Sturmgeschütz feuert aus verengter Sicht

DER SPIEGEL Sturmgeschütz der Demokratie, das war einmal. Aus dem ehemaligen Nachrichtenmagazin ist eine Bild-Zeitung für Intellektuelle geworden. Auf dem Titel Hetze.
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Selbst langjährigen SPIEGEL-Leserinnen und Lesern geht immer öfters der Hut hoch. Abonnenten beschäftigen sich mit dem Gedanken, das „ehemalige“ - wie es oft mehr verächtlich als spöttisch heißt - „Nachrichtenmagazin“ ein für allemal abzubestellen. Und wenn schon des Längeren hier und da geätzt wird, der SPIEGEL sei zur Bild-Zeitung für Intellektuelle verkommen: das Lachen über diese Bemerkung ist einen unterdessen vergangen. Denn aus diesem anfänglichen Spaß ist längst bitterer Ernst geworden. Wenn man den SPIEGEL heute als Kampagnemedium bezeichnet und noch das Adjektiv neoliberal(es) davor setzt liegt man nicht falsch.

Nur die verengten Sehschlitze sind geblieben

Die SPIEGEL-Affäre und die Kampagne gegen Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß seinerzeit betreffend, räumte Rudolf Augstein damals ein „"Wir waren das Sturmgeschütz der Demokratie - mit verengten Sehschlitzen."

Dessen eingedenk muss heute konstatiert werden: Wenn der SPIEGEL damals „das Sturmgeschütz der Demokratie“ war, dann sind dem Hamburger Magazin heutzutage eigentlich nur die verengten Sehschlitze geblieben.

Der SPIEGEL instrumentalisiert die Opfer von MH-17

Auf widerliche Weise Zeugnis davon legt der SPIEGEL von dieser Woche ab: Die Hamburger machen mit einem Titel auf, das Bilder von Opfern des Fluges MH-17, welche in der Ukraine zu Tode gekommen sind, auf. Darüber ist in dicken Lettern geknallt: „Stoppt Putin jetzt!“

Übelste, in eine Richtung gerichtete Hetze. Es wird den Lesern des SPIEGEL – wie in manch anderen, sich wie gleichgeschaltet verhaltender deutscher Medien - suggeriert, der russische Präsident Wladimir Putin sei für die Toten von MH-17 verantwortlich. Bis heute gibt es weder Indizien geschweige denn Beweise dafür. Wenn es sie denn gäbe: Warum werden sie nicht vorgelegt? Schließlich ist der Luftraum der Ukraine bis nahezu in den letzten Winkel des Landes hinein überwacht.

Wo sind die Beweise für Russlands Schuld?

Halten wir fest: Beweise für eine Verantwortlichkeit Russlands für den mutmaßlichen Abschuss von MH-17 gibt es nicht.

Der SPIEGEL verhält sich deshalb in höchstem Maße journalistisch unseriös. Denn dessen Titel mit den darauf abgebildeten Opfern der malaysischen Todesmaschine von dieser Woche suggeriert, Putin hat nun, indem man ihm die Schuld dafür gibt, die allerletzte rote Linie überschritten. Weshalb verlangt wird ihn jetzt zu stoppen.

Ärgstes Bild-Zeitungsniveau

Das ist ärgstes Bild-Zeitungsniveau. Schlimmer: Wenn man so will, Kriegshetze. Beleidigung eines sachlichen, seriösen Journalismus sowieso. Und fern jeglicher Objektivität. Das Portal „Die Propagandaschau – ein niemals vollständiges Logbuch deutscher Medienpropaganda“ geht sogar noch weiter. In dem sie darauf hinweist, dass der neuerliche peinlich und m. E. nicht zuletzt gefährlich zu nennende Austicker des SPIEGEL „nicht die erste kriegvorbereitende Hetzausgabe des Hamburger Magazins (sei; d. A.), aber der Missbrauch von Opferbildern, verbunden mit einem kriegstreiberischen Aufruf, „eine neue Eskalationsstufe und einen neuen Tiefpunkt journalistischer Rechtschaffenheit“ darstelle, „wie man ihn allenfalls von Springers BILD oder Streichers STÜRMER kennt.

Im zum Titel gehörenden Leitartikel steht zu lesen:

“Die Absturzstelle von Flug MH-17 ist ein Albtraum, der Europa heimsucht. Noch immer liegen Leichenteile zwischen Sonnenblumen. 298 Unschuldige sind hier ermordet worden, die Welt wurde Zeuge als marodierende Banditen in Uniform die Toten bestahlen, ihnen die Würde nahmen.
Hier in der ostukrainischen Einöde, hat sich Putins wahres Gesicht gezeigt. Der russische Präsident steht enttarnt da, nicht mehr als Staatsmann, sondern als Paria der Weltgemeinschaft. Die Toten von Flug MH17 sind auch seine Toten, er ist für den Abschuss mitverantwortlich, und es ist nun der Moment gekommen, ihn zum einlenken zu zwingen -und zwar mit harten wirtschaftlichen Sanktionen. …..”

Am Sonntag sekundierte Spiegel-Online der Printausgabe

Unter dem Titel “Deutsche befürworten härtere Sanktionen gegen Putin” gab Spiegel Online – um im kriegerischen Jargon zu bleiben - sozusagen Feuerschutz. Angeblich sprachen sich jetzt 52 Prozent „für einen Handelskrieg gegen einen der wichtigsten Partner Deutschlands“ aus. Verwunderlich: „Noch im April sprachen sich etwa in einer Allensbach-Umfrage nur 28 Prozent der Ostdeutschen und 46 Prozent der Westdeutschen für Sanktionen gegen Russland aus“ merkt Heise (Telepolis) an. Was das womöglich einer Suggestivfrage geschuldet, die laut Spiegel TNS-Infratest im Auftrag des Magazins stellte: “Sollen nach dem Abschuss des malaysischen Flugs MH17 die Strafmaßnahmen gegen Russland verschärft werden?” Tönt das nicht danach, dass Russland, respektive Putin Schuld daran trägt?

Forum geschlossen, 69 Kommentare verschwunden

Dennoch nicht alle Rezipienten von Spiegel-Online (SPON) schlafen anscheinend. Nicht wenige wollten nämlich via Beiträgen im Forum Details zur Umfrage wissen. Immerhin hatten bisherige Umfragen Mehrheiten gegen ein verschärfte Konfrontation mit Russland ergeben. Spiegel-Online konnte offenbar nicht liefern. Schloss SPON aus diesem Grunde gegen 13.30 Uhr das Forum, wie Telepolis vermeldet? Verschwanden deshalb 69 Kommentare? Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.Die Frage, die laut Spiegel TNS-Infratest im Auftrag vom Spiegel stellte: “Sollen nach dem Abschuss des malaysischen Flugs MH17 die Strafmaßnahmen gegen Russland verschärft werden?” Eine Suggestivfrage, die suggeriert, Russland sei an dem Abschuss schuld, obwohl es dazu bisher keine Beweise oder Untersuchungen gibt.

Jämmerliches Bild des Journalismus in Deutschland

Die sogenannten Qualitäts- und Leitmedien - die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender von ARD und ZDF dazu gezählt, wenige kritische Magazine ausgenommen – geben seit Beginn der Ukraine-Krise ein jämmerliches Bild des Journalismus in Deutschland ab. Einseitig wird da berichtet statt objektiv. Meist im Sinne und Interesse von USA, NATO und EU. Die Stoßrichtung in die man wie gleichgeschaltet (noch) nur medial und ausgedruckt in dicken Lettern feuert hat nur eine geografisches Ziel: Russland und Putin. Da ist man sich nicht für die widerlichste Hetze zu schade. Der Publizist Peter Scholl-Latour hält die Ukraine-Krise für gefährlicher wie einst den Kalten Krieg. Die Berichterstattung darüber bezeichnete er auf Bayern Alpha (via You Tube) für falsch.

Obacht ist angebracht

In der Tat erleben wir fraglos derzeit eine gefährliche Phase. Wir sollten wachsam sein. Gedenken wir doch gerade des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges vor hundert Jahren. In den ist Europa damals nicht – wie mancher gern glauben machen will – schlafwandelnd, quasi mir nichts dir nichts hineingeschliddert sind. Haben wir denn nichts dazu gelernt? Nun, wir sollten nicht gleich den Teufel an die Wand malen und von der Gefahr eines Dritten Weltkrieges sprechen. Dennoch ist Obacht angebracht. RIANOVOSTI veröffentlicht auf seiner Seite eine Grafik. Darauf sind Militärmanöver verzeichnet, die noch in diesem Jahr auf dem Territorium der Ukraine geplant sind. Mehrere dieser Manöver überschneiden sich im Monat September. Zufall?

Wenigstens die Medien sollten sich eines sachlichen, möglichst objektiven Tones befleißigen

Um zum SPIEGEL und seinem jüngsten hetzerisch aufgemachten Titel, der ja bekanntlich nicht der erste dieser Art ist, zurückzukommen: Wenn wir schon im Augenblick keine verantwortungsbewussten und stattdessen weitgehend unfähigen Politiker in Europa und den USA haben - die statt alles daranzusetzen die Ukraine-Krise mit diplomatischen und friedlichen Mitteln zu entschärfen - weiter Öl ins Feuer zu gießen, sollten sich wenigstens die Medien eines sachlichen und um Aufklärung und Entspannung bemühten, objektiven Tones befleißigen.

SPIEGEL Teil eines mit scharfen Worten aufmunitionierten Vorkommandos

Ist das vom SPIEGEL zu erwarten? Wie es aussieht nicht. Die Redaktion schaut durch arg verengte Sehschlitze auf die Welt und erst recht auf die Vorgänge in der Ukraine. Gegen Putin und Russland wird beinahe im scharfen Stürmer-Ton medial gefeuert. Abscheulich! Der SPIEGEL ist wieder Sturmgeschütz. Aber nicht der Demokratie. Sondern anscheinend als Teil eines mit scharfen Worten aufmunitionierten politisch-medialen (kriegsvorbeitenden?) Vorkommandos. Manche Leser des einstigen Nachrichtenmagazins wenden sich angewidert ab. Andere kündigen ihre Abos. Vielleicht ist dass die Sprache, die die SPIEGEL-Macher verstehen? Und wenn es so sein sollte: Keine noch so hohen Verkaufszahlen dieses Hamburger Heftes rechtfertigen einen solchen Journalismus, der fast alle damit verbundenen Regeln missachtet.

14:11 28.07.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

asansörpress35

Politischer Mensch, der seit der Schulzeit getrieben ist, schreibend dem Sinn des Lebens auf die Spur zu kommen.
asansörpress35

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