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ein. Von mehreren Seiten schlägt der angeblich mächtigsten Frau der Welt nun auch dementsprechend scharfe Kritik entgegen. Zuletzt auch aus der österreichischen Presse. Wer dies als üble Kriteleien eines kleinen Nachbarvolkes der Deutschen abtun mag, kann dies tun: indes die österreichische Kritik stimmt und trifft den Nagel zielgenau auf den Kopf!

Denn Merkel trickste betreffs der Ursachen der Griechenland-Misere und der Verantwortung auch Deutschlands daran. Sie log, blendete, lenkte ab, täuschte und versuchte uns wo es nur ging hinter den Busch zu führen. Und sie saß breit aus. Das hat "Kohls Mädchen" vom "Einheitskanzler" gelernt, den sie später kalt abservierte. Einen GAU jedoch kommt es gleich, dass maßgeblich Angela Merkel es war, die betreffs der Griechenland-Krise auf Zeit spielte. Wertvolle Zeit, die man hat verstreichen lassen. Griechenland, hauptsächlich die Armen und die Mittelschicht der Hellenen, werden diese vertane Zeit in vielfältiger Form bitterst bezahlen müssen. Und zwar nicht nur ein paar Monate, bzw. Jahre lang, sondern im schlechtesten der Fälle über zehn und mehr Jahre hinweg.

Merkels Gründe so zu handeln, liegen durchsichtig auf der Hand: sie hätte die Geschichte wohl noch gern solange unter den Deckel (unter dem es gefährlich weiterbrodelte und die Spekulanten in Ruhe ihr giftige Süppchen kochen konnten) gehalten, bis die NRW-Landtagswahl am 9. Mai unter Dach und Fach ist. Dieses Kalkül ist nicht aufgegangen: Merkels Mundwinkel zeigen nach unten. Und unsere vielleicht bald auch? Gewiß, denn es glaube keiner, dass uns die neue Krise auf die eine oder andere Weise nicht betreffen wird.

Auch deutsche Medien verschleiern wieder mehr und machen Meinung, statt - was dringend gebotenund ihre natürlcihe Aufgabe wäre - zur Meinungsbildung beitzutragen. Sonst erführe man, dass griechische Schulden zum Teil auch auf deutsches Lohndumping daheim zurückzuführen ist, das Deutschland zum "Exportweltmeister" werden ließ. Selbst Frankreich übte letztens ministerielle Kritik an der deutschen Praktik des "Niederkonkurrierens" anderer Länder zu deren Schaden in Form auch von hoher Verschuldung.

Es ist ein Skandal, dass in der neuen Krise schon wieder übliche Verdächtige, wie Commerzbank und Hypo Real Estate eine Rolle spielen. Und Deutschland selbst bzw. die KfW-Bank, über die Griechenland den deutschen Anteil des EU-Kredits erhalten dürfte, verdient auch noch gut an den Zinsen, die Griechenland auf den Kredit zahlen muss. Deutschland wird sich das Geld für den Kredit zuvor günstiger von anderen Banken leihen. Nur freue sich niemand zu früh: Es ist längst nicht ausgemacht, dass Griechenland überhaupt vom zum zu vereinbarenden Termin an wird seine Schulden anfangen können zurückzuzahlen. Das geschah, die Geschichte belegt es, in anderen Fällen selten. Schließlich könnte in Griechenland aufgrund der Sparkonzerte und der Lohn- und Rentenkürzungen bzw. dem Einfrieren der Gehälter bald der Binnenkonsum ein- und eine Zeit der Rezession anbrechen.

Inwiefern wir Deutschen uns bald von der noch halbwegs komfortablen, aber womöglich Rückenschmerzen verursachenden Gaffer-Position - ein, zwei Meter vor dem Abgrund stehend - werden doch lösen müssen, weil uns die Umstände an den bröckelnden Rand des düsteren Schlundes stossen und wir fortan um unserer Zukunft zittern, steht indes in den Sternen.

Unsere Bundesregierung hat sich, um diese Zukunft abzusichern, nicht mit Ruhm bekleckert, sondern vielmehr große Schuld auf sich geladen. Überhaupt erscheinen die Schwarz-Gelben bisher als ziemliche Politik-Nulpen. Deshalb kann man sie als Nichtregierungsorganistation, als nationale Schande, Klientel-Regierung beschimpfen oder auch die Berliner Ministerriege als Dilettanten bezeichnen. Schwarz-Gelb, so mögen viele inzwischen denken, hat so manche Fehlleistung abgeliefert.

Doch halt möchte ich an dieser Stelle rufen, mich an den Kabarettisten Georg Schramm erinnernd. Dieser gibt in seinen Bühnenprogrammen schon einmal zu bedenken: Vielleicht seien die Minister in Berlin doch gar keine Dilletanten. Man müsse nur einmal gucken, wenn deren "Fehlleistungen" in praxi so nützen! Viele von uns hätten wohl leider eben nur das Pech, nicht zu den Gruppen in der Gesellschaft zu gehören, für die in unseren Augen diese "Fehlleistungen" von Schwarz-Gelb in Gesetzesform gegossen würden und hoch nützlich seien.

Ganz in diesem Sinne darf man vielleicht einmal kritisch nachfragen, warum denn eine wirksame gesetzliche Neurregelung der Finanztransaktionen und der Finanzdienstleistungen entgegenden großen Ankündigungen bislang noch immer aussteht. Eine entsprechende Regulierung ist nicht erfolgt. Die Banken bis jetzt nicht an den Kosten für deren Rettung, vor den Folgen der durch sie maßgeblich mit zu verantwortenden Finanzkrise, durch Steuerzahlergeld beteiligt. Dass soll auch beim Griechenland-Rettungspaket wieder so sein. Die SPD-regierten Bundesländer haben Widerstand angekündigt. Sie wollen erst das zu verabschiedende Griechenland-Hilfe-Gesetzt im Bundesrat passieren lassen, wenn Gesetzestext ein entsprechender Passus verankert wird...

Ja, kneift euch Leute: Dieses Mal sind wir life dabei und mitten in der Krise. Ob das so schön ist? Nun ja: Einen Vorteil hat es, wir könnten den nachfolgenden Generationen erzählen wie es dazu kam. Denn nichts fiel vom Himmel. Wie eben auch nicht die griechischen "Ramschpapiere". Keiner sollte das vergessen! Erzählen werden wir wohl dann auch von dem Gefühl, wie es ist, in den Abgrund hinein zu blicken. Mir jedenfalls ist schon jetzt etwas mulmig. Dabei weiß ich im Augenblick noch gar nicht: Blickt er schon in mich zurück, der Abgrund?

Empfehlenswert auch ein Beitrag der NachDenkSeiten zum Thema.

13:03 30.04.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

asansörpress35

Politischer Mensch, der seit der Schulzeit getrieben ist, schreibend dem Sinn des Lebens auf die Spur zu kommen.
asansörpress35

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