asansörpress35
15.09.2013 | 15:52 4

UMfairTEILEN - 12.000 waren in Bochum dafür

Protest Die Spaltung unserer Gesellschaft in Arm und Reich nimmt zu. Diesen gefährlichen Riss zu überwinden, hat sich das Bündnis UMfairTEILEN auf die Fahnen geschrieben.

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied asansörpress35

Nach Bochum, der Stadt tief im Westen, welche deren prominenter Sohn Herbert Grönemeyer so treffend besang, war gestern neben Berlin zum UMfairTEILEN gerufen worden. Irgendwie passte m.E. ganz recht zu diesem Protesttag, dass tags zuvor in der Printausgabe von "der Freitag" der von Konstantin Wecker und Prinz Chaos II. verfasste Essay "Aufruf zur Revolte" erschienen war, den ich soeben im Bochumer Bahnhofspresseshop erworben habe.

Petrus hatte es nicht so gut mit Bochum gemeint. Dunkle Wolken hängen über der Stadt. Aber, letztlich, wie dann später zu erfahren war, werden es doch 12.000 Menschen gewesen sein, die an diesem Sonnabend den Weg in die Stadt inmitten des Ruhrpott gefunden hatten. Um sozusagen mit den Füssen für eine gerechtere Gesellschaft abzustimmen. Kurz: Mehrere Regenschauer haben niemanden etwas anhaben können. Man ist ja schließlich nicht aus Zucker.

Einer von insgesamt drei Demonstrationszügen sammelt sich im Zentrum. An der Massenbergstraße. Menschenhäuflein für Menschenhäuflein stösst zu den bereits Wartenden. Der Demo-Block schwillt an. Fahnen flattern im Wind, Plakate mit Forderungen nach Steuergerechtigtkeit und für einen Richtungswechsel in der Politik, einfallsreiche Kleidungsstücke und Kopfbedeckungen, teils qietschbunt und orginell sorgen für Farbtupfer unter dem grauen Himmel.

Den wachsenden Riss durch die Gesellschaft stoppen

Hardy & die Occupy-Singers aus Köln bereiten auf der LKW-Bühne musikalisch bestens auf das Kommende vor. Später ist es der Bochumer Superintendent Peter Scheffler, der dazu aufruft endlich Zeichen für eine gerechtere Politk zu setzen und den "wachsenden Riss" durch unsere Gesellschaft zu stoppen. Es müsse wieder für einen funktionierenden Sozialstaat gesorgt werden.

"Ran an den Speck!"

Nach dem Kirchemann nennt es Roman Denter (Attac) ein Skandal, dass in der Region mittlerweile 15 Prozent der Menschen armutsgefährdet. Seit 2003 lebten die Kommunen von der Substanz, beklagt Denter. Eine falsche Politik mache die Kommunen platt. Schon wisse man von einem Investitionstau von über hundert Milliarden Euro in Deutschland. Während Banken am laufenden Band gerettet würden, heiße es, für die nötigen Investitionen sei kein Geld da. Wo die Privatvermögen sich inzwischen verdoppelt hätten! Dann wird unweit der Bühne symbolisch umverteilt: Geld wird von den Superreichen zu den Kommunen getragen. Um das Gemeinwohl zu stärken. Denter: "Einen kommunalen Rettungsfond brauchen wir!" Man solle doch mal ins Grundgesetz hineinschauen. Denter: Da steht drin, dass befristet auch Abgaben auf die Vermögen von Superreichen erhoben werden kann. Der desolate Zustand der Kommunen sei ein solcher Fall, um dies anzuwenden. Demzufolge ertönt der vielstimmige Ruf: "Ran an den Speck!"

Jung und Alt an einem Strang

Ein Lob den Organisatoren: Pünklich setzt sich der "Massenbergstraßen-Block" in Bewegung. Kein Loch im Ablauf entsteht. Es geht tiefer in die Innenstadt hinein. Es wird getrötet und getrommelt. Andere schwenken Fahnen. Wieder einmal geht eine Husche runter. Wen juckt's? Am Rathaus geht es vorbei und später auch am Gebäudekomplex der Bochumer Stadtwerke mit dem Atrium, wo - aha! - weiland Peer Steinbrück fürstlich dotiert einen Vortrag hielt. Vor mir laufen Kollegen der IG Bau und der Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten (NGG). Auch der Geschäftsführer der NGG-Region Dortmund, Manfred Sträter, ist unter den Marschierenden. Auf Höhe des Bochumer Hauptbahnhofs sorgt der Ruf eines Passanten von Trottoir aus für Kopfschütteln und Heiterkeit: "Geht mal lieber arbeiten" schreit der Mann mit vor Wut verzerrtem Gesicht.

Schon bald darauf kommt dem Massenbergstraßen-Block auf gegenüberliegenden Fahrbahn ein zweiter Marsch-Block entgegen. Genauso bunt wie der eigne. Man winkt sich zu, hin und zurück. Dann ertönen, die Glieder durchbrummend, wummernde Technorythmen. Auf einem LKW produziert sich Gewerkschaftsjugend. Ein weißhaariger Kollege mit Rauschebart reicht mir einen "UMfairTEIELN"- Sticker (darauf ein Pfeil der von oben nach unten weist) und winkt dann heftigts den Jugendlichen gegenüber zu. Die winken lächelnd zurück. Ältere und Junge ziehen auf gewisse Weise - nur auf unterschiedliche Weise an einem Strang. Könnte so nicht eine sozial gerechte Gesellschaft aussehen?

Abschlusskundgebung vorm Bergbau-Museum: Chupacabras heizt ordentlich ein

Dann dauert es nicht mehr lange: Das Bochumer Bergbau-Museum ist erreicht. Der grün gestrichene Förderturm reckt sich den grauen Wolken entgegen. Nach und nach strömen die verschiedenen Blöcke auf die große Rasenfläche vor dem Museum. Wieder sind die Organisatoren zu loben: Für Speis und Trank zu annehmbaren Preisen ist genauso gesorgt wie für Toiletten. Hier endet der Sternmarsch. 12.000 UMfairtTEILER bevölkern den nassen Rasen vor der dem Bergbau-Museum gegenüberliegenden Bühne. Nahtlos schnurrt es im Ablauf weiter. Auf der Bühne, die schon vom Vorjahr bekannten Kölner temperamentvollen Musiker von "Chupacabras". Sie heizen den Tausenden ordentlich ein, animieren zum Mitsingen und Mitmachen. Was für eine Stimmung! Mag der Himmel auch wieder Regentropfen schicken.

Staatsversorgungskrise ist selbst organisiert

Fliegender Umbau. Jochen Marquard (DGB Ruhr-Mark) erinnert nicht nur, aber gerade mit speziellen Blick auf Bochum daran, dass die Daseinsvorsorge vielerorts auf dem Spiel stünde. Deshalb brauche es eine politischen Kurswechsel sowie gute und faire Arbeit. Die Staatsversorgungskrise nennt Marquard selbst organisiert.

Ulrich Schneider: "Wir wollen eine Umkehr. Einen politischen Richtungswechsel!"

Wie im vergangenem Jahr spricht abermals Ulrich Schneider für den Paritätischen Gesamtverband. Nichts ist besser geworden seither. Im Gegenteil. Schneider findet es skandalös, dass die Armut seit der Wiedervereinigung unseres Landes nie so groß gewesen sei wie heute. Ohne Zweitjobs kämen Viele nicht mehr aus. Ulrich Schneider hebt die Stimme: "Das sind amerikanische Verhältnisse! Die wollen wir nicht!" Wolle man den "kalten Weg der Ausgrenzung weiter gehen, fragt er in die Menge, oder nicht endlich wieder für Solidarität in der Gesellschaft sorgen?! Schulen verfielen, Bibliotheken und Schwimmbäder würden geschlossen. So ginge es nicht weiter. Es sei vielmehr Zeit klipp und klar zu sagen, was Deutschland nicht wolle. Deutschland sei freilich ein Wirtschaftsstandort, es müsse jedoch auch ein "Lebensstandort" sein. Ohne eine gerechte Steuerpolitik sei dies nicht zu machen. Der Applaus Tausender war Schneider sicher.

Hart ging Schneider gegen die Merkel-Einschätzung uns ginge es gut an. "Uns?" stösst Schneider laut fragend ins Mikrofon. Ja, Deutschland sei "stinkreich", dies käme jedoch immer weniger Menschen zugute. Nein, da zeigte sich Schneider entschlossen: "Wir wollen eine Umkehr. Einen politischen Richtungswechsel!" Desweiteren eine menschenwürdige Pflege, eine faire Entlohnung, und auch gleich gute Bedinungen für der Lehrer. Nicht zuletzt bräuchten von Hartz-IV betroffene Kinder Chancen. Scharf kritisiert Schneider die Idiotie der Schuldenbremse, die das Kürzen allüberall geradezu noch weiter fördere. Es dürfe nicht länger weggesehen werden, wenn Reiche und Superreiche reich und reicher würden, aber kaum Steuern zahlten, während der Sozialstaat immer mehr ruiniert werde. Schließlich geht der Chef des Paritätischen noch auf die Nöte der Bochumer Opelaner ein. Das Werk soll geschlossen werden. "Was sich hier bei Opel abspielt ist empörend! Hier sollen Tausende auf die Straße fliegen, bloß weit da einige in Amerika Monopoly spielen. Das ginge nicht nur das ganze Ruhrgebiet, sondern ganz Deutschland an."

Özlem Alev Demirel: Der Reichtum baut auf der Armut der anderen auf

Schneider am Rednerpult folgend, richtet Özlem Alev Demirel (DIDF) noch kurz einmal den Fokus auf die Proteste in der Türkei. Sie erinnert daran, dass erst kürzlich wieder ein Demonstrant durch die Polizei zu Tode gekommen ist. Demirel kritisierte dann die fortgesetzte Umverteilung von unten nach oben hierzulande und die Austeritätspolitik als großen Fehler im Allgemeinen. Eine vernünftige Umverteilung sei eine Gerechtigkeits- und Demokratiefrage. Reichtum baue momentan auf der Armut der anderen auf. Migranten müsse in alles gesellschaftlichen Bereichen mehr Gleichberechtigung widerfahren, so die DIDF-Funktionärin.

Akt ausgleichender Gerechtigkeit ist die Forderung von ver.di-Chef Bsirske

Auch Frank Bsirske, ver.di-Chef, analysierte den bedenklichen Zustand unserer Gesellschaft und brandmarkte die dafür verantwortliche Politik von Schröder bis Merkel mit scharfen Worten. Auf einen Nenner brachte er das so: "Wer hat, dem wurde gegeben!" Deutschland müsse endlich aufhören Steueroase und Niedriglohnland zu sein. Denn: "Gottgegeben ist das nicht!" Die Einführung einer Vermögensabgabe, faires Teilen , mehr Steuergerechtigtkeit und sichere, auskömmliche Renten gehörten nun einmal auf die Agenda und in einem "Akt ausgleichender Gerechtigkeit" ins Werk gesetzt.

"Vorwürfe"

Für "Spot the Drop" mussten dann Rednerpult und Mikrofon von der Bühne kurz von der Bühne weichen. Die beiden Männer waren gekommen, um ihrem Publikum etwas vorzuwerfen. Und wie sie das taten! Da wandert einiges zwischen den beiden Jongleuren hin und her. Wer da versucht war, an die Finanzströme auf dieser Welt zu denken, die zwischen oft dubiosen Akteuren rasend schnell und her switchen, dürfte nicht so falsch geleben haben. Wie auch immer: Die "Vorwürfe" von "Spot the Drop" sind - ob nun mit Bällen oder Kegeln hantieirend - Jongleure der Meisterklasse. Donnernder Applaus!

Opelaner wollen nicht klein beigeben

Kurz nehmen noch ein paar Opelaner mit einer Betriebsrätin an der Spitze die Bühne in Beschlag. Sie, die ihrerseits das Bündnis "UMfairTEILEN" soldiarisch unterstützten, bedanken sich für die große Solidarät der Bochumer mit ihnen, deren Arbeitsplätze aktut bedroht sind. Und informieren darüber, dass offenbar schon jetzt über das Verscherbeln der Flächen spekuliert werde, auf denen jetzt noch ihr Werk steht. Darob wird auch unter den Leuten auf dem Rasen vor dem Bergbau-Museum Empörung laut. Die Opelaner geloben nicht klein beigeben zu wollen. Letztens haben sie eine siebzehnstündige Betriebsversammlung abgehalten, ist zu erfahren. Einmal streikte kürzlich die Nachtschicht ...

Kabarettist Wilfried Schmickler: "Die müssen uns was ins Wasser

Nachdem Pult und Mikro gerade wieder stehen, kommt einer unserer zornigen Kabarettisten auf die Bühne: Wilfried Schmickler. Der hat es sich nicht nehmen lassen vor einem für den Abend angesagten Termin in Hannover noch seine Solidarität mit den Umfairteilern zu zeigen. Und so zieht Schmickler dann gewohnt scharf vom Leder. Die große Ruhe in unserer Gesellschaft und erst recht die erschreckende Beliebtheit der Bundeskanzlerin, bekannte Schmickler, könne er ganz und gar nicht verstehen: "Die müssen uns was ins Wasser machen! Und wenn nötig, erhöhen sie Dosis."

Zum Finale regnet's gelbe Taler - UMfairTeilung symbolisch

Das Finale ist dann noch einmal famos: Die Bühne füllt sich mit den bunten Akteuren. Sie pfeffern tellergroße Stofftaler mit "UMfairTEILEN - Reichtum besteuern"-Aufklebern darauf in die Menge. Die Leute schnappen danach wie wild. Gerade hält der Himmel wieder einmal das Wasser. Dafür regnet es nun lauter gelbe Taler. UMfairTaler. Welch Bild! Noch dazu vor der Kulisse des Bergbau-Museums mit dem grünen Förderturm. UMfairTEILEN symbolisch. Wie lange wird es noch bis zum realen UMfairTEIlEN sein? Man wird sehen. Na, erst einmal ist nächsten Sonntag Bundestagswahl ...

Bochum, tief im Westen, du warst ein guter Gastgeber für UMfairTeiler aus nah und fern. Den Regen hat man am Ende gar nicht mehr beachtet. Die 12.000 Fürsprecher einer sozial gerechten Gesellschaft, die für eine Demokratie überlebenswichtig ist, die per pedes ihre Stimme dafür im Herzen des Ruhrgebiets abgaben, sind eben nicht aus Zucker gewesen. Machtvolle Sache, das!

Mit dem "Aufruf zur Revolte" in der Tasche geht es zurück nach Dortmund. Ich lese im Zug auf Seite 13 in "der Freitag" unter der Hauptüberschrift: "Vielleicht muss gar nicht mehr viel passieren, bis wir aus dem Dormröschenschlaf erwachen. Zwei Liedermacher haben Hoffnung"

Konstantin Wecker, Prinz Chaos II, mögen sich eure Hoffnung im Volke in Taten verwandeln. Ich hoffe, ihr habt eure "Rechnung" nicht ohne den deutschen Michel gemacht.

Link zu einer kleinen Fotostrecke; Fotos: ansansörpress35 [Claus-Dieter Stille]

Hier geht es zum kostenlosen Download von "Aufruf zur Revolte. Eine Polemik"

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (4)

asansörpress35 15.09.2013 | 18:32

@Georg von Grote: Gewiss, die Frage muss erlaubt sein. Und meinetwegen auch an Herrn Bsirske (und andere) gestellt werden. Nur muss ja auch ein Bsirske anständig bezahlt werden. Darüber, was das bedeutet, muss freilich diskutiert werden. Jedoch dürfte der Gewerkschaftschef nicht zu den Superreichen zählen. Und Steuern wird er wohl doch zahlen. Und: Von seinen Forderungen wäre er ja auch selbst betroffen ...

Aber davon abgesehen, bleibt es doch wohl dabei: Wir brauchen eine gerechtere Gesellschaft. Die enorme Spaltung in Arm und Reich schadetnicht nur den Betroffenen, sondern über kurz oder lang auch der Demokratie.