Rumpeln wir in die "dritte große Depression"?

Texte zur Krise Projekt "Ökonomisches Alphabetisierungsprogramm" (pad-Verlag/Labournet) Vorgestellt:" Weltwirtschaftskrise als Zeitenwende? Krise ohne Ende?" von Ekkehard Lieberam
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“Die gegenwärtige Finanz- und Wirtschaftskrise, deren Ende nicht abzusehen ist, ist vermutlich auf dem Wege, zur schwersten Krise in der dreihundertjährigen Geschichte des Kapitalismus zu werden. Ekkehard Lieberam beschreibt die Dimension der aktuellen Systemkrise und ordnet sie als ‘dritte große Depression’ ein.” (pad-Verlag)

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Krisensymptome: Wirtschaftlicher Abschwung bzw. Stagnation; Foto: Gerd Altmann/H. Braxmeier, via Pixelio.de

Krise kommt. Krise geht. So mögen sich höchstens Verirrte im dunklen Wald unter lauter Bäumen Mut machen, doch bald einen Ausweg zu finden. Womöglich sich auch vage daran erinnernd, dass dem Kapitalismus sind Krisen immanent sind. Und dieser Hans Dampf in allen Gassen es in seiner dreihunderjährigen Geschichte immer wieder schaffte mit Anpassung und Innovationen schaffte sich stets aufs Neue quasi neu zu “erfinden”. Beziehungssweise: diesen Anschein zu erwecken. Denn von Grund auf ist der Charakter des Kapitalismus unverändert geblieben: Hungrig auf Rendite, gierig auf höchsten Profit, egoistisch, menschenverachtend und zutiefst ungerecht. Doch ist die aktuelle – uns nun schon seit 2007 beschäftigende – Krise wirklich auf dem besten Wege ihrem Ende entgegen zu gehen? Das ist mit Blick auf die Realität stark zu bezweifeln. Was ist also, wenn diese Krise eine Krise ohne Ende ist? Könnte diese aktuelle Weltwirtschaftskrise dann eine Zeitenwende und somit gar das Ende des Kapitalismus bewirken? Schließlich sprechen inzwischen selbst ausgewiesene, betreffs sozialistischen Gedankengutes unverdächtige Konservative oder schreiben sich als konservativ begreifenden Medien über der derzeitigen von einer der schwersten Krise des Kapitalismus. Na, gar so schnell schiessen die Preußen bekanntlich nicht.

Geschichte und Wesen vorangegangener Krisen

Der Sozialwissenschaftler Ekkehard Lieberam hat sich tiefer lotende Gedanken über die momentane Krise und darüber hinaus gemacht.
Lieberams Veröffentlichung “Weltwirtschaftskrise als Zeitenwende – Krise ohne Ende?” im pad-Verlag Bergkamen, erschienen im Rahmen des pad-Projektes “Ökonomisches Alphabetisierungsprogramm” (in Zusammenarbeit mit Labournet) beleuchtet zum besseren Verständnis zunächst vorangegangene Großkrisen. Die da wären: Die erste zyklische Krise von 1823/1824, die in Deutschland lediglich als Agrarkrise auftrat. Weitere “Überproduktionskrisen, mal stärker mal schwächer, die zumeist in Zyklen von sieben bis elf Jahren ablaufen. (auf Lieberams Heft auf S. 13 oben) Der Autor zitiert Karl Marx bezüglich auftretender Symtome: “Zustand der Ruhe, wachsende Belebung, Prosperität, Überproduktion, Krach, Stagnation, Zustand der Ruhe, etc. (Karl Marx, Das Kapital, Dritter Band, MEW, Band 25, Berlin 1964, S. 372)
Wir erfahren: “Die erste internationale Krise war die von 1857.” (S. 13 unten) Während vorherige Krisen stets im industriealisierten England ausbrachen, ging diese von den USA aus. Lieberam kommt dann auf die “Jahrhundertkrise” des 19. Jahrhunderts, die in Wien begann und “das gesamte Kontinentaleuropa und den gesamten amerikanischen Kontinent” (S. 14 oben) erfasste. Diese Ausflüge in die Geschichte sind sehr hilfreich für die Leser um die Ursachen von Kapitalismus-Krisen bzw. deren Verlauf und die jeweiligen Auswirkungen zu erkennen.

Verheerende Auswirkungen, besonders in Deutschland, hatte die “Gründerkrise” (1873/1874). Ekkehard Lieberam zitiert auf Seite 19, Mitte die Kieler Zeitung, welche Anfang 1877 schrieb: “In den Elbstädten Altona, Hamburg, Ottensen und Wandsbeck ist der Überfluß an Arbeitskräften so groß, daß die größten Arbeitsstätten, wie Häuser-, Straßen und Sielbauten, Fabriken, Kais, Werften, Brauerein usw., täglich von Beschäftigung suchenden Arbeitern förmlich belagert werden (…)”

Geschichtlich weiter fortfahrend kommt Lieberam zur Weltwirtschaftskrise 1929. Zuvor war es Deutschland Jahre nach dem Ersten Weltkrieg noch zu einer “deutlichen Belebung” der Wirtschaft gekommen. Eine trügerische Belebung, wie sich bald herausstellen sollte. Die damalige SPD ließ sich zunächst sogar dazu hinreißen, angesichts dieser Belebung von einem ewigen Aufschwung zu träumen. Zitat Rudolf Hilferding auf dem SPD-Parteitag in Kiel am 26. Mai 1927: “Das ist das Entscheidende, daß wir augenblicklich in der Periode des Kapitalismus uns befinden, in der im wesentlichen die Ära der freien Konkurrenz, in der der Kapitalismus rein durch das Walten der blinden Marktgesetze beherrscht war, überwunden ist.”

Am Rande bemerkt: Damals irrte die SPD. Und heute wird klar: Die Partei, die ihr 150-jähriges Bestehen feiert, hat sich inzwischen völlig verirrt …

Interessant – auch im Hinblick auf die derzeitige Krise: “Bemerkenswert ist der unterschiedliche Verlauf der Weltwirtschaftskrise in den einzelnen Industrieländern.” (S. 31 oben) Auch momentan erleben wir wieder, dass einige Staaten (vorerst) relativ gut durch die Krise kommen, während Ländern wie Griechenland, Portugal und Spanien große Probleme haben.

Fünf Merkmale der gegenwärtigen Weltwirtschaftskrise

Ekkehard Lieberam erkennt hinsichtlich der seit 2008 (wie bei den Großen Depressionen des 18. und 19. Jahrhunderts) währenden Weltwirtschaftskrise fünf Merkmale. Erstens: Es gehe im Kern um eine Verflechtung von Überproduktionskrisen und einer diese überlagernden längerfristigen strukturellen Verwertungskrise des Kapitals. Ein “ökonomischer Ausweg”, so Lieberam (“abgesehen von der Auslösung eines großen Krieges), sei “diesmal” nicht “in Sicht”.

Zweitens: Die gegenwärtige Weltwirtschaftskrise trage den “Charakter als globale Krise einer seit den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts wuchernden Finanzindustrie. Treffenderweise macht Lieberam deutlich, dass es sich dabei um einen seltsamen Begriff handele, “weil er suggeriert, diese Industrie produziere wirklich Finanzen bzw. Geld”.

Drittens habe die Weltwirtschaftskrise ein bedeutsames Merkmal: “ein mittlerweile schon gut 15 Jahre währendes Durcheinander der Bewegung (nach Jürgen Kuczynski) von Konjunktur und Krise, verbunden seit nunmehr fünf Jahren mit einer fast überall andauernden Wirtschafslage zwischen Depression und Stagnation.”

Viertens, so Lieberam auf Seite 41, schlügen “diesmal außerordentlich angewachsene Staatsausgaben (vor allem an die Banken) – Bankenrettung! (Anmerkung C.-D. Stille) – schwer zu Buche.

“Ein wichtiges Merkmal des Krisenverlaufs ist die modifizierte Fortsetzung der neoliberalen Kapitalsoffensive in der Krise”, notierte der Autor unter “Fünftens”. Lieberam gibt zu Bedenken: “Wer von einem bevorstehenden Ende des Neoliberalismus redet, übersieht die negativen sozialpolitischen Entwicklungen und vor allem die unveränderten machtpolitischen Realitäten.” (S. 43 oben)

Die Deutungshoheit von Charakter und Ursachen der Krise und das Versagen der Medien

Mit hinzu zu denken ist, was Ekkehard Lieberam bereits auf Seite 9 seiner Veröffentlichung schreibt: “Die Deutungshoheit über Charakter und Ursachen der Krise im Alltagsbewußtsein liegt weiter bei den Regierenden.”

Dass das so ist, möchte ich hier anmerken, liegt vor allem am miserablen Zustand von weiten Teilen des (maßgeblichen, sprich: Meinung machenden) Deutschen Journalimus. Diese Mainstream-Journalie tönt erschreckend unkritisch fast unisono, den Merkel-Unsinns-Satz “Diese Bundesregierung ist die erfolgreichste Bundesregierung seit der Wiedervereinigung” zu allem Überfluss auch noch mit rosaroter Propagandasoße übergießend: “Deutschland geht es gut.”, “Wir haben alles richtig gemacht.” Kritische (mediale) Geister – stellvertretend seien hier nur die NachDenkSeiten genannt – können dagegen nur schwer, aber immerhin zunehmende Aufmerksamkeit gewinnend, anstinken.

Falsche Antworten auf die Krise

Ekkehard Lieberam kommt über den Rückblick auf vergangene Krise zur Gegenwart und somit auf die aktuelle Systemkrise. Der Sozialwissenschaftler ordnet sie als “dritte große Depression” ein. “Fiskalpolitische Austerität, Lohnsenkungen und der Fortbestand eines fast schrankenlosen Finanzystems und die Verfolgung nationaler wirtschaftlicher Interessen auf Kosten anderer Länder (hier ist Deutschland “Spitze”; Anmerkung C.-D. Stille) sind die falsche Antwort auf die aktuelle Krise.”

Gebremste Hoffnungen

Eventuell überbordende Hoffnungen indes bremst Lieberam mit realistischem Blick. “Doch allein die Losung nach der Überwindung des Kapitalismus”, dies können sich auch Linke hierzulande hinter den Spiegel stecken, “ist zu abstrakt”. Es ginge “primär” vielmehr um “verständliche Forderungen zur Veränderung der Macht- und Eigentumsverhältnisse”. Aufgeklärt gehörten die “bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse und die Mechanismen der kapitalistischen Produktionssweise”. Begnügen dürfe man sich nicht “mit der Bekämpfung ihrer sozialen und politischen Auswirkungen auf der Symtomebene”.

Lieberam lässt uns unter Berücksichtung von Marxens Erkenntnissen die Krise verstehen

Ekkehard Lieberam hat uns mit seiner Publikation eine Art Leitfaden an die Hand gegeben, der uns – nicht zuletzt durch den Blick zurück in die Vergangenheit – einen Weg weist, der in eine (bessere) Zukunft führen könnte. Ein Weg jedoch, der steinig ist. Ein Weg auf dem die auf ihn Wandelnden Herz und Hirn gebrauchen, aber jederzeit mit auch Unbill rechnen müssen, weshalb unterwegs wohl auch – so fürchte ich – auch hart Zupackende benötigt werden dürften.
Ekkehard Lieberam stellt seinem ersten Kapitel “Kampf um die Deutungshoheit: gegen Illusionstheater” ein Satz des Soziologen Wolfgang Streek aus “Gekaufte Zeit” voran:

“Ich bin jedenfalls davon überzeugt, dass man die aktuelle Entwicklung der modernen Gegenwartsgesellschaften ohne den Gebrauch bestimmter auf Marx zurückgehender Schlüsselbegriffe nicht auch nur annähernd verstehen kann.”

Dass wir die aktuelle Entwicklung jedoch immerhin ein Stück weit verstehen haben wir dem Büchlein von Ekkehard Lieberam zu verdanken. Dies hat freilich auch mit den Erkenntnissen Marxens zu tun, auf denen auch Lieberam wandelt, um uns über die aktuelle Krise ins Bild setzen.

Krise kommt. Krise geht? So einfach ist das nicht. Es ist nicht mehr als ein Rufen Verirrten im dunklen Walde. Mit Rufen allein werden wir auf Dauer nicht weiter kommen. Und der Kapitalismus dürfte uns auch noch eine geraume Weile beschäftigen. Und unter Umständen noch (böse) Überraschungen bereithalten. Rumpeln wir womöglich in die dritte große Depression, wie es Ekkehard Lieberam für möglich hält? Was kommt danach?

Ekkehard Lieberams Beitrag – wie auch alle anderen im pad-Verlag im Rahmen der des Projektes “Ökonomisches Alphabetiserungsprogramm” erschienen Publikationen – sind Menschen, die Ökonomie und die Großkrise verstehen lernen wollen, wärmstens ans Herz gelegt. Einige dieser Veröffentlichungen sind hier bzw. auf Readers Edition bereits vorgestellt worden.

Artikelfoto: Altmann/Braxmeier via Pixelio.de

Das Buch:
Ekkard Lieberam
Weltwirtschaftskrise als Zeitenwende
Krise ohne Ende?
Erschienen und zu beziehen beim pad-Verlag Bergkamen
pad-Verlag Bergkamen; ISBN 978-3-88515-253-8

Preis 5 Euro

16:33 24.05.2013
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Geschrieben von

asansörpress35

Politischer Mensch, der seit der Schulzeit getrieben ist, schreibend dem Sinn des Lebens auf die Spur zu kommen.
asansörpress35

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