asansörpress35
28.04.2013 | 22:35 3

Inge Hannemann geht voran

Zivilcourage Jobcentermitarbeiter sollen ihre “Kunden” unter Umständen auch sanktionieren. Inge Hannemann sieht das kritisch. Nun hat sie ihr Arbeitgeber vorerst “freigestellt”.

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied asansörpress35

“Guten Morgen Ihr Lieben”, postete Inge Hannemann kürzlich auf ihr Facebook-Account. “Bin ich aktuell nicht erwerbstätig, marschiere ich jetzt jedoch zur Arbeit in mein “Kampagnenbüro” ( … )

Inge Hannemann ist eine über das behördenübliche Maß hinaus hoch engagierte Jobcenter-Mitarbeiterin in Hamburg. Die Arbeitsvermittlerin betreute hauptsächlich junge Hartz-IV-Empfänger. Für die ausgebildete Journalistin (sie betreibt den Blog “altonabloggt”: hier) saßen da vor ihrem Schreibtisch im Jobcenter Hamburg-Altona stets Menschen. Keine Fälle, "Kunden" oder gar Nummern. Und wie Menschen – so weit es das streckenweise unmenschliche Hartz-IV-System hergab – behandelte Inge Hannemann die von der Behörde euphemistisch “Kunden” Genannten des Jobcenters auch. Ihnen die Bezüge zu kürzen, fand sie “menschenunwürdig, weil der Betrag schon am Existenzminimum liegt”, ist Hannemann überzeugt. In der Regel weigerte sich die Mitarbeiterin Sanktionen wegen gewisser Versäumnisse gegen sie zu verhängen. Lieber griff sie den ihr anvertrauten Menschen beratend – auch schon einmal eine Bewerbung für sie schreibend – unter die Arme. Sie arbeitet eng mit ihren Kunden zusammen, statt gegen sie. Sie bemühte sich immer Vertrauen zwischen ihr und den “Kunden” aufzubauen. So, dass diese automatisch motiviert werden können, das eigene Leben besser zu gestalten. Hannemann kritisiert das Hartz-IV-System stark, da es das in den meisten Fällen nicht leiste.

Das Hartz-IV-System übt Druck aus und grenzt Menschen aus

Als Jobcenter-Mitarbeiterin erlebte Hannemann täglich was dieses System mit den Menschen macht. Sie wirbt stattdessen für das Bedingungslose Grundeinkommen (BGE). Es mag momentan zwar mehr als fraglich sein, ob das BGE eine Lösung der Probleme sein kann. Es gibt eine Reihe von Befürwortern. Aber auch Gegner, die gut begründen können, warum das BGE eine Lösung ist, die nur den Anschein einer solchen weckt. Wie auch immer: Für den Augenblick steht nun einmal fest: Das Hartz-IV-System drückt die davon Betroffenen. Und es beschämt sie. Weil es sie zu gesellschaftlich ausgegrenzten Fürsorgeempfängern, den man noch dazu grundgesetzlich verbriefte Recht nimmt, macht. Die Betroffenen befinden sich unter ständiger Kontrolle und dürfen nicht einmal den Wohnort ohne weiteres wechseln. Geschweige denn eine bestimmte Wohnung suchen. Selbstbestimmte Staatsbürger im Sinne des Grundgesetzes sind sie nicht (mehr). Und auf den Rest der arbeitenden Bevölkerung wirkt das Hartz-IV-System als Druck und Disziplinierungsinstrument.

Fordern und Fördern, hieß es einst unter Rot-Grün, sollten die Hartz-IV-Gesetze die Arbeitslosen. Inge Hannemann erlebte das in der Praxis ganz anders. Die Vermittlungsquote in reguläre Jobs, hat sie festgestellt, sei verschwindend gering. Stattdessen würden Erwerbslose in oft “sinnlose und entwürdigende Maßnahmen” geschickt. Damit die Statistik schön aussieht.

Für manche ist Inge Hannemann die “deutsche Fabienne” oder die “Hartz-IV-Rebellin” aus Altona

Für Viele ist Inge Hannemann inzwischen so etwas wie eine “deutsche Fabienne“. Die Französin Fabienne Brutus kämpfte in Frankreich als Sachbearbeiterin gegen die unmenschliche Verwaltung der Arbeitslosen in ihrer Behörde. Unterdessen gilt die engagierte Jobcenter-Mitarbeiterin so manchen in Deutschland als die Hartz-IV-Rebellin aus Altona. Arbeitsloseninitiativen und Hartz-IV-Kritikerin macht die Frau Mut. Für sie ist sie zu einer Art “Internet-Ikone” geworden. Viele Arbeitslose dürften nach langen Jahren des beschämten Erduldens aufgeatmet haben, als sie wahrnahmen, dass endlich einmal eine Jobcenter-Mitarbeiterin die Courage aufbringt, Nein zu Sanktionen und Nein zur Entmündigung und Verarmung von Millionen von Menschen zu sagen.

Inge Hannemann ist nicht naiv. Mit Konsequenzen auf ihr Wirken hat sie gerechnet

Wie lange aber konne das gut gehen? Seit Montagmorgen, teilte Inge Hannemann wiederum auf Facebook mit, ist als Hamburger Jobcenter-Mitarbeiterin offiziell beurlaubt. In ihr Büro im Jobcenter Altona kommt sie nur noch in Begleitung des Hausmeisters. “Freistellung” bzw. “Beurlaubung” nennt Hannemanns Arbeitgeber als Begründung für die Aussperrung einer kritischen, aber hoch engagierten Mitarbeiterin. Die Behörde beschied Hannemann es bestünden Zweifel, ob die Arbeit noch rechtmäßig durchgeführt werden könne. Inge Hannemann sagt, bezweifelt werde konkret, “ihre rechtskonformen Einstellung zum SGB II”. Vorgehalten werde ihr auch, dass sie die einschlägigen Vorschriften der §§ 31 ff. SGB II nicht ordnungsgemäß anwende. Naivität ist es nicht, was Inge Hannemann hat bis zu diesem Punkt schreiten lassen. Eine Ahnung hatte sie schon, dass ihre massive Kritik nicht ohne Konsequenzen bleiben würde. Schließlich war sie durch ihr “Whistleblowing” unbequem für ihren Arbeitgeber geworden. Auch eine auf ihrem Blog veröffentlichter Offener Brief an Jobcenter-Mitarbeiter hat ziemlicher Wirbel gemacht. Und immer öfters mussten sich offenbar ihre Kollegen von ihren Kunden Sätze wie diesen: “Frau Hannemann hätte anders reagiert”, anhören. Und manche dürfte Mut geschöpft haben: Anscheinend verweigern sie die Unterschrift einer Eingliederungsvereinbarung, weil Hannemann öffentlich dazu aufruft.


Dem Portal “Gegen-Hartz.de”, das ein Interview mit ihr führte, sagte Hannemann: ” Die Freistellung vom Dienst ist bis auf Widerruf. Das heißt, ich habe nun bezahlten “Sonderurlaub” und darf nur nach Meldung beim zuständigen Hausmeister mein Büro betreten. Der Schlüssel liegt beim Standortleiter des Jobcenters Hamburg-Altona, der dann zunächst von dieser Zweigstelle in mein Jobcenter transportiert werden muss.”
Wie lange die Freistellung währen soll wurde Frau Hannemann nicht mitgeteilt. Von ihrem eigentlichen Arbeitgeber, der Sozialbehörde in Hamburg (Basfi) hat sie bisher weder schriftlich noch mündlich irgendwelche Nachrichten erhalten. Arbeitsrechtlich dürfte dem Jobcenter wohl kein anderes Handeln übriggeblieben sein. Inge Hannemann weiß freilich selbst, dass sie intern für reichlich Wirbel sorgte, den die Jobcenter-Zentrale wohl hat unterbinden müssen, meint sie. Ob sie rechtliche Schritte gegen ihre Freistellung unternehmen wird will Hannemann noch mit ihren Anwälten besprechen.


Stéphane Hessel wär stolz auf Inge Hannemann gewesen

Recht und Gesetz hin und her: Es ist Inge Hannemann hoch anzurechnen, dass die sich mutig gegen ein Unrechtssystem engagiert. Indem sie zunächst ihre “Kunden” anständig und wie Menschen behandelte. Und andererseits der Öffentlichkeit durch Veröffentlichungen aus der Praxis dieses System die Augen öffnet. Das System schlägt nun zurück. Weil eines seiner Rädchen in dessen unmenschlichen, ja vielfach unsinnig programmierten Getriebe nicht wie geschmiert laufen will. Und deshalb aus ihm ausbricht. Aus diesem Grunde wird die Jobcenter-Mitarbeiterin Inge Hannemann nun sanktioniert, weil sie ihren “Kunden” mit sinnlosen, aber im Einzelfall schmerzliche Auswirkungen zeitigenden Sanktionen nicht das ohnehin schon beschwerliche Leben schwer machen will. Eine Gesellschaft, in welcher das Unrecht immer größere Ausmaße annimmt und die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergeht läuft Gefahr ihre demokratische Verfasstheit auf’s Spiel zu setzen. Es ist löblich, dass es Menschen wie Inge Hannemann gibt, die sich dieser bedenklichen Entwicklung entgegenstemmen, indem sie sich für Schwächsten der Gesellschaft verwenden und Öffentlichkeit über die gesellschaftlichen Missstände herstellen. Hannemann kritisiert, dass Hartz-IV den Betroffenen so gut wie nicht hilft. Vielmehr ist es ein System, das die Menschen abstempelt und aus der Gesellschaft ausgrenzt. Der vor Kurzem verstorbene Stéphane Hessel wäre mit ziemlicher Sicherheit zu Lebzeiten stolz auf Inge Hannemann gewesen. Ganz im Sinne seiner Streitschrift “Empört euch!” hat sich die sympathische Frau gegen unhaltbare gesellschaftliche Zustände aufgelehnt. Und sie hat auf ihr Herz gehört und sozial-engagiert gehandelt. Obwohl dieses Handeln ihr nun zum persönlichen Schaden gereicht. Zivilcourage ist das. Chapeau! In Deutschland benötigen wir dringend vernünftige Gesetze, die Whistleblower wie Inge Hannemann und andere schützen. Wird das Hartz-IV-System durch Hannemanns mutiges Vorangehen nun stärker hinterfragt werden? Und wird die Politik kluge Konsequenzen aus den dabei erzielten Erkenntnissen ziehen? Wünschenwert wäre es. Inge Hannemann ist jedenfalls schon einmal vorangegangen. Wer folgt ihr?

Eine Petition und bundesweite Solidarität für Inge Hannemann

Schon kurz nach Bekanntwerden der “Freistellung” der Jobcenter-Mitarbeiterin Hannemann rollte eine breite Unterstützungswelle an. Und sie hält an. Über soziale Medien, e-Mails und per Post erfährt Inge Hannemann eine enorme Solidarität. Bundesweit. Auch ist sehr rasch eine Petition für die sofortige Abschaffung der Sanktionsmaßnahmen gegen die engagierte “Aufmüpfige”, Inge Hannemann, auf den Weg gebracht worden.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (3)

Mickaela 29.04.2013 | 11:35

@ Exilant
Sie vertritt die berechtigten Interessen der AlgII-Bezieher viel stärker als dies die überwältigende Mehrheit der HartzIV-Betroffenen selbst tut.

Ja, sie haben recht.

Ich bin immer wieder, wenn ich kommentiere, erstaunt, wieviel Pillepalle von unberufenen Postern/Kommentatoren unwidersprochen! angeführt wird.

Ich denke, das ist teilweise auh darin begründet, dass ein großer Teil denkt: Ich kann ja eh nichts ändern, und der andere Teil gewissermaßen schon "gebrochen" ist.

Daher tut jede kleine Hilfe - jeder fundierte Kommentar - gut und ist der einzig gangbare Weg, mehr Menschen auf die sittenwidrigen, menschenverachtenden Praktiken aufmerksam zu machen.

Zumal durch Strafen, meines Wissens, noch kein einziger Arbeitsplatz mehr geschaffen wurde..

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Ehemaliger Nutzer 29.04.2013 | 17:21

Das Auffälligste ist hier auch mal wieder das zum Haare Ausreißen Erschreckendste, Niederschmetterndste und Skandalöste: diese Frau scheint innerhalb dieser gesamten „Sozialverwaltung“ der einzige Mensch zu sein, der sich nicht zum 150%igen Büttel staatlicher Armutsproduktion, des Fertigmachens und der gezielten Repression machen lassen will.

Und das nicht etwa, weil sie diesen terroristisch-schikanösen Drecksladen nach allen Regeln der Kunst ordentlich sabotiert und ihre „Dienstpflichten“ gegenüber ihren „Arbeitgeber“ verletzen würde (wobei ich nichts gegen Menschen einzuwenden hätte, die so handelten), sondern sich mit ihrer Handlungsweise noch völlig im Rahmen der (alles andere als Menschenfreundlichen) Sozialgesetzgebung befindet. Was in diesen Land allein schon genügt, um jemanden die berufliche Existenz zu nehmen und zu brechen.

Der größte Hammer ist allerdings, dass nach aller Repression, nach allen Mobbingattacken, Aufhetzungen der Kollegen (ob die überhaupt von Nöten war?) und Bespitzelungen gegen Frau Hannemann," ihrer Gewerkschaft“ (Verdi) nichts besseres einfiel, ihre weniger Angstbesetzte und ohne permanente Sanktionsdrohungen praktizierte „Vermittlertätigkeit“, als „Störung des Betriebsfriedens“ und „Verletzung ihrer Dienstpflichten“ gegenüber ihren „Arbeitgeber“ zu bezeichnen und ihr so den finalen Tritt zu versetzen

Sozusagen als weiteres Beispiel ihrer famosen Vereinstätigkeit und ihrer ganz speziellen Art gewerkschaftlicher Solidarität.

Ein Verein, der am liebsten und in erster Linie eine deutsche Behörde wäre und auch nur deswegen noch nicht Deutsche Arbeitsfront heißt.