Stimmungsmache wider die Aleviten

Aleviten Zur Zeit des Ramadan kommt es in der Türkei immer wieder zu Stimmungsmache gegenüber alevitischen Mitbürgern. Schmierereien sind da noch das Harmloseste.
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Sevim Dagdelen (2010); Photo: Autor

Derzeit ist bekanntlich Ramadan (türkisch: Ramazan). Der islamische Fastenmonat. Nicht alle Muslime fasten. Manche dürften die Regeln strenger befolgen, andere dagegen vielleicht etwas lockerer damit umgehen.

Die Mehrheit der türkischen Muslime sind Sunniten. Die Aleviten, welche sich als religiöse Minderheit begreifen, vom türkischen Staat jedoch bis heute nicht als eine solche anerkannt sind, fasten nicht. Ebenso wie Christen oder in der Türkei lebende Ausländer. Im Fastenmonat herrscht jedoch weitgehender Respekt gegenüber den fastenden Mitbürgerinnen und Mitbürgerinnen. Das ist natürlich auch für Aleviten eine Selbstverständlichkeit. Jedoch behalten sie ihren normalen Lebensrhythmus bei. Niemand von ihnen wird jedoch vorsätzlich einen sunnitischen Mitmenschen provozieren. Leider bringen manche sunnitische Mitbürger umgekehrt kein Verständnis gegenüber den Aleviten auf. Das mag auf archaische Überlieferungen und größtenteils auf immer wieder neu befeuerte Vorurteile gegenüber denen zurückzuführen sein. Hinnehmbar ist es deswegen nicht.

Die Bochumer Bundestagsabgeordnete Sevim Dagdelen besuchte alevitische Familien in der Türkei, deren Häuser zur Ramadanzeit beschmiert wurden

Die Bochumer Bundestagsabgeordnete der Partei DIE LINKE Sevim Dagdelen weiß, dass es leider in der Ramadanzeit in der Türkei immer wieder zu Angriffen gegen Aleviten kommt. Sie ist der Meinung, dass sich in der Türkei unter der AKP-Regierung „eine regelrechte Progromstimmung gegen Minderheiten etabliert“ habe, „die jederzeit aktivierbar scheint“. Leidtragende sind momentan alevitische Türken. Bei ihrem kürzlichen Besuch von sieben Familien in Güre (Nordägäis), deren Häusern mit Kreuzen beschmiert – sozusagen gebrandmarkt wurden – wurden, erfuhr die Politikerin: Besonders in den letzten zwei Jahren seien immer öfters in der Ramadanzeit auch Steine gegen die Fensterscheiben geworfen worden. Geahndet würde derlei nicht, beklagt Dagdelen. Es gäbe weder Verhaftungen noch Anklagen, „auch wenn der/die (Täter, d. A.) bekannt“ seien. Schlimmer noch: Regierungsmitglieder beschimpften die Presse, weil sie über solche „Vorfälle“ berichtet. Möglicherweise sind dieses Jahr - mit Blick auf Syrien (Präsident Assad in Alawite) - einige sunnitische Gemüter besonders erhitzt. Was die Situation nicht ungefährlicher macht.

Sevim Dagdelen wird eine Anfrage an die Bundesregierung machen

Sevim Dagdelen auf Facebook: „Man versucht ein Klima der Einschüchterung und Angst zu schaffen. Leider schweigt sich die Bundesregierung dazu aus. Zu wichtig ist der NATO-Partner für die neuen Kriege im Nahen und Mittleren Osten.“ Wenn sie wieder zurück in Deutschland sei, verkündete die Politikerin, werde sie eine Anfrage dazu machen, dann müsse die Bundesregierung Farbe bekennen!

Auch die Alevitischen Gemeinde Deutschland e.V. zeigt sich alarmiert: Viele Aleviten in der Türkei lebten jeden Tag in Angst. Manche von ihnen hätten Angst, wenn morgens die Trommeln erklängen, um den Beginn des Fastens anzukündigen. Überdies beklagten sich viele über den Lärm. Sie müssten früh zur Arbeit und hätten ein Anrecht auf Nachtruhe. Stellungnahmen und Meldungen zum Thema finden Sie auf der Webseite der Alevitischen Gemeinde Deutschlands.

Auch in Deutschland selbst kam es bereits zu Eklats, die Aleviten betreffend. (Lesen Sie dazu einen Artikel in der Istanbul Post.)

Aleviten wurden und werden nach wie vor verunglimpft

In der Türkei sollen zirka 20 Millionen Menschen Aleviten leben. Als übelste und niederträchtigste Beleidigung gegen die Aleviten gilt das so genannte „MUM SÖNDÜ“ (Die Kerze ist erloschen). Von orthodoxer sunnitischer Seite wird in der Türkei seit Jahrzehnten die Geschichte von einem Ritus kolportiert, wonach bei den Aleviten die Familie zusammenkäme, das Licht dann gelöscht würde, und dann in einer Orgie Vater und Tochter, Mutter und Sohn, Bruder und Schwester miteinander Geschlechtsverkehr ausübten. Diese „kranken und widerlichen Phantasien“ geben nach Ansicht von Aleviten „viel über diejenigen Preis, die sie in die Welt setzen und nicht müde werden, sie zu wiederholen.“

Machtwort seitens der türkischen Regierung nötig

Um nicht falsch verstanden zu werden: Vorurteile gegenüber wen und was auch immer gibt es allerorten. Allerdings ist – besonders dann, wenn diese Vorurteile gemeingefährlichen Charakter annehmen, weil sie religiöser Eiferer zu Gewalttaten anstacheln können – Aufgabe der jeweiligen Gesellschaft dagegen unmissverständlich Flagge zu zeigen. Und in erster Linie sind da die Sicherheitsorgane gefragt. Gerade zur Zeit des Ramadan in der Türkei. Zumal sich diese „Vorfälle“ alljährlich wiederholen und demzufolge zur Genüge bekannt sein dürften. Es würde also für mehr Sicherheit sorgen, wenn türkische Polizei und Gendarmerie ein wachsames Auge auf potentielle Übeltäter hätten. Vordem müsste selbstverständlich die türkische Regierung ein unüberhörbares Machtwort sprechen und solche Angriffe auf eine religiöse Minderheit – sei sie nun offiziell anerkannt oder nicht – unmissverständlich verurteilen. Ertappte Täter muss die volle Härte des Gesetzes treffen. Ob in der Türkei eine „Pogromstimmung“ gegenüber Aleviten herrscht, wie es Sevim Dagdelen nennt – und Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan dies gewiss entrüstet von sich weisen würde – vermag ich von hier aus nicht einzuschätzen. Eines ist jedenfalls klar: Schon der leiseste Verdacht dahingehend muss Konsequenzen nach sich ziehen.

23:54 06.08.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

asansörpress35

Politischer Mensch, der seit der Schulzeit getrieben ist, schreibend dem Sinn des Lebens auf die Spur zu kommen.
asansörpress35

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